Stand: 01.07.2020 09:04 Uhr  - Nordmagazin

D-Mark für alle: Zwischen Silvester- und Katerstimmung

von Viktoria Urmersbach
Bei vielen ist die Freude groß, als sie am 1. Juli 1990 die D-Mark als reguläres einheitliches deutsches Zahlungsmittel in der Hand halten.

Nach dem Fall der Mauer im November 1989 wird bei den Bürgern der damaligen DDR schnell der Ruf nach der D-Mark laut, denn Freiheit bedeutet für viele auch freier Konsum -und eine stabile Währung. Genau 234 Tage später ist es schließlich soweit: Am 1. Juli 1990 tritt die Wirtschafts- und Währungsunion in Kraft. Die D-Mark für alle da. Doch für die Ost-Wirtschaft hat die "harte" Mark auch harte Folgen.

Der Strom von Übersiedlern aus der DDR würde erst abreißen, wenn die Wirtschaftsunion vollzogen sei, prognostizieren 1990 viele Politiker. Seit Öffnung der Mauer am 9. November 1989 verlassen täglich noch immer Tausende ihre Heimat und drohen, die Republik völlig ausbluten zu lassen.

Währungsunion: Vor 30 Jahren kam die D-Mark

Nordmagazin -

Noch bevor aus Ost und West ein Land wurde, gab es am 1. Juli 1990 eine gemeinsame Währung. Bis zu 4.000 Ostmark – ab 60 Jahren 6.000 Mark – wurden 1:1 in D-Mark getauscht.

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"Kommt die D-Mark, bleiben wir"

Monatelang waren die Demonstranten für freie Wahlen auf die Straße gegangen. Nachdem sie dieses erste Ziel erreicht haben, skandieren sie nun: "Kommt die D-Mark, bleiben wir - kommt sie nicht, gehen wir zu ihr!"

Oskar Lafontaine © Will Media Foto: Wolfgang Borrs

Lafontaine: "Kohl hatte völlig falsche Vorstellungen"

NDR Info -

Die Einheit war eine historische Chance, sagt Oskar Lafontaine 30 Jahre nach dem Mauerfall. Aber: Nach Ansicht des früheren SPD-Chefs kam vor allem die D-Mark zu schnell in den Osten.

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Schon mit der Volkskammerwahl im März 1990 fordern die ostdeutschen Wähler den Wechsel der Wirtschaftsordnung. Sie wollen nicht mehr in der Planwirtschaft arbeiten und leben, sondern in der Marktwirtschaft. Die Aussicht auf die D-Mark ist für viele ein starkes Argument für die Wahl der CDU. Denn schon im Februar kündigt Helmut Kohl in einer Regierungserklärung an: "Es geht jetzt darum, ein klares Signal der Hoffnung und der Ermutigung für die Menschen in der DDR zu setzen. Für die Bundesrepublik Deutschland bedeutet das, dass wir damit unseren stärksten wirtschaftlichen Aktivposten einbringen: die Deutsche Mark." Andere Politiker wie Oskar Lafontaine von der SPD warnen vor dem schnellen Einigungskurs der CDU.

Währungsunion? "Eine sehr fantastische Idee"

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Am 9. Februar 1990 verkündet Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, die Bundesbank arbeite schon an der Währungsunion.

Auch viele Wirtschaftverbände und Ökonomen raten von einem schnellen Prozess und von dem Umtauschkurs 1:1 ab. Helmut Schmidt hält ihn für einen "Kardinalfehler". Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl nennt die Pläne des Bundeskanzlers zunächst "eine sehr fantastische Idee". Trotzdem aber bereitet die Deutsche Bundesbank den Geldwechsel schon ab Februar generalstabsmäßig vor. Die Hauptverwaltung in Kiel ist für den damaligen Bezirk Schwerin zuständig, Bremen für Neubrandenburg, Hamburg für Rostock und Hannover kümmert sich um die Partner-Banken in Magdeburg und Halle.

Bank-Filialleiter unter Dauerstress

In Kiel meldet sich Ralf Ebert sofort als Freiwilliger, um ab Juni vor Ort in Schwerin zu arbeiten: "Es war eine aufregende Zeit, die ich unbedingt mit gestalten wollte", begründet er seine damalige Entscheidung einige Jahre später gegenüber dem NDR. Ebert ist damals einer der beiden neuen Filialleiter. Innerhalb eines Monats vor Einführung der D-Mark muss er eine funktionsfähige Filiale schaffen. Zu seinen Aufgaben gehört, die Kollegen von der DDR-Staatsbank in das Westsystem einzuarbeiten und viele praktische Probleme zu lösen. Büromöbel und Geldbearbeitungsmaschinen muss er beschaffen, Personal rekrutieren, mit den DDR-Behörden und der Volkspolizei verhandeln - und das mit nur einem Telefon.

Tonnenweise Bargeld im Land unterwegs

Der damalige DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière fordert seine Landsleute auf, der Einheit mit "Selbstvertrauen und Zuversicht" entgegen zu sehen, auch wenn der Umtauschkurs für größere Vermögen nur zwei Ostmark zu einer Westmark beträgt. Im Nachhinein sei auch das noch zu teuer gewesen, kritisiert Thomas de Maizière als Bundesinnenminister etliche Jahre später. Ökonomisch vernünftig wäre ein Wechselkurs von eins zu drei oder zu vier gewesen - allerdings politisch damals nicht vertretbar.

Ab Juni 1990 schickt die Bundesbank 600 Tonnen Banknoten und 400 Tonnen Münzgeld aus dem Westen in die neuen Bundesländer. Rund 25 Milliarden D-Mark sind unterwegs.

D-Mark, Scheine und Münzen © picture-alliance / dpa Foto: Nestor Bachmann

Die gefeierte D-Mark

NDR 1 Radio MV -

Am 1. Juli 1990 wurde die D-Mark eingeführt - An den Bankschaltern bildeten sich lange Schlangen und in den Kneipen wurde die neue deutsche Währung gefeiert.

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Die D-Mark kommt: Silvesterstimmung im Sommer

Vielerorts können es die Menschen gar nicht erwarten, das Westgeld endlich in den Händen zu halten. Schon in der Nacht zum Sonntag, 1. Juli 1990, dränglen sich Tausende vor der Filiale der Deutschen Bank am Alexanderplatz in Berlin. Genau um Mitternacht, von Knallfröschen, Raketen und Sekt begleitet, soll die gemeinsame Währung ausgegeben werden. Die Schlange wächst auf 600 Meter Länge - die Glasscheiben brechen schon vor Mitternacht. Polizei und Rettungswagen müssen kommen und helfen, den Ansturm ohne viele Verletzte zu überstehen.

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Neues Geld für die ganze Familie. Am Sonntag, 1. Juli 1990, freuen sich viele Ostdeutsche über die "harte Währung" aus dem Westen.

In der Schweriner Goethestraße dagegen verläuft die Umtauschaktion geordnet. Die Mitarbeiter von Ralf Ebert hatten den ganzen Tag damit zu tun, die Münz-Pakete und  Banknoten-Bündel für ihre Kunden, die Kreditinstitute, auszupacken und passend herauszugeben, um trotz des Kundenansturms jederzeit zahlungsfähig zu bleiben. "Aber aus dem Fenster beobachteten wir, wie die Schlange vor der Sparkasse am Marienplatz immer länger wurde", erinnert Ebert sich später.

Anfang 1991 noch 4.200 Tonnen DDR-Hartgeld im Umlauf

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Früher heiß begehrt, wurden viele Trabbis bald nach der Währungsunion verschrottet.

Verbraucherzentralen warnen vor Konsumrausch. Tatsächlich ist es für viele DDR-Bürger ein berauschendes Gefühl, "echtes" Geld in der Hand zu halten - nicht mehr die ultraleichten Aluminium-Münzen, auch "Alu-Chips" genannt. Nicht nur Banken, sondern auch Schulen und Polizeidienststellen dienen vorübergehend als Umtauschstellen. Noch ein Jahr lang sind die DDR-Münzen im Umlauf, denn die Prägung von neuen Geldstücken kann nicht schneller bewältigt werden. So sind Anfang 1991 noch 4.200 Tonnen DDR-Hartgeld in den Portemonnaies, bis die Alt-Währung dann mit dem 1. Juli 1991 keine Gültigkeit mehr hat.

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Ostprodukte im Trend: Was ist das Besondere?

Viele Lebensmittel von DDR-Marken werden inzwischen in ganz Deutschland angeboten. Was ist das Besondere an Ostprodukten wie Rotkäppchen Sekt, Spreewälder Gurken und Nudossi? mehr

Währungsunion wird für viele zum Schockerlebnis

Nach der Euphorie kommt die Ernüchterung. Die Wirtschaftsunion wird zum Schockerlebnis für viele. Die Preise für Lebensmittel verdreifachen sich zum Teil. Günstige Ostprodukte verschwinden vielerorts aus den Regalen der Kaufhallen, weil die Kunden nur noch Westware kaufen wollen. Die DDR-Betriebe müssen sich nun in der Marktwirtschaft bewähren und plötzlich der globalen Konkurrenz stellen. Aber nicht nur im eigenen Land, sondern auch in den sozialistischen Absatzländern geht die Nachfrage nach Ostprodukten zunehmend zurück: Die Ungarn zum Beispiel kaufen nun lieber japanische Autos als ostdeutsche.

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Inside Treuhand: Die überforderte Behörde

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Am 1. März 1990 gründete die vorletzte DDR-Regierung die "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums". 30 Jahre später bleibt die Arbeit der Treuhand umstritten. mehr

Bundesregierung bewilligt Liquiditätshilfen

Die Bundesregierung entscheidet sich dafür, praktisch allen ostdeutschen Kombinaten für die ersten Monate eine Liquiditätshilfe zu gewähren - viel Geld für marode Unternehmen. Das Ziel: die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl zu überstehen.

Mecklenburg-Vorpommern trägt 1990 nur acht Prozent zur industriellen Bruttoproduktion der DDR bei. Neben der Agrarindustrie ist nur noch der Schiffbau bedeutend: Die Neptunwerft, die Mathias-Thesenwerft in Wismar, die Warnowwerft in Warnemünde, die Volkswerft in Stralsund, die Peene-Werft in Wolgast und die Binnenwerft in Boizenburg sind die bedeutenden Arbeitgeber im Nordosten. Zur Aufgabe der Treuhand wird es, die Kombinate zu privatisieren.

Wirtschaftsleistung bricht ein: Katerstimmung im Rostocker Hafen

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Kurzarbeit im Rostocker Hafen: Schon kurz nach der Wirtschaftsunion brechen die Geschäfte ein.

Schon zwei Wochen nach der Wirtschafts- und Währungsunion zeigen sich erste negative Auswirkungen: Ab dem 16. Juli 1990 ist im Rostocker Hafen für die Hälfte der 5.800 Beschäftigten Kurzarbeit angesagt. Lagen in der ersten Jahreshälfte täglich etwa dreißig Schiffe an den Docks, machen nun nur fünf Frachter ihre Leinen fest. Mit Beginn der Währungsunion gehen die Im- und Exporte im Hafen rapide zurück. Kunden aus dem Ostblock stornieren ihre Verträge, ganze Transportverbindungen werden eingestellt. Nach dem Ende der Staatswirtschaft geraten die Schiffbauer in schwere See, müssen Insolvenzanträge, Subventionsskandale und teils mehrere Eigentümerwechsel überstehen. Während die Volkswerft und die Peenewerft nun zur P+S Werften GmbH fusioniert sind und die Mathias-Thesenwerft und die Warnowerft zur russischen Wadan Yards AG gehören, muss die Boizenburger Binnenwerft nach mehr als 200 Jahren Werksgeschichte 1997 schließen. Von den ursprünglich mehr als 50.000 Arbeitsplätzen im Schiffbau bleibt nur ein Fünftel erhalten.

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Die D-Mark kommt im Wartburg - Währungsunion in Boizenburg

Mit dem Wartburg kamen die ersten zwei Millionen D-Mark im Sommer 1990 in der Genossenschaftsbank in Boizenburg an. Zwei Stunden nach Öffnung der Schalter wird das Geld bereits knapp. mehr

30 Jahre grenzenlos: Das Dossier zum Mauerfall

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt überraschend die Mauer in Berlin. Das Dossier zu einer bewegten Zeit. mehr

Die Geschichte der DDR

Wie kam es zur Gründung der DDR? Wie sah der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat aus? Und was führte schließlich zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung? mehr

 

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 28.06.2020 | 19:30 Uhr

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