Stand: 13.05.2014 10:00 Uhr

Als die Norddeutschen auf Walfang gingen

Gefahren im Eismeer

Ein Ölgemälde um 1688 zeigt niederländische Schiffe beim Walfang im Eismeer bei Spitzbergen © dpa
Während der Walfang-Saison tummelten sich viele Schiffe im Eismeer.

Der Walfang war ein gefährliches Unterfangen. Viele Männer kehrten nicht lebend zurück. Aber nicht der Kampf mit dem Wal war das Gefährlichste. Aus Eintragungen in den Borkumer Kirchenbüchern von 1733 bis 1800 geht hervor, dass in dieser Zeit 24 Borkumer Walfänger verunglückten. Aber nur zwei von ihnen fanden den Tod direkt bei der Waljagd: Einer wurde von einem Wal erschlagen, der andere ertrank, als seine Schaluppe von einem "Walfisch" umgeschlagen wurde. Die größte Zahl der Schiffsleute starb durch die Strapazen an Bord, durch Erkrankungen oder durch Schiffsunglücke. Immer wieder kam es vor, dass die Walfangschiffe vom Packeis eingeschlossen und zerdrückt wurden. Wer im Eismeer starb, wurde in einen Eichensarg gelegt und in die Heimat gebracht, wo sie auf ihrem Inselfriedhof bestattet wurden. Nur vereinzelt begrub man die Toten auf Spitzbergen. Viele Frauen verloren durch die Waljagd ihren Ehemann. Ein Beispiel: Auf Borkum waren im Jahr 1734 von 154 Frauen 44 Witwen.

Das Schicksal der "Wilhelmina"

Mitunter dauerte die Ausfahrt der Walfänger länger als die üblichen sechs Monate. So musste die Besatzung der "Wilhelmina" einst eine einjährige Odyssee überstehen. 1777 fror die "Wilhelmina" zusammen mit 50 anderen Schiffen bei Spitzbergen im Eismeer fest. Viele Schiffe gingen verloren, auch die "Wilhelmina" zerbrach im Packeis. Die Mannschaft rettete sich auf ein anderes Schiff. Für die 286 Männer gab es aber auf Monate hinaus zu wenig Essen: "Ich hätte manchmal beinahe geweint, wenn eine Erbse aus meinem Löffel fiel", schilderte später einer der Männer die Stimmung an Bord. Erst im Juli 1778 erreichten die Überlebenden schließlich den Hafen von Amsterdam.

Wo sind die Wale?

Stets im Frühjahr ging die die Reise für die Walfänger los. Drei bis sechs Wochen dauerte es, bis die "Grönlandfahrer" von Hamburg, Altona, oder Amsterdam aus die Fanggründe im hohen Norden erreichten. Das Problem war stets: Nie wussten die Seefahrer, wo genau die Wale zu finden sind. Oft vergingen für die Männer an Bord Wochen und Monate, ohne dass sie einen einzigen Wal sichteten. Pro Fangfahrt mussten mindestens vier Wale erlegt werden, damit die Expedition einen Gewinn abwarf.

War ein Wal in Sicht, wurden unverzüglich die sechs Schaluppen - das waren wendige Ruderboote - zu Wasser gelassen. Die Männer versuchten, so schnell wie möglich sich dem Wal zu nähern. Aus wenigen Metern Entfernung warf der Harpunierer seine Harpune auf das Tier - am besten in die "Blase Löcher". War der Wal getroffen, tauchte er sofort unter. Das Boot wurde an einer Leine, die an der Harpune festgemacht war, hinterhergezogen. Tauchte der Wal zum Luftholen wieder auf, wurde er mit Lanzen getötet. Oft war es ein stundenlanger Kampf. Ein erbeuteter Wal wurde seitlich am Schiff festgemacht. Nun stand das Abspecken an, Flensen genannt. Der Speck wurde in Stücke geschnitten, in Fässer verpackt und später in den Heimathäfen ausgekocht. Diese Trankochereien waren berüchtigt, denn das Kochen des Specks stank fürchterlich. Viele Anwohner beschwerten sich.

Harpunierer war am Gewinn beteiligt

Die Walfangschiffe hatten in der Regel 40 bis 45 Mann Besatzung. Der Commandeur suchte vor Antritt der Reise die so wichtigen Harpuniere und die Speckschneider aus. Rund 30 Mann waren Matrosen oder Schiffsjungen. Der Verdienst richtet sich nach dem Rang. Der Commandeur war zusammen mit dem Steuermann, den Harpunieren und den Speckschneidern ein sogenannter Partfahrer. Das heißt, sie waren am Gewinn beteiligt. Je mehr Wale sie erlegten, umso größer war ihr Verdienst. Kehrten sie jedoch ohne Fang zurück, gingen sie nahezu leer aus. Die einfachen Seeleute strichen in der Regel eine feste Heuer ein.

Altes Walfanglied

Wollt Ihr mal ein Unthier sehn.
Dann müßt Ihr hin nach Grönland gehn.

Komdür in't Kreinnest süht all'n Wal
und brüllt nu" Fall! Fall! Öwerall!"

Steu'rmann zielt auf den Walfisch los
und gibt ihm den Harpunenstoß.

Der Steu'rmann spricht: "Muß selber sehn,
muß selber auf dem Eise gehn!"

Er haut ihm ab den dicken Kopf,
das Speck wird in ein Faß gestopft.

nach: Wanda Oesau, Alte deutsche Walfanglieder, ca. 1930

Immer wieder Stockfisch und gepökeltes Fleisch

Das Leben an Bord war für die Männer nicht sehr abwechslungsreich. Monatelang fuhren oder trieben sie durch das Packeis. Die Schiffe konnten unterwegs auch keinen Hafen anlaufen, um frische Nahrungsmittel oder frisches Wasser aufzunehmen. Und so gab es stets gepökelte oder getrocknete Speisen. Aber immerhin gab es reichlich Proviant an Bord: unter anderem Fleisch, Stockfisch, Käse, hartes und weiches Brot, Zwieback, Kaffee, Wein und Bier. Die Offiziere saßen am Tisch, die übrige Besatzung nahm das Essen auf dem Boden zu sich. Für die Männer gab es drei warme Mahlzeiten am Tag. Die Ernährung war aber eintönig. Eine willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan war es, wenn sich Seevögel an dem Fleisch erlegter Wale so voll gefressen hatten, dass sie von den Seeleuten bequem an Bord des Schiffes erschlagen werden konnten. Mitunter wurden auch an Land Hirsche erlegt.

Das Walfleisch mussten die Seeleute an Bord in der Regel nicht verzehren. Nur wenn der Proviant knapp wurde, servierte der Schiffskoch auch "gebratenen Wallfischschwanze" - so wie auf dem Walfänger "Die Frau Maria Elisabeth", die auf einer Fangfahrt im Jahr 1769 vier Monate lang im Eis feststeckte, ehe sie glücklich nach Hamburg zurückkehren konnte.

Skorbut und Langeweile

Das Essen war vitaminarm. Und so erkrankten immer wieder Walfänger an der Vitamin-C-Mangelerscheinung Skorbut. Die Symptome: Zahnfleischbluten, Knochenschmerzen, hohes Fieber und allgemeine Erschöpfung. Um die Kranken zu heilen, gingen die Schiffe vor Spitzbergen an Anker. Dort wuchs ein vitaminreiches Kraut, von den Matrosen "Grönlandsalat" genannt. Wer von dem Kraut aß, war innerhalb weniger Tage wieder gesund.

War kein Wal in der Nähe, waren die Mannschaft zum Warten verdammt. Die Tage vergingen dann nur langsam. Aus Langeweile machten sich viele Walfänger ans Holzschnitzen. Im Detlefsen Museum in Glückstadt sind etliche Mitbringsel von diesen Fahrten zu sehen: kunstvoll geschnitzte Schuhleisten, zierliche Pfeifenstopfen aus Walknochen und Bürsten aus Menschenhaar.

Rückkehr zur geliebten Frau

Bis Mitte Juli dauerte die Fangzeit, dann rückte der arktische Winter näher - und die Commandeure mussten zusehen, dass sie ihre Schiffe durch das Packeis noch sicher in die Heimathäfen bringen. Frühestens im September waren die Männer wieder auf ihren Heimatinseln. In der Zwischenzeit mussten die Frauen Haus und Hof in Ordnung halten. Sie bestellten - auch während einer Schwangerschaft - Feld und Garten und kümmerten sich um die Kinder.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 06.07.2009 | 19:30 Uhr

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