Stand: 14.05.2020 08:55 Uhr  - Unsere Geschichte

CARE-Paket: US-Hilfe in Konservendosen

von Carsten Pilger
Hunger prägt die Nachkriegszeit in Deutschland. Auf die wenigen Lebensmittel, die es gibt, müssen die Menschen - wie hier in Hamburg im März 1946 - oft lange warten.

Deutschland im Mai 1945: Die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten hat Europa in Trümmern hinterlassen. Nach ihrem Ende der Kampfhandlungen haben auch in Deutschland viele Menschen ihr Zuhause verloren oder fliehen aus den ehemaligen Ostgebieten gen Westen. Bereits während des Zweiten Weltkrieges verschlägt es viele Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein, wo bis 1946 rund eine Million Menschen mehr als vor Kriegsbeginn leben. Viele ohne Hab und Gut. Die Lebensmittelrationen reichen oft nicht für alle. Im zweiten Winter nach dem Krieg, dem sogenannten Hungerwinter, herrschen in weiten Teilen des Nordens Hunger, Armut und Ungewissheit.

CARE-Pakete: Hilfe für den ehemalige Feind

Die Bilder des zerbombten alten Kontinents und der leidenden Europäer erreichen auch die USA. Im November 1945 schließen sich 22 amerikanische Wohlfahrtsverbände, darunter kirchliche Organisationen wie die Heilsarmee und Gewerkschaften, zur "Cooperative for American Remittances to Europe", kurz CARE, zusammen, um die Notleidenden und Armen mit Nahrung, Kleidung und Kohle zum Heizen zu unterstützen. Hilfslieferungen in das besetzte Deutschland sind zu Beginn nicht gestattet, zu stark wirkt noch die bedingungslose Unterstützung Hitlers vieler Deutscher nach. Doch auch in den Vereinigten Staaten leben viele deutschstämmige Amerikaner, die angesichts hungernder Zivilisten in ihrer ehemaligen Heimat auf eine Aufhebung der Liefersperre drängen. Im Februar 1946 genehmigt Präsident Harry S. Truman schließlich die privaten Hilfen für Deutschland. Wenige Monate später erreicht das erste Schiff mit CARE-Paketen Deutschland.

Unboxing CARE-Paket: Was steckte drin?

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Von Schmalz über Kaffee bis Eipulver - das CARE-Paket gilt als ein Sinnbild der Nachkriegsjahre. Was war wirklich drin? Und warum? Mit einem Blick in ein echtes CARE-Paket geht es auf Zeitreise.

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Drehkreuz Bremerhaven: Fleisch in Dosen und Kaugummi

Am 15. Juli 1946 fährt der amerikanische Frachter "American Ranger" in Bremerhaven ein. An Bord sind die ersten 35.700 CARE-Pakete, die an deutsche Familien adressiert sind. Da die Nordseeküste überwiegend zur britischen Besatzungszone gehört, kontrollieren die Amerikaner Bremen - Bremerhaven wird zum Dreh- und Angelpunkt der Versorgung des restlichen Deutschlands. Die Wege legen die Pakete nicht ohne Mühen zurück, denn nach dem Krieg ist auch das Post- und Transportwesen erst wieder im Neuaufbau. Zuerst wird die amerikanische Zone beliefert. Es folgen die britische und die französische Zone. Am 2. Oktober 1947 empfängt eine "greise Hamburgerin mit zitternden Händen" das erste CARE-Paket in Hamburg, wie das "Hamburger Abendblatt" später schreibt. Bis auf Ausnahmen erreichen aber kaum Pakete die sowjetische Zone - auch das ist bereits Ausdruck des Systemstreits zwischen Ost und West.

CARE-Verpflegung ursprünglich für US-Truppen bestimmt

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Ursprünglich sollten US-Soldaten mit den Feldrationen versorgt werden.

Von außen betrachtet sind es schlichte braune Pakete, die immer mehr Menschen nun erhalten, bedruckt mit der Abkürzung der Hilfsorganisation, CARE. Im Inneren eines jedes Pakets sind kalorienhaltige und lange haltbare Nahrungs- und auch einige Genussmittel:

  • 9,8 Pfund Fleisch und Innereien
  • 6,5 Pfund Cornflakes, Haferflocken und Kekse
  • 3,6 Pfund Obst und Pudding
  • 2,3 Pfund Gemüse
  • 3,9 Pfund Zucker
  • 1,1 Pfund Kakao-, Kaffee- und anderes Getränkepulver
  • 0,8 Pfund kondensierte Milch
  • 0,5 Pfund Butter
  • 0,4 Pfund Käse
  • eine Packung Zigaretten, etwas Kaugummi.

Die Zusammenstellung ist nicht zufällig. Die ersten CARE-Pakete erwirbt die Organisation aus Beständen der US-Armee, die eigentlich für die Verpflegung von Truppen bestimmt sind. Mit dem Ende des Kriegs im Pazifik hat die Armee einen Überschuss an Verpflegung. Es sind sogenannte Ten-in-One-Portionen: Der Inhalt eines jeden Pakets soll zehn Soldaten mit einer Mahlzeit versorgen. Doch die rund 2,8 Millionen Feldrationen, mit denen die Organisation ihre Tätigkeit in Europa aufgenommen hat, sind bereits im März 1947 aufgebraucht.

Hilfspakete werden in der Nachkriegszeit zum heißbegehrten Gut

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Das klassische CARE-Paket: Trockenobst, Dosenfleisch, Schmalz, Zucker, Mehl und Kaffee.

Die Hilfsorganisation CARE nimmt das zum Anlass, die Zusammenstellung der Pakete ab dem Frühjahr 1947 zu ändern. Der Bedarf orientiert sich nun nicht mehr an Soldaten, sondern an Familien. 40.000 Kalorien pro Paket sollen gegen den grassierenden Hunger helfen, zusammengestellt aus:

  • 1 Pfund Rindfleisch in Kraftbrühe
  • 1 Pfund Steaks und Nieren
  • 0,5 Pfund Leber
  • 0,5 Pfund Corned Beef
  • 0,75 Pfund "Prem" (eine Art Frühstücksfleisch)
  • 0,5 Pfund Speck,
  • 2 Pfund Margarine
  • 1 Pfund Schweineschmalz
  • 1 Pfund Aprikosen-Konserven
  • 1 Pfund Honig
  • 1 Pfund Rosinen
  • 1 Pfund Schokolade
  • 2 Pfund Zucker
  • 0,5 Pfund pulverisierte Eier
  • 2 Pfund Vollmilch-Pulver
  • 2 Pfund Kaffee.

Die Pakete sind heiß begehrt, längst nicht jeder kommt in den Genuss dieser Lieferungen. Meist sind sie an bestimmte Familien adressiert - oft Verwandte oder Bekannte von US-Bürgern. Diese kaufen das CARE-Paket für erst 15, später zehn Dollar. Die Organisation kümmert sich darum, dass die Pakete ihre Empfänger erreichen. Für zusätzliches Vertrauen sorgt auch ein Rückschein, mit dem deutsche Familien ihren amerikanischen Gönnern den Empfang bestätigen. Nicht adressierte CARE-Pakete werden zentral an Bedürftige verteilt.

Erdnussbutter, Hershey-Riegel: "American Way of Life" weckt Begeisterung

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Nicht nur Lebensmittel finden via Paket den Weg nach Deutschland: In vielen Sendungen befindet sich auch Werk- oder Nähzeug.

Die CARE-Pakete sorgen nicht nur für Dankbarkeit bei den Empfängern, sondern wecken eine regelrechte Begeisterung für bis dato eher ungewöhnliche Genussmittel und Waren, die in den Vereinigten Staaten zum Alltag gehören: Erdnussbutter, Hershey-Schokoladenriegel, Frühstücksflocken mit bunten Comic-Figuren auf der Verpackung. Dazu Kleidung oder auch Werkzeuge, manchmal auch englischsprachige Kinder- und Wörterbücher. Zum Standard-CARE-Paket kommen weitere Variationen hinzu: Etwa ein Festmahl mit Truthahn für die ganze Familie. Die Warensendungen über den Atlantik sind Teil einer Aussöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern - aber auch ein Mittel der USA, um in den Deutschen neue Verbündete zu gewinnen.

CARE bleibt nicht die einzige Organisation, die Deutschland mit Hilfspaketen in den Nachkriegsjahren unterstützt. Der "Council of Relief Agencies Licensed to Operate in Germany", kurz CRALOG, gründet sich kurz nach CARE und organisiert insgesamt sogar noch mehr Hilfsleistungen für Deutschland. Da die CRALOG-Pakete aber über Wohlfahrtsverbände verteilt werden, erreichen sie nicht die Symbolkraft der CARE-Pakete, die oft zum direkten Austausch zwischen Deutschen und Amerikanern führen.

CARE als Inspiration zur Hilfe auch für Deutschland

Bis 1960 hält CARE seine Aktivitäten in Deutschland aufrecht. Zehn Millionen CARE-Pakete gelangen bis dahin über den Atlantik. Zu diesem Zeitpunkt ist Deutschland durch neuen Wohlstand nicht mehr von Hilfsgütern aus den Vereinigten Staaten abhängig. Stattdessen gehen von Deutschland selbst Pakete nach Vorbild der amerikanischen CARE-Pakete in bedürftige Regionen. Oder halten als "Westpakete" persönliche Beziehungen in die DDR am Leben. 1980 gründet sich ein Ableger von CARE in Deutschland, der bis heute im Bereich der humanitären Hilfe tätig ist.

Langlebige Solidarität - und langlebige Lebensmittel

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2012 lässt der damals 87-jährige Hans Feldmeier eine 64 Jahre alte Dose Schweineschmalz in Rostock untersuchen. Ergebnis: Immer noch genießbar!

Geblieben ist das CARE-Paket bis heute als sprichwörtliche Versinnbildlichung der Hilfe, aber auch der Aussöhnung ehemaliger Kriegsgegner. Dass aber nicht nur die Erinnerung lange anhält, lässt der Warnemünder Apotheker Hans Feldmeier vor wenigen Jahren unter Beweis stellen. 64 Jahre lang hatte er eine weiß-rote Blechbüchse mit Schweineschmalz der Marke "Swift's Bland Lard" aufbewahrt. Er hatte sie in der Nachkriegszeit mit einem CARE-Paket aus den USA bekommen. Eine Analyse beim Rostocker Landesamt stellt 2012 - mehr als sechs Jahrzehnte nach der Auslieferung - den einwandfreien Zustand des Schweineschmalzes fest. Es gebe zwar geringe Mängel bei Geruch und Geschmack, aber "insgesamt ist das Produkt hinsichtlich des Frischegrades und der stofflichen Zusammensetzung nach 64 Jahren noch als zufriedenstellend zu beurteilen", so der Amtschef Frerk Feldhusen damals.

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Unsere Geschichte | 09.05.2020 | 12:15 Uhr

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