Stand: 18.11.2019 15:56 Uhr  | Archiv

Grenzgeschichten: Vom Priwall zum Harz

Deutschland 1989 - ein geteiltes Land: im Osten die Deutsche Demokratische Republik, im Westen die Bundesrepublik Deutschland. Eine Sprache, zwei Systeme. Getrennt durch eine mehr als 1.400 Kilometer lange Grenze - und zwar nicht durch irgendeine Grenze, sondern durch die sicherste, komplexeste, am besten bewachte, die es bis dato gab. Sie durchzog den heutigen Nationalpark Harz, verlief an der Ostsee auf der Halbinsel Priwall und teilte die A2 in eine Ost- und eine Westautobahn - bis zum 9. November 1989.

Priwall: Geschlossene Grenze an der Ostsee

Im Norden Deutschlands, auf der Ostsee-Halbinsel Priwall, gab es die in ihrer Lage ungewöhnlichste Grenze zwischen der DDR und der BRD. Nur ein Weg führte vom Westen auf den Priwall: mit der Fähre über die Trave. Der Landweg war geschlossen. An der schmalsten, 300 Meter breiten Stelle zwischen Priwall und Land verlief die Grenze. 300 Meter Zaun, Stacheldraht, Grenztürme, Trennung. Heute erinnert nur ein Stein aus Granit daran.

Im weiteren Verlauf lag die Grenze entlang des Ufers des Pötenitzer Wiecks und des Dassower Sees. Eine Mauer versperrte den Menschen den Zugang zum See - bis nach 1989. "Wir konnten ja vorher nicht auf den See gucken und nichts", erzählt eine Anwohnerin, "und nun ist es herrlich". Etwa ein Meter des Seeufers gehörte zur BRD, falls Fischer vom Priwall oder aus Travemünde in Havarie gerieten, meint Ingrid Schatz, die Leiterin der Grenzdokumentationsstätte Schlutup, sich zu erinnern. In Schlutup befand sich der nördlichste Grenzübergang - genutzt für den Transitverkehr nach Skandinavien.

Für die Menschen in der Region änderte sich einiges durch die Grenzöffnung und Wiedervereinigung. Wie Andrea Hinrichs, Kulturbeauftragte der Stadt Dassow, es beschreibt: 1989 sei eine Welt zusammengebrochen. Kein Mensch habe ihnen vorher von der Ellenbogengesellschaft im Westen erzählt oder von den ganzen Gesetzen, erzählt die 49-Jährige: "Wir wurden dann ins kalte Wasser geschubst."

Helmstedt-Marienborn: Transitverkehr Richtung Berlin

Wach- und Kommandotürme am einstigen innerdeutschen Grenzübergang Marienborn-Helmstedt © dpa / picture-alliance Foto: Kay Nietfeld
Teile des ehemaligen Grenzübergangs Helmstedt-Marienborn sind noch erhalten.

Jeder, der vor 1990 auf der A2 nach Berlin oder Richtung Polen wollte, kam an den Grenzübergang Helmstedt-Marienborn. Eine berüchtigte Grenze, bei der die Reisenden oft viel Geduld mitbringen mussten. Während Helmstedt nah der Grenze in Niedersachsen liegt, ist das sachsen-anhaltische Marienborn vier Kilometer entfernt - mitten im Wald und damals mitten im Sperrgebiet. Das schränkte das Leben der Dorfbewohner deutlich ein. Die damaligen Grenztruppen - rund 1.000 Männer und Frauen - zogen es wohl deshalb vor, außerhalb der Sperrzone zu leben, etwa in Wefensleben. Nach Marienborn sei keiner gerne gekommen, meint Holger Schuster, der hier geboren wurde. Er betreibt heute einen Getränkemarkt, in dem er auch ein paar Dinge für den täglichen Bedarf wie Kaffee, Butter und Waschmittel verkauft. Damals habe man sich schnell umstellen müssen auf das, was dann kam. "Die erste Zeit war sogar besser als das, was jetzt ist." Doch im Ort hat sich auch einiges verändert. Das Bahnhofsgebäude des ehemaligen Transitbahnhofs ist mittlerweile in Privatbesitz, die Abfertigungsanlagen existieren nicht mehr.

Was von den ehemaligen Grenzanlagen an der A2 noch vorhanden ist, gehört heute zur Gedenkstätte "Deutsche Teilung Marienborn". Die Leiterin, Susan Baumgartl, kennt das Leben im Sperrgebiet aus eigener Erfahrung. Sie wuchs in Thüringen an der Grenze zu Hessen auf. "1989 und die Zeit danach war natürlich auch für mich eine sehr prägende Zeit. Ich denke, für viele Menschen in Deutschland ist diese Teilungsgeschichte immer noch sehr präsent." Wie die innerdeutsche Grenze damals ausgesehen hat, kann im nahe gelegenen Hötensleben besichtigt werden.

Geteiltes Gebirge: Der Harz

Auch im Bereich des Harzes hat die Wiedervereinigung einiges verändert. Das Mittelgebirge mit der höchsten Erhebung Norddeutschlands, dem Brocken, war geteilt: Zwei Drittel gehörten zur DDR, ein Drittel zur BRD. Viele Ortschaften im Harz waren vom Bergbau geprägt - und der Nähe zur Grenze. So wie Zorge am südwestlichen Harzrand. Seit 1989 hat sich die Einwohnerzahl Zorges halbiert, von 1.900 auf 900. Detlef Roggenbach, 76, Vorsitzender des Heimatvereins, erklärt, bis zur Grenzöffnung 1989 sei das Zonenrandgebiet gewesen. "Es gab Gelder, es gab Zuschüsse und so weiter und nun plötzlich waren wir ja mitten in Deutschland." Die Förderung fiel weg, der Kurbetrieb brach zusammen, drei Hotels schlossen.

Für Christian Juranek, 55, Geschäftsführer des Schlosses Wernigerode, gibt es seit der Wiedervereinigung Gewinner und Verlierer in der Harz-Region - gerade im Bereich Tourismus. In Teilen des Ostharzes, im sachsen-anhaltischen und im thüringischen Teil, gebe es Gewinner, Wernigerode an ganz erster Front. Die Verlierer seien vor allen Dingen kleinere Ort etwa im Südharz. Die Liste der verlassenen Einrichtungen ist lang: Kliniken, Erholungsheime, Hotels, Fabriken, Gruben. Denn auch der Bergbau ist zum Erliegen gekommen. "Die letzte Grube hat vor wenigen Jahren im Südharz bei Nordhausen geschlossen."

Heute finden sich im Harz restaurierte Ortschaften in Thüringen und Sachsen-Anhalt, schlechte Straßen in Niedersachsen und die überwucherte Grenze. Sie ist Teil des Projekts "Grünes Band": Der fast 1.400 Kilometer lange Geländestreifen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze soll zum Grüngürtel werden. Doch Türme und Plattformen, sofern sie hier und da noch stehen, sind verwaist.

Karte: Grenzgeschichten

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Moin! Die Reportage | 03.11.2019 | 06:30 Uhr

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