Stand: 16.01.2016 20:11 Uhr  | Archiv

Lübeck 1996: Kein Nazi-Anschlag - oder doch?

Spätes Geständnis

Am 23. Februar 1997 macht der 20-jährige Maik W. im Gefängnis von Neustrelitz eine Aussage. Der junge Mann sitzt dort wegen eines Diebstahles. W. sagt in etwa: "Wir waren das - in Lübeck." Er meint genau die Clique aus Grevesmühlen, die die Polizei sofort nach der Tat im Verdacht hatte. Damals waren sie rasch wieder freigekommen, weil sie ein Alibi hatten. Polizeibeamte hatten sie - wie sich am Tag nach dem Feuer herausstellte - an einer kilometerweit vom Brandort entfernten Tankstelle gesehen - exakt zu dem Zeitpunkt, der zunächst als Tatzeit galt. Also konnten sie wohl nicht das Feuer gelegt haben. Dass drei von ihnen Brandspuren am Körper hatten, erklärten die jungen Männer den Ermittlern damit, einer habe einen Hund angezündet, einer ein Feuerzeug an einen Mofa-Tank gehalten und einer sich an einem Kohleofen verbrannt - also waren sie damals freigelassen worden.

Und nun behauptet dieser junge Mann im Gefängnis sogar, sie hätten von einem Unbekannten mehrere Tausend Mark erhalten für die Brandstiftung in der Hafenstraße. In der Öffentlichkeit heißt es jetzt vielfach: "Unfassbar!" Und: "Klar, haben wir doch gleich gewusst - es waren die Nazis."

Und noch ein Geständnis

Doch so plausibel für viele die Story klingt, dass die Polizei auf dem rechten Auge blind gewesen sein könnte - es kommt wieder anders: Maik W. widerruft sein Geständnis nach einigen Tagen. Die Ermittlungen gegen die Grevesmühlener werden erneut eingestellt. Offensichtlich sind W.s Aussagen wirr. Ein paar Monate später führt "Der Spiegel" ein Interview mit ihm. Maik W. bezichtigt sich und seine Kumpels erneut. Auf die Frage, warum er das Geständnis zuvor widerrufen habe, antwortet er, die Polizei habe ihm doch einfach nicht glauben wollen.

Will Maik W. nur den harten Kerl markieren?

Seitdem hat W. noch einige Male wiederholt, dass er mit seiner Clique den Brand gelegt habe. Aus Rache wegen Drogen-Streitigkeiten mit Leuten aus dem Asylbewerberheim, wie er sagt. Aber er behauptet auch ein paar Mal das Gegenteil. Und schließlich lassen ihm seine früheren Kumpels sogar gerichtlich verbieten, weiter solche Anschuldigungen zu erheben. Die Justiz hält die Aussagen des Neonazis für komplett unglaubwürdig. Später wird bekannt, das W. in der Haft wohl von Mitgefangenen misshandelt und sexuell genötigt wurde. Will er mit dem Geständnis den harten Kerl markieren, um sich gegen solche Angriffe zu schützen?

Wiederaufnahme der Ermittlungen abgelehnt

So wie es aussieht, wird der Fall nicht mehr gerichtlich geklärt werden. 1999 wird Safwan E. in einem zweiten Prozess, der wegen Verfahrensfehlern im ersten Durchgang nötig wurde, erneut freigesprochen. Ende 2011 gibt es noch einmal eine Initiative linker Gruppen für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Im Lübecker Rathaus unterzeichnen unter dem Eindruck der bekannt gewordenen Mordserie des NSU 200 Bürger einen entsprechenden Aufruf. Doch Anfang 2012 teilt der damalige Justizminister Emil Schmalfuß mit: "Es gibt auch nach der Aufdeckung der Morde durch das Zwickauer Neonazi-Trio bislang keine neuen Erkenntnisse, die eine Aufnahme von Vorermittlungen oder gar Ermittlungen rechtfertigen würden."

Im Januar 2016 jährt sich der Brand in der Hafenstraße zum 20. Mal. In Lübeck wird mit mehreren Veranstaltungen an die Opfer erinnert.

Dieses Thema im Programm:

Panorama - die Reporter | 19.01.2016 | 21:15 Uhr

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