Die erste Drogerie von Dirk Roßmann in der Jakobistraße in Hannover © privat Foto: H. Deike

Rossmann: Wie eine kleine Drogerie zum Discounter wurde

Stand: 02.11.2022 12:15 Uhr

Dirk Roßmann gilt als Pionier unter den Discountern. Am 17. März 1972 eröffnet er in Hannover den ersten "Markt für Drogeriewaren" - es ist der erste dieser Art in Deutschland. Inzwischen hat die Rossmann-Kette fast 3.500 Filialen.

von Stefanie Grossmann

Die Vorgeschichte des Drogerie-Discounters Rossmann beginnt eigentlich schon Anfang des 20. Jahrhunderts: 1909 eröffnet Rudolf Roßmann, der Großvater von Dirk Roßmann, in der Lortzingstraße 6 in Hannover auf 20 Quadratmetern einen Drogerie-Laden mit Weinverkauf. Damals wandern Schwämme, Seife oder Spülmittel noch über einen Tresen. Sie spülen täglich 600 Mark in die Kasse. Weil das Geschäft im Zweiten Weltkrieg zerbombt wird, macht Nachfolger Bernhard Roßmann mit seiner Frau nach Kriegsende ein kleines Ladengeschäft in der Podbielskistraße auf. Hilde, geborene Wilkens, entstammt einer reichen Familie, die in Hannover ein großes Pelz-Geschäft führt. In der Welt der Hygiene-Artikel wächst der 1946 geborene Sohn Dirk mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Axel in der Nachkriegszeit in ärmlichen Verhältnissen auf. Schon als Zehnjähriger muss er bei Inventuren im Laden mit anpacken.

Mit zwölf Jahren verdient Dirk Roßmann das erste eigene Geld

Die erste Drogerie der Familie Roßmann in der Lortzingstraße in Hannover © privat Foto: H. Deike
In der Lortzingstraße in Hannover eröffnet die Familie Roßmann im Jahre 1909 ihre erste Drogerie.

Als Dirk Roßmann zwölf Jahre alt ist, stirbt der Vater. Nach dem frühen Tod ihres Mannes verkauft Hilde Roßmann das Geschäft ihrer Familie, um die verschuldete Drogerie zu retten. "Wir waren bettelarm, lebten in allerkleinsten Verhältnissen", erinnert sich Dirk Roßmann in einem "Zeit"-Interview. Doch er ist ehrgeizig - und geschäftstüchtig. Schon als Zwölfjähriger verdient er sein erstes eigenes Geld. Er verkauft Drogerieartikel zum vollen Preis, die er selbst zehn Prozent billiger erhält und liefert diese mit dem Fahrrad aus. Mit 16 hat Dirk Roßmann schon so viel Geld auf dem Konto, dass er eine Eigentumswohnung in der Liliencronstraße in Hannover anbezahlen kann.

Als Drogist an der Ladentheke der Eltern

Anders als sein Bruder verlässt Dirk Roßmann die Schule nach dem Volksschulabschluss und beginnt eine Ausbildung zum Drogisten, die er schließlich im elterlichen Betrieb beendet. Wenn der jugendliche Azubi nicht arbeitet, flüchtet er sich in die Welt der Bücher. Liest Werke großer Philosophen - von Nietzsche bis Schopenhauer. Aus dessen Werk bleibt bei ihm ein Satz haften: "Die meisten Menschen haben keinen Erfolg, weil sie zu früh aufgeben". Nicht so schnell aufzugeben - das wird für Dirk Roßmann zum Mantra, im Leben und in der Geschäftswelt.

Verantwortung für einen Fünf-Personen-Haushalt

Nach der Ausbildung steigt er zunächst ins elterliche Geschäft ein. Als er mit 18 Jahren, am 7. September 1964, die Einberufung zur Bundeswehr bekommt, klagt er gegen den Bescheid: Wegen der Unterstützung "hilfsbedürftiger Angehöriger" fordert Dirk Roßmann die gesetzlich mögliche Freistellung. Denn inzwischen führt er die kleine Familien-Drogerie und ernährt von 1.500 Mark monatlich eine fünfköpfige Familie: die Rheuma-kranke Mutter, den studierenden Bruder und die Großeltern. Trotzdem wird Dirk Roßmann am 1. April 1965 zunächst eingezogen, in der Kaserne sieht er keinen anderen Ausweg als die Befehlsverweigerung. "Ich bin Dirk Roßmann. Ich bin hier nur unter Protest" - fünf Monate lang macht er seine Vorgesetzten mit dieser Aussage verrückt. "Um den widerspenstigen Roßmann zu zähmen ... verfrachtete man mich in einen Jeep und lieferte mich in der Nervenklinik Hannover-Langenhagen ein", erzählt er in seiner Biografie "... dann bin ich auf einen Baum geklettert". Anfang September 1965 wird er dort wieder entlassen.

"Markt für Drogeriewaren" ist erster Discounter der Branche

Porträtfoto von Dirk Roßmann (1972) © privat
1972 öffnet Roßmann Deutschlands erste Drogerie mit Selbstbedienung.

Anfang der 70er-Jahre verkauft Dirk Roßmann Drogerieartikel noch immer über die Ladentheke, doch längst ist er nicht mehr überzeugt von dem Geschäftskonzept. Ihm sei klar gewesen, dass das nicht zukunftsfähig war. Und er wartet auf die Aufhebung der Preisbindung für Markenwaren: "Mir war klar, jetzt tut sich was im Handel", schreibt er in seiner Biografie.

Noch bevor diese Aufhebung am 1. Januar 1974 offiziell in Kraft tritt, eröffnet der umtriebige Selfmademan am 17. März 1972 in der Jakobistraße in Hannover den deutschlandweit ersten Discounter für Kosmetikartikel mit Selbstbedienung: Der "Markt für Drogeriewaren" hat eine Fläche von 200 Quadratmetern und lockt mit vielen Preisaktionen. Da ist Dirk Roßmann gerade mal 25 Jahre alt. Den Laden an der Podbielskistraße übergibt er wieder in die Hand seiner Mutter.

Kunden kaufen den Laden am ersten Verkaufstag fast leer

Dirk Roßmann macht den Anbietern größerer Firmen Konkurrenz und bietet einen Markenschwamm für 1,19 statt 1,50 D-Mark an. Er erlebt einen regelrechten Run auf sein Geschäft - anderthalb Stunden vor Ladenöffnung stehen die Kunden Schlange. Und schon am ersten Abend sind die Regale in seinem Laden so gut wie ausverkauft. Statt der erhofften 3.000 D-Mark spülen die Einnahmen rund 20.000 D-Mark in die Kasse. "Das war ein voller Erfolg." Es ist der Beginn eines kometenhaften Aufstiegs. Und Dirk Roßmann eröffnet schnell weitere Märkte.

Rossmann-Zentrale zieht 1976 nach Burgwedel

Im Jahr 1976 zieht die Zentrale des Unternehmens Rossmann von Hannover nach Burgwedel um: Ein ehemaliges Rewe-Lager wird zum neuen Headquarter. Von dort aus leitet Dirk Roßmann zu diesem Zeitpunkt 20 Drogeriemärkte. Trotz eines rasanten Wachstums auf rund 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr 1979, sinkt die Eigenkapitalquote auf unter 20 Prozent. Die Firma hat kaum noch finanziellen Handlungsspielraum, die Schuldenlast ist zu groß. Deshalb übernimmt ab 1980 die Hannover Finanz Gruppe nach und nach bis zu 40 Prozent des Unternehmens und ermöglicht es Rossmann, durch frisches Geld weiter offensiv zu expandieren. In der Branche herrscht seinerzeit unter den Konkurrenten ein Wettlauf um Größe und Marktanteile.

Wichtiges Werbemittel: Der wöchentliche Rossmann-Prospekt

Zehn Jahre nach der Gründung besitzt der Unternehmer bereits 100 Filialen in Norddeutschland. Und er nimmt neue Geschäftsfelder ins Visier: Ab 1984 steigt Rossmann auch ins Geschäft mit Parfüms ein, setzt auch hier das Discounter-Prinzip um. Im gleichen Jahr erscheint die erste "Rossmann"-Beilage in Tageszeitungen. Bis heute ist der wöchentliche Prospekt ein wichtigstes Marketinginstrument des Unternehmens.

Nach der Wende: Expansion nach Ostdeutschland

Rossmann-Filiale in Ostdeutschland © privat
In Thüringen und Sachsen-Anhalt eröffnet Rossmann die ersten beiden ostdeutschen Drogeriemärkte.

Die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht es dem Unternehmen, weiter zu expandieren. Am 2. Juli 1990 eröffnet Rossmann die erste Filiale in Sondershausen in Thüringen. Im darauffolgenden Jahr beginnt der flächendeckende Firmenausbau in Ostdeutschland. Mehr als 100 Filialen locken Kunden an - und sorgen für einen enormen wirtschaftlichen Erfolg des Discounters. Doch Dirk Roßmann macht keinen Halt an deutschen Landesgrenzen, er beginnt Märkte in Osteuropa zu erschließen: Bald empfangen Filialen im polnischen Łódź und im ungarischen Debrecen ihre Kundschaft.

Die Umstellung auf Eigenmarken rettet vor dem Konkurs

Dirk Roßmann übernimmt sich allerdings mit der Expansion - und nicht nur das Unternehmen erfährt einen herben Dämpfer. 1996 verspekuliert sich der Unternehmer privat an der Börse und erleidet zudem einen Herzinfarkt. Rossmann steht vor dem Konkurs. "Von da an habe ich alles auf null gestellt und versucht, die Firma zu retten", schildert er die damalige Situation dem Wirtschaftsblatt Business Insider. Seine Frau Alice hat eine rettende Idee: die "Rossmann Ideenwelt". Das Unternehmen verkauft von nun an auch Küchenprodukte, Gesundheitshelfer und Deko-Artikel. Außerdem stellt Rossmann auf Eigenmarken um, diese Ausrichtung hilft aus der prekären Lage heraus.

2000er-Jahre: Rossmann wächst weiter durch Übernahmen

Eine Frau steht am Fließband und überprüft Ware. © picture-alliance / ZB Foto: Peter Endig
2001 entsteht in Landsberg (Sachsen-Anhalt) das neue Zentrallager von Rossmann. Auf 25.140 Quadratmetern lagert ein Vollsortiment, bestehend aus circa 13.000 Standard-Artikeln.

Finanziell gestärkt wächst Rossmann nun weiter. Noch Anfang der 90er-Jahre gibt es 18 Wettbewerber auf dem Drogeriemarkt. Doch das Unternehmen aus Burgwedel kauft einen Konkurrenten nach dem anderen auf: 90 IDEA-Filialen der Rewe-Gruppe im Jahr 2000, fünf Jahre später erwirbt Rossmann 370 Filialen der Tengelmann Drogerie Kaiser's Drugstore (kd). 2008 übernimmt Rossmann 160 Märkte der norddeutschen Drogeriemarke Kloppenburg. 2012 übernimmt das Unternehmen 100 Filialen von Ihr Platz.

Als finanzkräftiger Partner ist mittlerweile die weltweit tätige A.S. Watson-Gruppe des Hongkonger Mischkonzerns Hutchison Whampoa an der Seite von Rossmann, sie übernimmt 2004 die 40 Prozent am Unternehmen. Die restlichen 60 Prozent bleiben im Familienbesitz, denn Dirk Roßmann ist gerne Herr im eigenen Haus: So könne ihm niemand reinreden.

Dirk Roßmann übergibt Geschäftsführung an Sohn Raoul

Das Geschäftsprinzip zu größeren Verkaufsflächen führt dazu, dass die erste Filiale in Hannovers Jakobistraße 2010 schließt. Sie ist für das umfangreiche Rossmann-Angebot schlichtweg zu klein. Aus nur einem einzigen Laden hat Dirk Roßmann in 50 Jahren ein Drogerie-Imperium aufgebaut. Stand 2021 ist er Herr über 4.361 Filialen, in denen rund 56.500 Mitarbeiter arbeiten. Die Dirk Rossmann GmbH ist die Nummer zwei unter den deutschen Drogerie-Discountern nach dm. Anders als andere Einzelhändler profitiert das Unternehmen von der Corona-Pandemie: Allein in Deutschland sprudeln 2021 rund 7,9 Milliarden Euro in Rossmanns Kasse, der Umsatz wächst um 8,2 Prozent. Die Auslandsfilialen in Polen, Ungarn, Tschechien, Albanien, Kosovo, Spanien und der Türkei erwirtschaften 3,2 Milliarden Euro.

Der Unternehmer Dirk Rossmann, im Hintergrund ist ein See zu erkennen. © Dirk Rossmann GmbH Foto: Amin Akhtar
Das geschätzte Vermögen von Dirk Roßmann beträgt um die drei Milliarden Euro. Dennoch gilt der Unternehmer als bescheiden.

Mit dem finanziellen Polster kann sich Dirk Roßmann heute wieder seiner Leidenschaft, den Büchern, widmen. Zwei Werke hat er unter Mithilfe von Autoren wie Ralf Hoppe bereits veröffentlicht: Die Bücher der "Oktopus"-Reihe beschäftigen sich mit dem Thema Klimaschutz - und sind mittlerweile Bestseller. Und auch bei diesem Produkt hat Dirk Roßmann wieder einen Wettbewerbsvorteil: Sie gehören zum Sortiment in den Rossmann-Filialen.

Zum 30. September 2021 hat Dirk Roßmann die Geschäftsführung des Discounters in die Hände seines Sohnes Raoul übergeben. Jetzt ist es an ihm, die Erfolgsgeschichte des Unternehmens aus Burgwedel fortzuschreiben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 25.03.2022 | 19:05 Uhr

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