Stand: 16.12.2014 09:40 Uhr  | Archiv

Mit dem Fahrrad in die Freiheit

von Inga Bork

Sie haben vor 25 Jahren Geschichte geschrieben. Doch wer sind die namenlosen Helden des Aufbruchs? Der NDR hat die Gesichter der Geschichte gesucht, unter anderem auf Fotos von der Grenzöffnung in Roggendorf/Mustin am 12. November 1989 - und gefunden!

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1989: Mit dem Fahrrad in die Freiheit: Die winkende Frau auf dem Fahrrad hat sich auf diesem 25 Jahre alten Foto wiedererkannt.

Sie trägt heute einen langen Zopf statt kurzer Locken. Doch Sylvia Ulfig aus dem westmecklenburgischen Stove hat sich sofort wieder erkannt auf dem 25 Jahre alten Foto: fröhlich winkend und mit ihrer damals dreijährigen Tochter auf dem grünen IFA-Fahrrad. Hinter ihr: der geöffnete DDR-Grenzzaun und ein voll besetzten Pkw Lada; vor ihr: die staubige Sandpiste Richtung Westen, die heutige Bundesstraße 208. "Dieses Bild werde ich nie vergessen: Mein erster Westbesuch drei Tage nach dem Mauerfall!" Sylvia Ulfig radelte an jenem 12. November 1989 als eine der ersten DDR-Bürger über den provisorischen Grenzübergang Roggendorf/Mustin. Um 13.05 Uhr war der Grenzzaun auf freiem Feld für den Transitverkehr zwischen Ost- und Westdeutschland offiziell geöffnet worden. Dafür hatten Grenzbrigaden den verwilderten Grenzweg frei geholzt und Betonplatten über den Grenzgraben verlegt. Die Fahrradtour gen Westen sei eine spontane Idee ihrer Schwägerin gewesen; auch sie ist auf dem Farb-Foto zu sehen, radelt im Windschatten von Sylvia Ulfig. "Ein Auto hatten wir damals nicht."

Westbesuch mit Hindernissen

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2014: Sylvia Ulfig fährt wie damals mit ihrer Tochter Julia auf dem Original-Fahrrad entlang des ehemaligen Grenzweges Roggendorf/Mustin.

Doch der Weg in den Westen war weiter als gedacht. "Dass die scheinbar nahe Grenze von meinem Heimatort mehr als zehn Kilometer entfernt war, hatte ich wirklich unterschätzt", gesteht die heute 48-Jährige. "Meine kleine Tochter war trotz Skianzug viel zu dünn angezogen." Die Grenzsoldaten wollten sie zuerst auch nicht Richtung Grenze radeln lassen. "Die Zufahrt zum Grenzübergang führte ja direkt durchs DDR-Sperrgebiet." Doch schließlich hätten sie die bewaffneten Grenzer doch noch passieren lassen. Umso herzlicher sei der Empfang der Bundesbürger gewesen: "Wildfremde Menschen haben mich umarmt und gesagt: 'Schön dass Ihr endlich da seid'", erinnert sich Sylvia Ulfig noch immer sichtlich bewegt. Dass sie bei der Fahrradtour über die innerdeutsche Grenze vom Bundesgrenzschutzbeamten Sigurd Müller fotografiert worden ist, habe sie an jenem 12. November 1989 gar nicht gemerkt. "Ich dachte damals nur: Wahnsinn! Endlich kann ich meinen Bruder Gerhard im Westen besuchen!"

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Gerhard, ihr älterer Bruder, der mit 14 Jahren in den Westen geflohen war. "Weil er in der DDR keine berufliche Perspektive gesehen hat", erklärt Sylvia Ulfig. "1965 ist er nachts alleine über den Lankower See geschwommen." Ganz in der Nähe des Grenzsees hatte Sylvias Familie gelebt. Nach Gerhards Flucht mussten alle ihr Zuhause verlassen, die Familie wurde zwangsweise umgesiedelt, nach Magedeburg. Erst Jahre später durfte sie wieder zurück nach Mecklenburg, in die Nähe der alten Heimat. Im Herbst 1989 wohnte Sylvia Ulfig mit Tochter und Mann wieder mitten im Sperrgebiet, ihr Schwiegervater diente als Grenzsoldat. Der Familienalltag im Sperrgebiet: "Überschaubar und begrenzt. Jeder Besucher musste damals Wochen vorher bei den staatlichen Behörden angemeldet werden, spontan ging nichts." Die Grenzöffnung am 9. November 1989 hat Sylvia vor dem Fernseher erlebt. Drei Tage später spürte sie die Freiheit hautnah - auf ihrem DDR-Fahrrad Richtung Ratzeburg. Die reiche Glitzerwelt in den Geschäften habe sie jedoch schnell überfordert. "Von den 100 D-Mark Begrüßungsgeld habe ich nur eine Musikkassette mit Heidi-Liedern für meine kleine Tochter gekauft."

Geteilte Erinnerungen

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Sylvia Ulfig und ihre 28-jährige Tochter Julia mit einem Antrag für Besucher im DDR-Sperrgebiet.

Ihre damals dreijährige Tochter Julia ist heute selbst Mutter einer kleinen Tochter. Die 28-Jährige lebt in Schwerin, arbeitet in Lübeck. Die Pendelei zwischen ehemals Ost und West - für Julia selbstverständlich: "Mit dieser Freiheit bin ich ja aufgewachsen!" An ihren ersten Westbesuch 1989 kann sich die junge Frau nicht erinnern, kennt nur die Geschichte des Fahrradfotos. Für ihre Mutter Sylvia war die Grenzöffnung 1989 einer der bewegendsten Momente ihre Lebens: Endlich frei reisen können oder spontan Besuch bekommen ohne staatliche Genehmigung - darüber kann sie sich noch immer freuen. "Ich war nie arbeitslos, arbeite immer noch in meinem tollen Beruf als Kindererzieherin." Dass für ihre jüngste Tochter die Ost-West-Frage keine Rolle mehr spiele, mache sie besonders stolz. "'Ich bin ich', sagt meine 16-Jährige Tochter dann immer."

Das grüne IFA-Fahrrad vom ersten Westbesuch hat Sylvia Ulfig übrigens 25 Jahre auf ihrem Dachboden aufbewahrt. "Und es fährt immer noch", demonstriert sie stolz. "Alles noch Original, selbst die Gepäcktasche mit den verrosteten Werkzeugen". Auch der alte Kindersitz für Sylvias kleine Tochter ist noch montiert. "Der wäre heute aber nicht mehr verkehrssicher“, sagt Sylvia Ulfig lachend und schwingt sich auf ihr altes DDR-Rad. "Das ist jetzt ein Familienerbstück." Ganz klar, bei dieser Geschichte!

Dieses Thema im Programm:

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