Stand: 13.05.2014 10:00 Uhr

Als die Norddeutschen auf Walfang gingen

Immer weniger Wale

Die goldenen Zeiten des Walfangs waren schon um 1750 vorbei. Durch das Abschlachten der Tiere schwammen immer weniger Wale durch das Eismeer. Viele Walfänger gingen nun dazu über, auch Robben zu jagen. Ab 1750 war dies sogar das Hauptgeschäft vieler Schiffe. Die Zeit für die Robbenjagd war knapp bemessen. Im März fanden sich die Robben zu Kolonien zusammen, um ihre Jungen zu werfen, im April lösten sich bereits die Kolonien wieder auf. An einem guten Tag - aus Sicht der Walfänger - erschlugen die Seeleute mehrere Tausend Robben innerhalb weniger Stunden.

Wie die Walfänger Robben jagten

Johan Roß schildert den Robbenfang, den er während seiner Reise auf einem Walfang-Schiff im Jahr 1818 selbst mitangesehen hat: "Die Europäischen Schiffe, welche auf den Wallfischfang ausgehen, nehmen gewöhnlich auch Robben mit die sie mit einem besonderen Robbenknittel, der unserm Bergmannsstock ähnlich ist, oft in einem Tag 3-400 Stück auf dem Eise todt schlagen, da die Thiere nicht gehen können, sondern nur rutschen. Von 3 bis 4 Seehunden erhält man ein Faß Speck. Gerne sonnen sich diese Thiere auf dem Eise; wird es aber stürmisch so begeben sie sich ins Meer. Auf dem Eissind sie recht lustig und treiben allerleiy Kurzweil. Die Robbenfänger schreyen sie an, dann werden sie stutzig, richten die Nase auf und erhalten gewöhnlich einen Schlag auf die Nase, weil der am wirksamsten ist. Bisweilen setzen sie sich zur Wehre, packen den Robbenschläger bey den Beinkleidern, und haben ein zähes Leben. Der Tran von den Seehunden ist weit besser als der von den Wallfischen. Für die Grönländer ist der Seehund das wichtigste Thier, ihre eigentliche Kuh."

Das schleichende Ende

Im späten 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert kehrten immer mehr Walfänger ohne Beute von ihrer monatelangen Reise zurück. Die Tiere waren nahezu ausgerottet. Dennoch hielten viele Städte noch lange am Walfang fest. Oft rechneten sich die Fahrten aber nicht mehr. In Altona stach bereits 1836 der letzte Walfänger in See, aus Elmshorn legte noch im Jahr 1872 ein Walfangschiff ab. Die Wirren in Folge der Napoleonischen Kriege versetzen dem Walfang in Glückstadt einen Stoß, von dem sie sich nicht erholen sollten. 1863 fuhr der Walfänger "der kleine Heinrich" zum letzten Mal aus. Kiel versuchte sein Glück von 1847 bis 1854 mit der "Nordstern", die aber vor allem auf den Fang von Robben aus war.

Walfang-Ende ein Schock für die Insulaner

Aber auch das politische Geschehen wirkte sich auf die Waljagd aus. Vor allem die englisch-niederländischen Seekriege behinderten den Walfang. Schließlich beschlagnahmten die Engländer die gesamte niederländische Walfang-Flotte. Das war vor allem für die Walfänger von der Insel Borkum ein Einschnitt, die fast ausschließlich auf den holländischen Schiffen angeheuert hatten. "Der Walfang endete für Borkum ganz abrupt im Jahr 1798", sagt der Borkumer Walfang-Experte Gregog Ulsamer. Der letzte Borkumer Commandeur fuhr 1802 aus. "Für die Borkumer bedeutete das Ende des Walfangs eine Riesenarmut." Denn der Walfang war 150 Jahre lang die Haupteinnahme-Quelle für die Insulaner gewesen. Viele Borkumer verließen in der Not die Insel. 1776 gab es 852 Bewohner, 1806 waren es dann nur noch 406. Der dramatische Bevölkerungsrückgang endete erst um 1850, als der Tourismus aufkam.

Auch die Wal-Produkte waren nicht mehr so gefragt. Im späten 19. Jahrhundert kam das Petroleum als Beleuchtungsmittel auf. Die Petroleum-Lampen leuchteten wesentlich heller, die Leuchten mit Waltran waren fortan als "Tranfunzel" verschrien. Auch die Mode hatte sich gewandelt, sodass die Kaufmänner auch das Fischbein der Wale nicht mehr einfach loswurden. Und so endete Ende des 19. Jahrhunderts die Epoche des historischen Walfangs.

"Olympic Challenger": Die letzten deutschen Walfänger

Beim modernen Walfang des 20. Jahrhunderts spielten die Deutschen keine große Rolle mehr. Zwar stellte Deutschland in den 1930er-Jahren eine Walfangflotte auf, um Walöl produzieren zu können - unter anderem für die Herstellung von Margarine. Aber mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges endete dieses Kapitel schon bald. Mit dem historischen Walfang, bei dem die Männer in den Ruderbooten um ihr Leben fürchten mussten, hatte die Jagd nun kaum mehr etwas gemeinsam. Die Tiere wurden nun "bequem" von Dampfschiffen aus mit Harpunen-Kanonen erlegt.

Nach dem Krieg sollte es keine deutschen Walfang-Schiffe mehr geben. Einige Norddeutsche heuerten allerdings auf der Walfang-Flotte des griechischen Reeders Aristoteles Onassis an. Die "Olympic Challenger" war fast ausnahmslos mit deutschen Mannschaften besetzt. Rund 22.000 Wale verarbeiteten sie in den 1950er-Jahren auf der Walkocherei unter Panamaflagge. 1957 verkaufte Onassis seine Flotte - und der deutsche Walfang lebt seitdem nur noch in Erzählungen fort.

So schilderten Zeitgenossen den Walfang

Wer mehr über den Walfang im arktischen Eismeer erfahren möchte, kann in diesen beiden zeitgenössischen Reiseberichten stöbern. Einfach den Link in den Internet-Browser kopieren und die alten Bücher digital durchblättern:

1. "Friderich Martens vom Hamburg" Spitzbergische oder Groenlandische Reise Beschreibung", gethan im Jahr 1671, gedruckt 1675
http://bit.ly/1mOp2jQ

2. Johann Anderson, und weyland ersten Bürgermeister der freyen Kayserlichen Reichsstadt Hamburg, Nachrichten von Island, Grönland und der Straße Davis, 1746
http://bit.ly/QAIQYP

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.07.2009 | 19:30 Uhr

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