Karmann und der Ghia: Vom Ruhm und Untergang einer Kult-Ära

Stand: 09.04.2021 16:30 Uhr

Mit dem Karmann Ghia wurde das einstige Familienunternehmen aus Osnabrück weltbekannt. Doch produziert wurde dort weitaus mehr. Seit 2009 ist die Ära Karmann Geschichte.

Im Kern ist er nur ein Käfer. Vielleicht windschnittiger und tiefergelegt, aber ein Käfer. Das Top-Modell hat gerade mal 50 Pferdestärken unter der Haube und mehr als 160 Sachen holen auch die ausgebufftesten Fahrer aus der Kiste nicht heraus. Trotzdem heißt der Karmann Ghia bei seinen Fans "Sportwagen" - und auch knapp 50 Jahre nach dem Ende der Produktion lebt der Ghia-Geist: in Fanclubs, Tüftlertreffen und Internetforen, egal ob in Deutschland, Frankreich oder den USA. Das kleine Käfer-Coupé ist Kult.

Deutsch-italienische Allianz bringt Kult-Coupé auf Käfer-Basis

Den italienische Designer des Karmann Ghias, Luigi Segre (l), und Firmenchef Wilhelm Karmann am 14. Juli 1955 bei der Präsentation des Karmann Ghia im Kasinohotel im niedersächsischen Georgsmarienhütte. © picture-alliance / dpa/dpaweb | Karmann
Designer Luigi Segre (l) und Wilhelm Karmann bei einer Präsentation des Karmann Ghia 1955 in Georgsmarienhütte.

Der Ghia ist der einzige Wagen des Autospezialisten aus Osnabrück, der auch wirklich Karmann heißt. Ein Jahr, nachdem Wilhelm Karmann das väterliche Karosseriebau-Unternehmen in Osnabrück übernommen hat, tüfteln die Karmänner 1953 den soften Sportler auf Käfer-Basis aus - zusammen mit dem Turiner Stylingstudio Ghia. Kapp zwei Jahre später startet die Serienproduktion. 7.500 Mark kostet der Zweisitzer zur Premiere. Zwischen 1955 und 1974 baut Karmann mehr als 360.000 Ghia-Coupés.

Statussymbol und Blickfang "oben ohne"

Ein roter Karmann Ghia mit von 1965. © Volkswagen
Schlicht, rund und elegant kommt der Ghia daher.

Ab 1957 folgt das Ghia-Cabriolet, rund 80.000 Stück werden davon insgesamt hergestellt. Es dauert nicht lange und der Karmann Ghia macht sich auf den Straßen der Welt einen Namen. Denn das Modell mit italienischem Design auf VW-Basis gilt als Symbol der Sehnsüchte der Nachkriegszeit, als Statussymbol des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Frauen und Werbefotografen lieben den Ghia

Szenenbild aus dem Film "Wilhelmsburger Freitag" von 1964, bei dem eine Frau in einen Karmann Ghia einsteigt. © picture alliance / United Archives/Pilz Foto: Siegfried Pilz
Auch als Filmkulisse wird der Ghia gerne eingesetzt - hier in "Wilhelmsburger Freitag" von 1964.

Trotz kleiner Motorleistung mit üblicherweise 30 PS gelten die Wagen als Inbegriff von Eleganz. Insbesondere Frauen wird nachgesagt, dass sie den Ghia schätzen. Filmstars wie Romy Schneider und Petra Schürmann fahren ihn damals - und in zahlreichen Werbe-Fotografien der Zeit oder auch bei Filmaufnahmen steht oft irgendwo ein Ghia als Blickfang im Bild.

Vom Holzauto über Kriegstrümmer zum Volkscabriolet

So viel Glanz ist zu Beginn der Unternehmensgeschichte nicht zu erwarten. Ursprünglich ist Karmann eine Fabrik für Pferdewagen und heißt Christian Klages. 1901 kauft Wilhelm Karmann das Osnabrücker Wagenunternehmen und bringt ein Jahr später seine erste hölzerne Autokarosserie auf den Markt. 1913 meldet er das erste Faltdach-Patent an.

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Ein VW Käfer hängt in einer Werkstatt von der Decke. © Volkswagen AG

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Nach dem Zweiten Weltkrieg stehen die Karmänner vor den Trümmern ihrer Werkshallen und müssen von vorne anfangen. Den Grundstein für den Nachkriegsboom legte Wilhelm Karmann 1949, als er auf Bezugsschein einen VW Käfer kauft und daraus zusammen mit seinem Sohn - ebenfalls ein Wilhelm - einen Cabrio-Viersitzer bastelt. Der geköpfte Käfer kommt an bei VW - die Wolfsburger bestellen sofort 1.000 Stück. Karmann produzierte das Volkscabrio bis in die 1980er-Jahre hinein und verkauft insgesamt mehr als 332.000 Exemplare.

Karmann wird Spezialist für Sportcoupés und Cabrios

In den 50er-Jahren dann werden Cabriolets und Sportcoupés die Spezialitäten der Autobauer aus Westniedersachsen - und der Karmann Ghia ist längst nicht die einzige erfolgreiche Marke, die es zu einem gewissen Kult-Status bringt. Vor allem die "Oben ohne"-Modelle von Karmann sind begehrt. Fast alle großen Hersteller sind bis zur Insolvenz des Unternehmens 2009 mal Kunde der Osnabrücker - und bestellen nicht nur Kleinserien: So gilt das Golf-Cabrio lange als meistverkauftes Verdeckmobil der Welt.

Ob Verdecke, Stahlkarossen oder das Komplettprogramm vom Reißbrett bis zum Endverbraucher: Plant ein Automobil-Riese damals einen neuen Straßenflitzer, wendet er sich häufig an Karmann. Mit dem eigenen Namen hält sich die Autofirma dabei aber eher zurück. Zwar bauen und entwickeln die Karmänner komplette Autos, nennen sich aber ganz bescheiden Zulieferer. Und kaum einer, der in sein Audi-Cabrio, seinen Mercedes CLK oder seinen Cabrio-Golf steigt, weiß, dass er eigentlich einen Karmann fährt.

Im Sommer 2009 geht eine Ära zu Ende

Mitarbeiter des des insolventen Cabrio-Spezialisten Karmann stehen im Werk in Osnabrück neben einem Mercedes CLK-Cabriolet, dem letzten Fahrzeug, das im Karmann-Werk vom Band gefahren ist. © picture-alliance/ dpa Foto: Wilhelm Karmann GmbH
Ein schwarzes Mercedes-CLK-Cabrio war der letzte Wagen, der vom Band lief.

Der schwarze Mercedes CLK bildet 2009 das Finale in der langen Reihe von "Oben ohne"-Wagen, die Karmann seit 1949 produziert hat. Allein rund 225.000 Mal wurde das CLK-Cabrio ausgeliefert. Mehr als 3,3 Millionen Fahrzeuge wurden in Osnabrück insgesamt hergestellt. Dann geht die Geschichte Karmanns als eigenständiger Autobauer zu Ende: Am 22. Juni 2009 rollt das letzte Cabrio vom Band. Lange hatte sich das mittlerweile insolvente Unternehmen vergeblich um Aufträge bemüht. Doch die Autohersteller hatten ihre Produktionsstrategie verändert - und die weltweite Finanzkrise die Situation noch einmal verschärft. 2010 wird das Unternehmen schließlich aufgelöst, viele der bis dahin noch 4.247 Mitarbeiter werden entlassen.

VW übernimmt verbliebene Unternehmensteile

Das VW-Werk in Osnabrück © NDR Foto: Susanne Schäfer
Seit 2011 arbeiten die einstigen Karmann-Mitarbeiter in Osnabrück für VW.

Ende 2010 übernimmt Volkswagen die technische Entwicklung von Karmann. Die Dachsparte wird an verschiedene Interessenten verkauft: Magna übernimmt den japanischen Standort, die mexikanischen und nordamerikanischen Werke gehen an WebastoEdscha, der finnische Autobauer Valmet übernimmt die Produktion aus Osnabrück und Polen. Im März 2011 sichert sich VW schließlich die verbliebenen wirtschaftlichen Unternehmensteile inklusive der übrig gebliebenen Mitarbeiter wie auch der Patent- und Markenrechte und startet die Fahrzeugproduktion wieder neu. Die ehemaligen Karmann-Mitarbeiter in Osnabrück bauen nun für VW unter anderem das Golf Cabriolet - bis 2016.

Mittlerweile arbeiten in dem Osnabrücker Werk wieder rund 2.300 Angestellte, sowohl in der technischen Entwicklung wie auch im Fahrzeugbau. Produziert wird dort aktuell das T-Roc-Cabrio, in Entwicklung ist ein Bus für die Elektroautofamilie ID entwickelt. 

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