Sendedatum: 02.08.2016 19:30 Uhr  | Archiv

"Ich war einfach froh, dass ich zur See fahren durfte"

von Ilka Kreutzträger

Zwei Masten, 41 Meter langer Rumpf, 15 Segel, eine Segelfläche von insgesamt 570 Quadratmetern, eine Höchstgeschwindigkeit von 14 Knoten und mehr als 3.800 Meter Tauwerk: Das war die "Wilhelm Pieck", das einzige Hochseesegelschulschiff der DDR. Pro Jahr lernten hier zu DDR-Zeiten mehr als 200 Schüler derVolksmarine die Grundbegriffe des Segelns und bereiteten sich auf ihren Dienst bei der Volksmarine vor. Roland Hunscha kam im Mai 1982 als Bootsmann auf die "Wilhelm Pieck", machte dort sein nautisches Patent, arbeitete sich zum Ersten Steuermann hoch und war bis zur Grenzöffnung einer der Ausbilder an Bord.

Eigentlich sollte der Zweimaster ein Geburtstagsgeschenk für den ersten Präsidenten der DDR sein. Wilhelm Pieck feierte 1950 seinen 75. Geburtstag, und eine Initiative der Werftarbeiter in Warnemünde und Stralsund baute ihm mit Spenden aus der Bevölkerung von mehr als einer Million Mark eine Jacht. "Doch schon während der Bauphase hat Pieck gesagt, was soll ich denn mit einer Jacht, die stellen wir mal für die Ausbildung der Jugend zur Verfügung", erzählt der heute 48-jährige Roland Hunscha. Am 26. Mai 1951 lief die "Wilhelm Pieck" als erster Stahlschiffsneubau der DDR vom Stapel.

"Ich habe mich natürlich für die 'Wilhelm Pieck' entschieden"

Die Einweihung des Segelschulschiffs "Wilhelm Pieck". © http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en Foto: Walter Heilig
1951wurde die "Wilhelm Pieck" durch ihren Namensgeber (re.), den ersten DDR-Präsidenten, eingeweiht.

So lange wie der Greifswalder Hunscha hat bislang nur der alte Kapitän Stolle, der 2000 nach 40 Jahren an Bord in Rente ging, auf dem Schiff gearbeitet. Dabei wollte Hunscha eigentlich zur Handelsflotte. Nach seinem Grundwehrdienst bewarb sich der damals 20-Jährige dort, musste aber ein halbes Jahr auf eine Zu- oder Absage warten. Zurück in seinen alten NVA-Betrieb, bei dem er vor seiner Armeezeit als Betriebselektriker gearbeitet hatte, wollte er nicht, und so befolgte er den Rat eines Freundes, bei der Marineschule in Wieck nach Arbeit auf einem der Schiffe zu fragen.

Am nächsten Tag stand er im Zimmer des Schulleiters, der auf drei Schiffe deutete, die unter seinem Fenster am Wiecker Kai lagen. Er sollte sich einfach eines davon aussuchen. "Da habe ich mich natürlich für die 'Wilhelm Pieck' entschieden", sagt der leidenschaftliche Segler. Noch am selben Tag wurde er Kapitän Stolle vorgestellt, tags darauf wurde er Teil der Crew, und das ist er bis heute geblieben.

"Ich konnte mir nie vorstellen, vom Schiff in den Westen zu fliehen. Ich hatte keine Verwandten dort und war einfach froh, dass ich zur See fahren durfte. Zwar nicht so richtig, da es bei der Handelsflotte nicht geklappt hat", sagt Hunscha, der nur das sogenannte PM19, also die Berechtigung zum Verlassen der Seegrenzen der DDR, bekam. Das "Seefahrtsbuch", mit dem er die Weltmeere hätte besegeln dürfen, blieb ihm verwehrt. Bedauert hat er seine Entscheidung, auf dem Schulschiff zu bleiben, nie. "Die 'Wilhelm Pieck' war bekannt wie ein bunter Hund, ich war damit sehr zufrieden."

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Nordmagazin | 02.08.2016 | 19:30 Uhr

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