Marode und zu niedrig: Hamburgs Köhlbrandbrücke

Stand: 03.02.2021 12:05 Uhr

Als die ersten Arbeiter am 8. Mai 1970 mit dem Bau der Köhlbrandbrücke beginnen, ahnt kaum jemand, dass sie zu eines der Hamburger Wahrzeichen Hamburgs wird. Inzwischen sind die Tage des mittlerweile maroden Bauwerks gezählt.

von Janine Kühl

"Die schönste Flussbrücke Europas" oder "Golden Gate von Hamburg": Als die Köhlbrandbrücke am 20. September 1974 eingeweiht wird, ist die Euphorie groß. Nach vierjähriger Bauzeit verbindet die 3.618 Meter lange Schrägseilbrücke den Stadtteil Steinwerder auf der Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg mit Waltershof an der Autobahn 7.

Bundespräsident Walter Scheel eröffnet Bauwerk

Drei Tage lang haben die Hamburger Zeit, die neue Brücke zu Fuß zu überqueren. Danach soll sie den Autos und Lkw gehören, denn einen Fußweg gibt es nicht. Nachdem Bundespräsident Walter Scheel die Brücke offiziell eröffnet hat, gibt es kein Halten mehr. Der Andrang ist riesig: Mit 600.000 Menschen, die das elegante Bauwerk auf drei Tage verteilt mehr stürmen als begehen, haben die Veranstalter nicht gerechnet. Deswegen sind auch die 100.000 Erinnerungsmedaillen schnell vergriffen, was zu kleineren Tumulten führt.

Ein "Triumphbogen" für 160 Millionen Mark

Sechs Jahre zuvor hatte der Hamburger Senat den Bau einer Brücke über den 325 Meter breiten Köhlbrand, einen Nebenarm der Süderelbe, beschlossen. Die Querung soll das östliche mit dem westlichen Hafengebiet verbinden. Aus den ursprünglich geplanten zwei Jahren Bauzeit und Kosten von 120 Millionen Mark werden vier Jahre und 160 Millionen Mark. Für den "Triumphbogen für Hamburgs Hafen" - so damals die Lokalpresse - muss der kleine Stadtteil Neuhof weichen. 300 Familien müssen ihre Heimat am Köhlbrand verlassen.

Elegant und schwebend: "Europas schönste Brücke"

Federführend bei der Planung der Schrägseilbrücke sind der Architekt Egon Jux und der Bauingenieur Paul Boué. 88 Stahlseile verbinden den Brückenkasten mit den beiden 135 Meter hohen Pylonen. Das sanft ansteigende Bauwerk erweckt den Eindruck, als schwebe es über dem Hafen, bevor es in einer engen Schleife wieder zur Erde gleitet. Die Menschen schwärmen von der eleganten Silhouette der Köhlbrandbrücke, die 1975 den Europäischen Stahlbaupreis für die "schönste Brücke des Kontinents" erhält.

1978: Stahlseile müssen ausgetauscht werden

Doch bereits vier Jahre nach der Eröffnung bekommt das viel gelobte Bauwerk erste Kratzer. 1978 und 1979 müssen sämtliche Stahlseile ausgetauscht werden - sie sind schlicht von zu viel Rost befallen. Der Nutzen für den Hafenverkehr ist indes unbestritten: Auf vier Spuren befördern immer mehr Lkw Waren zwischen den Hafen-Terminals, in Richtung Autobahn oder auf die Schiene.

Die Köhlbrandbrücke in Zahlen

Bauzeit: 1970 – 1974
Länge: 3.618 Meter
Durchfahrtshöhe: 53 Meter bei mittlerem Tidehochwasser
Material: 81.000 Kubikmeter Beton, 12.700 Tonnen Stahl
Stützen: 75 Pfeiler, 2 Pylonen, 88 Tragseile
Nutzung: 38.000 Fahrzeuge täglich

Schwimmkran reißt Loch in Brücke

Am 20. Februar 1998 ereignet sich ein schwerer Unfall: Der niederländische Schwimmkran "Rotterdam" rammt versehentlich die Brücke und reißt ein großes Loch in den Brückenkasten. Zwar ist die Stabilität des Bauwerks nicht gefährdet. Doch die wochenlangen Reparaturarbeiten führen zu einem Verkehrschaos, da die Brücke während dieser Zeit nicht befahren werden kann.

25 Jahre: Ein Wahrzeichen feiert Jubiläum

1999 feiert die Stadt das 25-jährige Bestehen der zweitlängsten Straßenbrücke Deutschlands. Sie werde "ganz sicher eine Sehenswürdigkeit von Hamburg werden", hatte Bundespräsident Scheel bei der Eröffnung gesagt. Tatsächlich hat sich die eindrucksvolle Brücke zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelt, das die Veranstalter von großen Sportereignissen gern in ihre Streckenführung einbeziehen. Im Gegensatz zur Einweihung ist der Andrang auf das Bauwerk zum 25. Geburtstag allerdings kleiner als gedacht: Lediglich 100.000 Besucher kommen zu den Feierlichkeiten und genießen den Blick über Hafen und Hansestadt, der sonst den Kraftfahrern vorbehalten ist.

Studie zeigt: Neubau unvermeidlich

Zehntausende Fahrzeuge überqueren täglich die Köhlbrandbrücke. Deswegen werden regelmäßig Reparatur- und Erhaltungsarbeiten durchgeführt. Eine Untersuchung der Technischen Universität Hamburg-Harburg aus dem Jahr 2008 aber zeigt: Wenn weiterhin im bestehenden Rhythmus Instandsetzungsmaßnahmen durchgeführt werden, wird sich die Unterhaltung der Brücke nur noch bis etwa 2030 rechnen. Danach würde ein Neubau - unabhängig von der weiterhin gegebenen Tragfähigkeit und Verkehrssicherheit - wirtschaftlicher sein.  

Überholverbot soll Belastung verringern

Autos fahren auf der teilweise abgesperrten Köhlbrandbrücke. © picture alliance/Georg Wendt Foto: Georg Wendt
Bei Bauarbeiten auf der Köhlbrandbrücke kommt es zu erheblichen Staus. Wegen der baulichen Mängel finden diese Instandsetzungsmaßnahmen regelmäßig statt.

2011 stellt sich heraus, dass der Verkehr die Brücke viel stärker belastet als angenommen. Die Hamburg Port Authority (HPA) baut eine Waage in die Fahrbahn ein und kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Täglich überqueren 36.000 Fahrzeuge den Köhlbrand, davon etwa ein Drittel Lkw. Diese sind inzwischen größer und schwerer als in den Berechnungen aus den 1970er-Jahren angenommen. Als Konsequenz daraus gilt seit 2012 ein Überholverbot für Lkw, um extreme Belastungen zu vermeiden.

2012: Scholz verkündet Abriss und Neubau

Im Juni 2012 gibt Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz bekannt, dass die Köhlbrandbrücke abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden soll. Viele Hamburger äußern sich bestürzt und traurig. Zu diesem Zeitpunkt geht der Senat von 20 Jahren Restlebenszeit für die Brücke aus. Zunächst findet ab März 2014 eine umfangreiche Grundinstandsetzung des Bauwerks statt. Parallel führt die Hafenverwaltung eine umfassende Bewertung der Brücke durch, um die Restlebensdauer besser einschätzen zu können.

Durchfahrtshöhe zu niedrig für Container-Riesen

Ein Containerschiff schwimmt unter der Köhlbrandbrücke durch. © NDR Foto: Ralf Meinders
Die Köhlbrandbrücke ist mit einer durchschnittlichen Durchfahrtshöhe von 53 Metern zu niedrig für die neuen großen Container-Riesen.

Zur maroden Bausubstanz kommt ein weiteres Problem: Die Brücke ist zu niedrig. Containerschiffe der neuesten Generation können Hamburgs modernstes Terminal in Altenwerder nicht anfahren. 2017 beginnt die HPA mit ersten Planungen: Demnach soll eine neue Brücke das alte Bauwerk ersetzten und eine Durchfahrtshöhe von mindestens 73,5 Metern haben.

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Tunnel soll Köhlbrandbrücke ersetzen

Doch mittlerweile ist der Bau einer neuen Brücke vom Tisch. Stattdessen soll ein Tunnel ab 2034 den Köhlbrand queren. Zwar wird ein Tunnel laut Wirtschaftssenator mit mindestens drei Milliarden Euro wesentlich teurer als eine neue Brücke, bietet aber mehrere Vorteile. Zum einen sei der Verkehr nicht der Witterung ausgesetzt, heißt es im Februar 2021, zum anderen halte der Tunnel wesentlich länger als eine Brücke - und der Hohlraum unter der Fahrbahn kann nach den Worten des Senators zusätzlich genutzt werden. Neben der Wirtschaftsbehörde bevorzugen auch die Hafenwirtschaft und die Hafenverwaltung diese Alternative.

Abstandsgebot für Lkw seit 2019

Seit Anfang Januar 2019 müssen Lkw einen Abstand von 50 Metern zum nächsten Fahrzeug einhalten, um die Brücke zu entlasten. Diese Maßnahme führte anfangs zu langen Staus. Die Hafenverwaltung besserte nach. Sie passte die Ampelschaltung an und brachte Markierungen auf der Fahrbahn an, die den Fahrern das Einhalten des korrekten Abstands erleichtern sollen. Seitdem fließt der Verkehr mit täglich 38.000 Fahrzeugen auf der Köhlbrandbrücke wieder besser. Allerdings kommt es aufgrund von Wartungsarbeiten regelmäßig zu Behinderungen und zeitweisen Vollsperrungen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 03.02.2021 | 11:00 Uhr

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