Ein Besitzer hantiert in den 1920er-Jahren an seinem Hanomag "Kommissbrot". © picture-alliance / dpa Foto: Peter Stegenwalner

Hanomag: Aufstieg und Fall einer Legende

Stand: 23.03.2021 12:07 Uhr

Ob Laster, Landmaschine oder Pkw - der Name Hanomag stand lange für Qualität im Fahrzeugbau. Doch unternehmerische Fehlentscheidungen und ein kriminelles Geschäftsmodell führten die Firma aus Hannover in den Ruin.

Das Traditionsunternehmen Hanomag aus Hannover hat viele technische Meisterleistungen auf die Räder gestellt. Für den Wiederaufbau in der Nachkriegszeit waren Hanomag-Produkte unverzichtbar. Längst existiert das Unternehmen nicht mehr, aber der Mythos Hanomag lebt noch immer. Viele der alten Traktoren, Automobile und Lastwagen sind begehrte Sammlerobjekte.

Mit Dampflokomotiven von Linden in die Welt

Ein Ingenieur poliert Ende der 1990er-Jahre eine 1921 von Hanomag gebaute und von den Meininger Werken restaurierte Garrat-Lokomotive. © picture-alliance / dpa Foto: Stefan Thomas
Mehr als 10.000 Loks wurden in Linden gebaut. Dieses Modell wurde Ende der 90er-Jahre im Meininger Werk der Deutschen Bahn restauriert.

Die Geschichte von Hanomag beginnt Mitte des 19. Jahrhunderts in Linden, damals noch ein Dorf am Rand von Hannover, heute ein Stadtteil. 1835 gründet Georg Egestorf dort eine Eisen- und Maschinenfabrik, produziert zunächst Dampfmaschinen. Doch im anbrechenden Zeitalter der Eisenbahn verlegt er sich schon bald auf die Herstellung von Lokomotiven. Mehr als 10.000 Loks werden von Linden aus in die ganze Welt geliefert. Nach Egestorfs Tod 1868 hat das Unternehmen wechselnde Besitzer. 1871 bekommt es den Namen Hannoversche Maschinenbau Actien-Gesellschaft, aus dem später die Abkürzung Hanomag wird.

Hanomags "Kommissbrot": Das erste Auto vom Fließband

Ein Oldtimer vom Typ Hanomag Kommissbrot steht in einer Werkstatt. © NDR/ZENTRALFILM/Micha Bojanowski
Das Hanomag "Kommissbrot" ist das erste Auto, das in Deutschland in Serie gebaut wurde.

Auch die Produktpalette ändert sich: Nach der Jahrhundertwende kommen Automobile in Mode, ab 1925 baut Hanomag einen Kleinwagen, das sogenannte Kommissbrot. Das Zehn-PS-Auto, das seinen liebevollen Spitznamen seiner kastigen Form eines Brotes verdankt, wird zum Verkaufsschlager. Als der kleine Hanomag auf den Markt kommt, ist er der erste deutsche Kleinwagen, der am Fließband gefertigt wird - und schreibt so ein Stück Automobilgeschichte. Von den insgesamt 16.000 produzierten Fahrzeugen sollen heute noch knapp 400 existieren. Sammler zahlen dafür hohe Preise.

Lastwagen und Traktoren: Hanomag fertigt von A bis Z

Besucher der Feldtage betrachten eine historische Landmaschine. © picture alliance / Friso Gentsch/dpa Foto: Friso Gentsch
Landmaschinen wie dieser Motortragpflug Hanomag WD 35 von 1922 gehören bei Liebhaber-Treffen wie den Historischen Feldtagen in Nordhorn zu den Highlights.

Neben Lokomotiven und Automobilen stellt Hanomag ab den 1920er-Jahren auch Lastwagen, Landmaschinen und Traktoren her. Zulieferer gibt es fast keine, die meisten Teile werden selbst gefertigt. Karl Wesche beginnt seine Ausbildung 1940 mit einem Stundenlohn von zwölf Pfennig. Nahezu sein gesamtes Berufsleben arbeitet er bei Hanomag. Rückblickend erinnert er sich an den Lärm in den Fabrikhallen: "Wir verstanden uns praktisch nur durch die Mundbewegungen, so konnte ich aus 20 Metern jeden verstehen." Die Arbeiter im Blechwerk bekommen immerhin eine Lärmzulage.

Produktion für die Kriegsmaschinerie

Ein Eisenbahngeschütz K 5, das zwischen 1934 und 1945 in Zusammenarbeit von Krupp und Hanomag hergestellt wurde. © picture alliance / prisma Foto: Reinhard Schultz
Bis zum Kriegsende wurden 25 Eisenbahngeschütze des Typs K 5 in Zusammenarbeit von Krupp in Essen und Hanomag in Hannover hergesellt.

Der Aufstieg der Nationalsozialisten hat auch für Hanomag dramatische Folgen. Die Produktion von Rüstungsgütern wird zum Kerngeschäft. Neben der Stammbelegschaft müssen Tausende Zwangsarbeiter im Werk Flakgeschütze, Kettenfahrzeuge und Granaten herstellen. Mehrfach schlagen Fliegerbomben in den Hallen ein. Die Arbeiter werden meist rechtzeitig gewarnt, doch es gibt auch Tote. Nach Kriegsende besetzen englische Soldaten einen Teil des Werks. Schon im Juni 1945 läuft die Produktion wieder an - trotz erheblicher Zerstörungen und unter schwierigsten Bedingungen.

Goldene Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg

Mit der Trecker-Produktion beginnen nach demZweiten Weltkrieg die Boomjahre von Hanomag. 1950 arbeitet noch fast jeder vierte Deutsche in der Landwirtschaft. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach den neuen Viertakt-Schleppern, aber auch nach Lastwagen und Baumaschinen von Hanomag. Zu den besten Zeiten des Unternehmens arbeiten dort mehr als 13.000 Menschen. "Man fühlte sich als König, das ist der richtige Ausdruck, wir hatten Ansehen", blickt Karl Wesche zurück.

VIDEO: 125 Jahre Hanomag-Werke Hannover (3 Min)

Ausverkauf von Hanomag auf Raten

Im Vordergrund steht ein Feuerwehrauto von Hanomag Henschel. Im Hintergrund ist ein alter Wohnwagen mit der Aufschrift: "Büro" zu sehen. © NDR Foto: Thomas Hans
Die Transporter von Hanomag-Henschel trugen später das Mercedes-Zeichen.

Nach zahlreichen Besitzer-Wechseln ist das Werk ab 1952 Teil des Rheinstahl-Konzerns. Doch der Konzern zeigt wenig Interesse an dem Fahrzeugbauer. Ende der 60er-Jahre leidet Hanomag immer stärker unter dieser Unternehmenspolitik. Dringend notwendige Investitionen bleiben aus. 1969 wird die Lkw-Sparte mit Henschel zusammengelegt und schließlich an Mercedes verkauft. 1970 entscheidet Rheinstahl, die Traktoren-Produktion einzustellen - Hanomag verliert seinen Kernbereich.

Ein Aufsteiger tritt als Retter an

Die Wut der Hanomag-Beschäftigten äußert sich immer wieder in Arbeitskämpfen. 1980 übernimmt Horst Dieter Esch das Unternehmen. Der Sohn eines Schlossers aus Hannover hatte sich in Amerika vom Kartenabreißer zum Chef einer Autokino-Kette hochgearbeitet. Mit seiner Internationalen Baumaschinen Holding (IBH) will er nun den Weltmarkt aufmischen - mit Hanomag als Kernbereich.

Esch baut ein Imperium auf - auf Pump

Das Erfolgsrezept ist einfach: Fast ohne Eigenkapital kauft Esch marode Unternehmen billig auf. So entsteht ein Imperium auf Pump, finanziert mit Bankkrediten und staatlichen Bürgschaften. Dafür verspricht der smarte Unternehmer den Erhalt von Arbeitsplätzen. Doch Eschs große Pläne geraten schnell ins Wanken. Die Konjunktur stockt und immer mehr Baumaschinen finden keinen Abnehmer.

Die Scheinwelt bricht zusammen

Im November 1983 bricht Eschs Scheinwelt zusammen. Rund 2.700 Beschäftigte verlieren ihre Jobs. Mit der Insolvenz kommen die Geschäftspraktiken Eschs ans Licht. Mit gefälschten Auftragspapieren hatte er sich jahrelang Bankkredite erschlichen. Im März 1984 wird Esch wegen Betrugs und Konkursverschleppung festgenommen und später verurteilt. Nach vier Jahren kommt er aus der Haft frei und übernimmt in New York die damals zweitgrößte Modelagentur der Welt.

Hanomag baut noch immer Baumaschinen

Eine Kettenraupe fährt beim Treffen der Nutzfahrzeug Veteranen Gemeinschaft über Sand. © NDR Foto: Tobias Senff
In den frühen 1960er-Jahren baute Hanomag die Kettenraupe K10.

Drei hannoversche Mittelständler versuchen fortan, Hanomag mit kleinerer Belegschaft weiterzuführen, doch es geht nicht lange gut. 1989 übernimmt der japanische Baumaschinen-Konzern Komatsu die Aktienmehrheit. Heute ist Hanomag ganz in dessen Besitz. Rund 750 Mitarbeiter bauen in Hannover noch immer Bagger und Radlader zusammen. Direkt neben den verbliebenen alten Fabrikhallen aus den 1920er-Jahren ist seit 2020 zudem ein Technologiezentrum in Betrieb, in dem die digitale Produktentwicklung im Fokus steht.

Doch der größte Teil des einst 44 Hektar großen Hanomag-Geländes wird heute anders genutzt. Die meisten alten Produktionshallen sind längst abgerissen oder in Gewerbe- und Wohnraum umgewandelt. Nur wenig erinnert an das ruhmreiche Unternehmen Hanomag, das mit seinen Produkten die Geschichte der Mobilität maßgeblich geprägt hat.

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