Stand: 25.11.2019 14:04 Uhr  - NDR Info

Carl von Ossietzky: Ein mutiger Pazifist

von Moira Lenz, NDR.de
Von Ossietzky im Jahr 1923. Mit Kurt Tucholsky gründete er kurz nach dem Ersten Weltkrieg den Friedensbund der Kriegsteilnehmer.

"Mit seiner scharfen Feder stritt er gegen Militarismus und Nationalismus. Von ihm forderte die Zeit mehr als Zivilcourage, sie forderte von ihm das Leben." Als der damalige Bundeskanzler Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis erhält, erinnert er mit diesen Worten an den früheren Preisträger Carl von Ossietzky. Der Hamburger Journalist, der sich stets unbeirrbar für Frieden, Demokratie und Völkerverständigung einsetzte, starb am 4. Mai 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft. Bereits zu Lebzeiten war er eine Symbolfigur des Pazifismus.

Jugend in Hamburg

Geboren wird Carl von Ossietzky am 3. Oktober 1889 in der Großen Michaelisstraße 10 in Hamburg. Er bleibt das einzige Kind der Eheleute Carl Ignatius von Ossietzky und Rosalie Marie, geb. Pratzka. Der Vater, Sohn eines Kreisbeamten aus Oberschlesien, arbeitet nach seiner Übersiedlung nach Hamburg als Stenograf in der Anwaltskanzlei des Senators und späteren Hamburger Bürgermeisters Max Predöhl. Nebenbei betreibt er eine Speisewirtschaft in der Neustadt. Noch bevor Carl drei Jahre alt wird, stirbt der Vater überraschend. Da die Mutter nun die Gaststätte betreuen muss, wird der Junge hauptsächlich von seiner Tante erzogen. Unter Fürsprache von Senator Predöhl kann Carl die renommierte Rumbaumsche Schule besuchen, die fast ausschließlich Söhnen wohlhabender Bürger vorbehalten ist.

Mäßiger Schüler mit großem politischen Interesse

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Von Ossietzky hoffte, dass die NSDAP nach einer Regierungsübernahme an ihren inneren Widersprüchen zerfallen würde.

1901 heiratet die Mutter den Bildhauer und Sozialdemokraten Gustav Walther und nimmt Carl wieder zu sich. Zum ersten Mal kommt von Ossietzky mit Politik in Berührung, besucht Veranstaltungen mit August Bebel, einem der Begründer der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Die Mittlere Reife besteht er auch nach zweimaligem Anlauf nicht. Mäßig begabt in den Naturwissenschaften, will er Schriftsteller werden. Doch da ihm eine akademische Laufbahn verwehrt bleibt, bewirbt er sich um eine Stelle bei der Hamburger Justizverwaltung. 1910 wird er in das Grundbuchamt versetzt. Bereits zu dieser Zeit führt er eine Art Doppelleben: Tagsüber verbringt er die Stunden auf dem Amt, abends besucht er so viele kulturelle und politische Veranstaltungen wie möglich.

Am 19. August 1913 heiratet von Ossietzky Maud Hester Lichfield-Woods. Die politisch engagierte Tochter eines britischen Offiziers und einer indischen Fürstin tritt schon früh für die Gleichberechtigung ein.

Durch den Krieg zum Pazifisten

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist von Ossietzky 25 Jahre alt. Er wird als Infanterist an der Westfront stationiert. Seine Kriegserlebnisse in der Schlacht von Verdun sind so eindringlich, dass er als glühender Pazifist zurückkommt und künftig gegen den Fortgang des Ersten Weltkrieges anschreibt. Ab 1919 beginnt er als Sekretär der Deutschen Friedensgesellschaft in Berlin. Am 21. Dezember desselben Jahres wird die einzige Tochter, Rosalinde, geboren.

Kritik an Nationalsozialismus und Kommunismus

1922 wird von Ossietzky außenpolitischer Redakteur der "Berliner Volkszeitung" und beginnt, für die "Weltbühne" zu schreiben, eine Wochenzeitschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. Für die von Siegfried Jacobsohn gegründete pazifistische Zeitschrift arbeitet auch Kurt Tucholsky. 1927 wird von Ossietzky ihr Herausgeber. Er entwickelt sich zum großen Polemiker gegen die nationalsozialistische Gefahr - vor allem zum Kritiker hitlerfreundlicher Rechtsparteien und jener Kräfte in der Reichswehr und in der Justiz, die den Nationalismus begünstigen. Aber auch den Kommunisten hält er den Spiegel vor: Er beklagt, "dass in Rot-Russlands Vokabularium das Wort Freiheit nicht geduldet wird" und Moskau sich in den europäischen kommunistischen Parteien "willenlose Trabanten und stumme Diener" ziehen wolle.

Porträt des Journalisten Carl von Ossietzky um 1928 © picture-alliance / akg-images

Unbeirrt für Frieden und Demokratie

NDR Info ZeitZeichen

Am 4. Mai 1938 starb Carl von Ossietzky an den Folgen der Misshandlungen durch die Nazis. Aber die Botschaft des Friedensnobelpreisträgers lebte weiter.

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Der "Weltbühne-Prozess"

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Im Juli 1932 wird Carl von Ossietzky (M.) wegen des Ausspruchs "Soldaten sind Mörder" angeklagt, aber freigesprochen.

In den Blickpunkt der internationalen Öffentlichkeit gerät von Ossietzky schließlich durch seine Anklage im sogenannten Weltbühne-Prozess. Der Artikel, der zu der Anklage geführt hatte - "Windiges aus der Deutschen Luftfahrt" von 1929 - hatte die verbotene Aufrüstung der Reichswehr aufgedeckt. Ende 1931 wird von Ossietzky wegen Verrats militärischer Geheimnisse zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Aus der Haft schreibt er seiner Frau: "Unter Hochrufen ging ich durchs Gefängnistor. Dieser Tag, der der traurigste hätte werden können, ist für mich der stolzeste meines Lebens geworden." Obwohl 1932 amnestiert, wird er 1933 - noch in der Nacht des Reichstagsbrandes - wieder verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager gebracht, zuletzt in das KZ Esterwegen im Emsland, wo die Gefangenen unter furchtbarsten Bedingungen die Moore trockenlegen müssen.

In Haft misshandelt und erkrankt

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Freunde und politische Weggefährten begleiten von Ossietzky (3.v.l.) im Mai 1932 bis an das Tor der Haftanstalt Tegel.

In der KZ-Haft wird Carl von Ossietzky schwer misshandelt: Ein "zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen", so beschreibt ihn der Schweizer Diplomat Carl Jacob Burckhardt, dem es im Herbst 1935 gelingt, den Gefangenen im KZ Esterwegen zu treffen.

Thomas Mann und Albert Einstein setzten sich für von Ossietzky ein

Seine politischen Freunde setzen sich derweil dafür ein, dass dem Journalisten der Friedensnobelpreis zuerkannt wird. Sie werben ab 1935 bei zahlreichen Prominenten im Rahmen einer internationalen Kampagne um Unterstützung für ihren Vorschlag. Albert Einstein, Karl Barth und Thomas Mann sind nur drei der großen Namen, die sich für die Ehrung des Journalisten stark machen. Doch das Nobelpreiskomitee scheut sich, von Ossietzky den Preis zuzuerkennen - das NS-Regime übt starken außenpolitischen Druck auf die norwegische Regierung aus.

Stattdessen setzt das Komitee die Verleihung im Jahr 1935 aus. Erst ein Jahr später, am 23. November 1936, erkennt es Carl von Ossietzky die Auszeichnung rückwirkend für das Jahr 1935 zu. Da ist der Schriftsteller bereits todkrank: In der KZ-Haft hat er sich mit Lungentuberkulose infiziert. Erst am 6. November 1936, wenige Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises, wird er offiziell aus der Haft entlassen.

Friedensnobelpreis für den Nazi-Gegner

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1933 wird von Ossietzky im KZ Sonnenburg inhaftiert, später ins KZ Esterwegen im Emsland überführt.

Gegen den Willen des Nazi-Regimes nimmt Carl von Ossietzky den Preis an - und stellt sich damit offen gegen NS-Reichsmarschall Hermann Göring, der ihn persönlich gedrängt hatte, auf die Auszeichnung zu verzichten.

Mit mutigen Worten erklärt er seine Entscheidung: "Nach längerer Überlegung bin ich zu dem Entschluss gekommen, den mir zugefallenen Friedensnobelpreis anzunehmen. Die mir von dem Vertreter der Geheimen Staatspolizei vorgetragene Anschauung, dass ich mich damit aus der deutschen Volksgemeinschaft ausschließe, vermag ich nicht zu teilen. Der Nobelpreis für den Frieden ist kein Zeichen des inneren politischen Kampfes, sondern der Verständigung zwischen den Völkern."

Doch zur Verleihung nach Norwegen darf er nicht fahren. Wenig später verfügt Adolf Hitler, dass künftig kein Reichsdeutscher mehr einen Nobelpreis annehmen dürfe. Wenige Tage nach der Auszeichnung kommt von Ossietzky zur Behandlung seiner Tuberkulose ins Krankenhaus. Am 4. Mai 1938 stirbt er an den Folgen der Krankheit.

"Sieg über die Barbarei"

Willy Brandt, der in seiner Rede 1971 an Carl von Ossietzky erinnerte, war übrigens selbst maßgeblich beteiligt an der internationalen Kampagne für den Publizisten, die schließlich zu dessen Auszeichnung führte - eine Auszeichnung, die mehr war als nur eine symbolische Geste, wie Brandt in seiner Nobelpreis-Rede betonte: "Seine Ehrung war ein moralischer Sieg über die Mächte der Barbarei".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 04.05.2013 | 19:05 Uhr

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