Otto Sander, Schauspieler © dpa Foto: Klaus Franke

Otto Sander - Charakterkopf mit sonorer Stimme

Stand: 30.06.2021 11:13 Uhr

Unvergessen sind Otto Sanders Rollen als Kapitänleutnant Thomsen in "Das Boot" und als Trompeter Meyn in "Die Blechtrommel". Am 30. Juni wäre der gebürtige Hannoveraner mit der sonoren Stimme 80 Jahre alt geworden.

von Stefanie Grossmann

"Mit dem Alter ist es wie mit dem Wein, es muss ein guter Jahrgang sein", lautet ein bekanntes Sprichwort. 1941 muss ein guter Jahrgang sein - zumindest bei Schauspielern. Er hat Bühnen- und Filmgrößen wie Bruno Ganz, Jürgen Prochnow und allen voran Otto Sander hervorgebracht. Unvergessen sind seine Rollen als Kapitänleutnant Thomsen in "Das Boot" oder Trompeter Meyn in "Die Blechtrommel". Am 12. September 2013 stirbt der Schauspieler in Berlin.

Otto Sander: Peines schönstes Kind

Als Sander am 30. Juni 1941 in Hannover zur Welt kommt, gelten rote Haare, helle Haut und Sommersprossen nicht unbedingt als Schönheitsideal. Sein Großvater väterlicherseits soll beim Anblick in die Wiege bemerkt haben: "Das Kind hat rote Haare, aber das verwächst sich hoffentlich noch." Zu dem Zeitpunkt bekommt der kleine Otto davon noch nichts mit - auch nicht davon, dass ihn eine Peiner Zeitung zum schönsten Baby der Stadt kürt. In der niedersächsischen Kleinstadt verbringt Sander die ersten Lebensjahre mit seinen Eltern. Als Erstgeborener und lang ersehnter Stammhalter ist er der ganze Stolz der Familie. Später komplettieren zwei Brüder und eine Schwester die Sanders.

Otto Sander © imago/Future Image
AUDIO: Otto Sander: Der Vorleser mit der legendären Stimme (15 Min)

In der Kleinstadt Peine schauen die Bewohner aus dem Fenster und bilden sich eine Meinung über ihn. Später fragt sich Sander: "Was werden die Leute zu meinem Spiel sagen?" Der Schauspieler erzählt von der Schüchternheit, die ihn sein ganzes Leben begleitet - auch bei seiner Arbeit als Schauspieler. Trotz der vielen Aufmerksamkeit sei er nur mit einem geringen Selbstbewusstsein ausgestattet.

Die Theaterbühne spielt schon früh eine Rolle

Nach einer dreijährigen Zwischenstation in Oberbruch bei Aachen zieht die Familie 1954 nach Kassel. Die Jahre in der hessischen Stadt gehören für Sander zu den schönsten seiner Jugend. Er gründet einen Jazzclub, fährt Moped, führt mit Freunden Theaterstücke der Existenzialisten auf und diskutiert mit den künstlerischen Leitern der Documenta. "Avantgarde zu sein war damals zumindest in Kassel ziemlich einfach", so Sander. Er erinnert sich an seine ersten öffentlichen Aufritte: "Die absolvierte ich als Pantomime auf Abschlussbällen diverser Tanzschulen. Mit einem weißen Gesicht wie Marcel Marceau, rotem Clownsmund, Cutaway und Stresemann-Hose sah ich aus wie ein Maikäfer." Mitte der 1950er-Jahretritt er als Schüler erstmals als Statist im Kasseler Staatstheater auf.

Otto Sander kommt über Umwege zum Schauspiel

Weil der Vater Theaterspielen für brotlose Kunst hält, beginnt Sander in München zunächst als Kompromiss ein Studium der Theaterwissenschaften und Germanistik. Der Vater sieht den Sohn schon als Lehrer oder noch besser Schuldirektor vor sich. Aber Sander fühlt sich an der Universität nicht am rechten Platz und absolviert problemlos die Aufnahmeprüfung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule für Schauspiel und Regie.

Von Düsseldorf über Heidelberg nach Berlin

1965 nimmt Sander sein erstes Engagement an den Düsseldorfer Kammerspielen - einem kleinen freien Theater mit avangardistischen Ambitionen - an. Er bekommt 430 Mark Monatsgage und debütiert 1966 in dem Stück "Joel Brand". Seine nächste Station ist das Heidelberger Stadttheater, an dem er unter anderem mit dem Regisseur Claus Peymann arbeitet.

Otto Sander bei der Uraufführung von Robert Wilsons Stück "Death, Destruction and Detroit", Schwarzweiß-Aufnahme © picture-alliance
Otto Sander bei der Uraufführung von Robert Wilsons Stück "Death, Destruction and Detroit" im Jahr 1979 an der Berliner Schaubühne.

Doch Sander sucht die Herausforderung und bewirbt sich an der Berliner Volksbühne. Damit zieht er von der Peripherie ins Zentrum: "Die Bühne doppelt so groß, auch das Theater und die Stadt zehnmal so groß." Auch die Gage verdoppelt sich nahezu auf 1.050 Mark monatlich. Nach seinem Durchbruch in Peymanns Inszenierung "Sonntags am Meer" holt Peter Stein Sander an die neu gegründete Schaubühne. Dort spielt er in fast allen wichtigen Stücken unter dessen Regie. In den 1970er-Jahren erlangt die Experimentierbühne am Halleschen Ufer mit Schauspielern wie Sander und Bruno Ganz Weltruhm. 1979 verlässt Sander das Ensemble und arbeitet an bekannten Bühnen in Bochum, Wien und Berlin mit namhaften Regisseuren wie Peter Zadek, Luc Bondy oder Leander Haußmann.

Meret und Ben Becker - Sander bekommt eine Familie

Otto Sanders Lebensmittelpunkt aber bleibt Berlin. 1973 zieht er mit der Schauspielerkollegin Monika Hansen und deren Kindern Ben und Meret Becker in eine Wohnung in Wilmersdorf. Sie stammen aus Hansens Ehe mit Regisseur und Kollege Rolf Becker. Wie Sander ist auch Ben Becker rothaarig und immer blass. "Ich hatte gleich von Anfang an das Gefühl, dass es zwischen uns eine innere Verwandtschaft gibt", erzählt Sander nach einem ersten Treffen mit seinem Ziehsohn.

"Der Mann im Pyjama" - Erste Versuche beim Film

Der Schauspieler Otto Sander 1981 © dpa-Fotoreport
Für seine Rolle im "Mann im Pyjama" bekommt Otto Sander den Ernst-Lubitsch-Preis.

In den 1960er-Jahren übernimmt Sander erste Rollen in Kurz- und Abschlussfilmen von Hochschulabsolventen, obwohl es damals "verpönt war, neben der Theaterarbeit auch in Filmen zu spielen", wie er später berichtet. Als Kontrast zu den häufig ernsten und schwierigen Theaterstücken hegt er ein Faible für Komödien. Er hält sie für ein schwieriges Genre: "Zuschauer zum Lachen bringen, ist das Ernsteste, was es gibt." Da die Komödie damals nur eine geringe Wertschätzung genießt, will Sander ihr zu einem Neuanfang verhelfen. Und das gelingt - beispielweise mit Filmen wie "Der Mann im Pyjama" (1981), für den Sander den Ernst-Lubitsch-Preis bekommt.

"Engel Cassiel" - Abonniert auf tragikomische Charaktere

2007 bekommen Günter Lamprecht, Martin Semmelrogge, Otto Sander und Jan Fedder die Goldene Kamera für "Das Boot". © dpa-Report
25 Jahre nach der Premiere bekommen Otto Sander und Kollegen als Publikumslieblinge 2007 die Goldene Kamera für "Das Boot".

Weit bekannter sind allerdings seine Rollen, in denen er tragikomische Figuren mimt. Es sind vor allem Charaktere, die nicht auf den ersten Blick zu den begünstigten gehören, die mit etwas zu kämpfen haben oder sich unterordnen müssen. Das bleibt auch später so: In Wolfgang Petersens "Das Boot" ist er der verzweifelte Kapitänleutnant Thomsen, in Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel" der ewig betrunkene Trompeter und in Wim Wenders' "Himmel über Berlin" der hadernde Engel Cassiel.

In den 1990er-Jahren avanciert Sander als Streckenwärter Lansky in den "Polizeiruf 110"-Verfilmungen aus der Brandenburger Provinz zum Publikumsliebling. Darin ist er, was sehr selten vorkommt, gemeinsam mit Monika Hansen und Ben Becker zu sehen. In der ersten Folge "Totes Gleis" rückt Regisseur Bernd Böhlich Menschen in den Mittelpunkt, die von der Welt abgeschnitten ihren Träumen nachhängen. Der Film überzeugt auch die Kritiker und wird mit einem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Sander zeichnet "gut abgehangene Stimme" aus

Otto Sander 2011 bei den Dreharbeiten "Bis zum Horizont, dann links". © dpa
Otto Sander und Kollegen im April 2011 bei Dreharbeiten zu "Bis zum Horizont, dann links!"

Wer Sander nicht im Theater oder in Filmen erlebt hat, kennt vielleicht seine Stimme, die ihn unverwechselbar macht. Sander selbst hat sie einmal als "tief, sanft und unergründlich - einfach gut abgehangen" bezeichnet. Das macht ihn nicht nur als Synchronsprecher begehrt, sondern auch als Interpret für Hörbücher und Lesungen. Für seine langjährigen Verdienste um die deutsche Sprache erhält Sander 2010 den Deutschen Vorlesepreis. Von einer Krebserkrankung, die 2007 bekannt wird, erholt sich der Schauspieler zunächst. 2011 ist er wieder am Set und dreht die Seniorenkömodie "Bis zum Horizont, dann links!"

Sander hat in einem Interview einmal gesagt: "Mit diesem Äußeren wird man als Mann nicht ernst genommen. Man kann nur Intellektueller oder Spaßvogel werden". Beides hat er geschafft - und ernst genommen wurde er auch.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 30.06.2016 | 20:15 Uhr

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