Stand: 31.01.2016 09:00 Uhr  | Archiv

Der Tod eines Jungen an der Grenze

von Siv Stippekohl
Ein Ausschnitt eines alten Fotos zeigt zwei Mädchen - links die Schwester von Harry Krause, rechts die Schulfreundin von der Schwester, Ursel Kaminski.
Harry Krause, seine Schwester Hannelore (l.) und ihre Freundin Ursula Kaminski (r.) gingen in Groß Thurow zusammen zu Schule.

Ursel Kaminski erinnert sich an die Aufregung, die Wut im Dorf. Niemand glaubt die offizielle Version der Geschichte, der Schuss sei versehentlich losgegangen und habe aus dieser Entfernung getroffen. Die staatlichen Stellen stellen fest, dass die Stimmung in Groß Thurow umschlägt. Ein Staatssekretär des Innenministeriums ist davon alarmiert, erzählt Jan Kostka. Der Mann schreibt im März 1951 an den Chef der Deutschen Volkspolizei sowie an den stellvertretenden Innenminister und beklagt, dass niemand mit der Familie Krause gesprochen habe.  Bei der Beisetzung des toten Kindes habe sogar die westliche Polizei einen Kranz geschickt, seitens der Volkspolizei sei nichts geschehen, man müsse den Mut haben, mit den Leuten zu sprechen. Eine Einwohnerversammlung wird in Erwägung gezogen. Die Planungen dafür dauern so lange, dass die Idee schließlich wieder verworfen wird. Am 17. November 1951, fast zehn Monate nach Harrys Tod schließlich, gibt es "eine Aussprache" mit Familie Krause. "Es ist überliefert, dass der Vater sehr wütend reagierte, dass er der Grenzpolizei und dem Staatsanwalt vorgeworfen hat, den Tod seines Kindes zu vertuschen", erzählt Jan Kostka.

Studie führt Freundinnen zusammen

Der Grabstein von Harry Krause
Das Grab des Jungen konnte seine Familie später nicht mehr besuchen - es lag im Grenzgebiet.

Ursel Kaminski wohnt damals Giebel an Giebel mit den Krauses. Mit Harry und seiner Schwester Hannelore ist sie zusammen zur Schule gegangen, die Mädchen sind Freundinnen. "Eines Tages ist Familie Krause plötzlich weg, bei Nacht und Nebel", erinnert sie sich. Niemand weiß, wo sie abgeblieben ist. Ursel Kaminski selbst und ihre Familie werden Jahre später, 1961, ebenfalls aus dem Grenzgebiet zwangsweise ausgesiedelt. Wo ihre Freundin Hannelore abgeblieben ist, erfährt Ursel nie. Bis 2014 in der Schriftenreihe der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR eine Studie der Politikwissenschaftlerin Sandra Pingel-Schliemann über die Grenze zwischen der Lübecker Bucht und der Elbe erscheint. Darin ist auch der Fall Harry Krause beschrieben. Ursel Kaminski nimmt Kontakt auf und hält im Februar 2014 die Telefonnummer ihrer alten Schulfreundin Hannelore in Händen. "Können Sie sich das vorstellen?" ruft sie und strahlt. Die beiden Frauen telefonieren nach über 60 Jahren miteinander, beide haben dabei ihr Fotoalbum aufgeschlagen, darin ein Foto von zwei Mädchen in Groß Thurow unter dem Apfelbaum: Ursel und Hannelore.

Nach 65 Jahren ein neues Erinnerungszeichen

Das Erinnerungszeichen für Harry Krause © NDR Foto: Screenshot
Eine Skulptur soll 65 Jahre später an das Schicksal des zehnjährigen Jungen erinnern.

"Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah", war auf dem Grabstein von Harry Krause zu lesen. Das Grab in Roggendorf konnte die Familie nicht mehr besuchen, sie durfte nicht ins Grenzgebiet zurück. Bekannte pflegten es für sie. 65 Jahre nach Harrys Tod gibt es das Grab nicht mehr, dafür nun aber in Groß Thurow ein Erinnerungszeichen des Künstlers Götz Schallenberg. Pingel-Schliemann hatte die Idee dafür, unterstützt wurde das Vorhaben von der Landesbeaufragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs 2016 der Waldorfschule Schwerin spendeten Einnahmen aus einem Theaterprojekt für die Skulptur, um die Erinnerung an das Schicksal von Harry Krause wachzuhalten.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 29.01.2016 | 19:00 Uhr

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