Stand: 21.12.2015 18:03 Uhr  - Hamburg Journal

"Er hatte keine Chance zu überleben"

"In spätestens einer Stunde bin ich zurück", sagt Ramazan Avci zu seiner hochschwangeren Verlobten Gülistan. Er winkt ihr von draußen zum Abschied noch mal zu. Ramazan hat heute Geburtstag, er ist 26 Jahre alt geworden. Mit seinem Bruder und einem Freund zieht er abends noch los, um ein Auto zu verkaufen. Von dem Geld will er ein Bettchen für das Baby besorgen.

Doch die Geburt seines Sohnes erlebt Ramazan Avci nicht mehr. An diesem Sonnabend, dem 21. Dezember 1985, werden er und seine Begleiter in Hamburg-Hohenfelde von rechten Skinheads brutal überfallen.

Hamburg damals: Angriff auf Ramazan Avci

Hamburg Journal -

1985 bewegte rechte Gewalt die Hansestadt: Zwei Mal schlugen Skinheads Türken zu Tode. Besonders der zweite Vorfall - bekannt als "Fall Avci" - sorgte für öffentliche Empörung.

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Flaschen mit abgeschlagenen Hälsen

Es ist etwa 23 Uhr. Ramazan Avci und seine beiden Begleiter sind auf dem Rückweg. Sie wollen beim S-Bahnhof Landwehr auf einen Bus warten. In diesem Moment kommen aus der Gaststätte "Landwehr" mehrere Skinheads. Sie entdecken die Türken und gehen auf sie los. Es fliegen Schimpfworte und Bierflaschen. Die Türken hauen ab. Doch ein Stückchen weiter kommt es wieder zur Konfrontation. Die Skinheads halten Flaschen mit abgeschlagenen Hälsen in der Hand. Avci gerät in Panik. Er besprüht die Angreifer mit Reizgas, das er bei sich trägt, "wie neuerdings viele Ausländer, die sich in westdeutschen Großstädten bedrohlichen Anfeindungen ausgesetzt sehen", wie "Der Spiegel" später schreibt. Die drei Türken fliehen weiter. Doch die jungen Männer mit den kahl geschorenen Köpfen bleiben ihnen auf den Fersen. Dann kommt endlich ein Bus. Avcis Bruder und sein Freund retten sich hinein. Doch als Ramazan Avci über eine Straße rennt, wird er von einem Auto erfasst.

Schläge mit Axtstielen auf den Kopf

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Vor der Gaststätte "Landwehr" griffen die Skinheads Avci und seine Begleiter an.

Avci liegt am Boden. Die Angreifer schlagen ihn mit Axtstielen und Gummiknüppeln, treten mit Springerstiefeln. Bereits einer der ersten Schläge gegen Avcis Kopf - so wird es später ein Gutachter vor Gericht aussagen - zertrümmert wahrscheinlich Avcis Schädel. Der 26-Jährige verliert das Bewusstsein. Die Skinheads prügeln weiter auf den auf dem Asphalt Liegenden ein. Splitter seines zerschlagenen Schädelknochens bohren sich dabei in Avcis Gehirn. "Er hatte keine Chance zu überleben", so das Gutachten.

Auch den Bus mit Avcis Begleitern greifen die Skinheads an. Sie zerschlagen mehrere Scheiben. Sogar Schüsse sollen gefallen sein. Avcis Bruder sagt nach dem Überfall der "Bild-Zeitung": "Die zehn Fahrgäste und wir warfen uns auf den Boden. Die Skins rannten dann weg. Ich bin raus zu meinem Bruder. Er lag da und antwortete nicht mehr."

"Er war eigentlich gar nicht mehr richtig am Leben"

Ein Rettungswagen bringt Avci ins Krankenhaus. Die schwangere Verlobte Gülistan, die zu Hause auf ihn wartet, erfährt zunächst nur, dass Ramazan von einem Auto angefahren worden sei. Man will sie schonen. "Als ich am nächsten Tag ins Krankenhaus kam, bin ich als Einzige zu ihm gelassen worden. Ich hatte darauf bestanden, ihn zu sehen. Da wurde mir bewusst, wie ernst seine Lage war: Er war bewusstlos und an Maschinen angeschlossen und eigentlich gar nicht mehr richtig am Leben", erzählt sie später der "tageszeitung". Erst anschließend im Krankenhaus habe sie dann erfahren, dass Ramazan von Skinheads überfallen wurde.

Stichwort Skinheads

Im Zusammenhang mit Rechtsextremismus wurde der Begriff Skinhead seit den 1980er-Jahren oft als Sammelbegriff für die eher unorganisierte militante Rechte verwendet. Als äußeres Merkmal galten kahlrasierte Köpfe (engl.: Skinhead), Springerstiefel und Bomberjacke. Der Begriff Skinhead wird heute kaum noch benutzt, die modischen Vorlieben haben sich geändert. In der Diskussion über Skinheads war stets umstritten, wie stark politisch sie sind. Die Annahmen reichen von einer lediglich "spaßorientierten" Gruppe mit rassistischem Weltbild bis hin zu einem von Neonazis gesteuerten und gezielt eingesetzten Schlägertrupp. Offenbar gab es beides - mit vielen Abstufungen. Entstanden war die Skinhead-Szene in den 1960er-Jahren in Großbritannien, aus ihr entwickelten sich auch linke Gruppen, sogenannte Redskins.

Bundesweites Entsetzen

"Während Ramazan im Krankenhaus mit dem Tode ringt, hat ein Richter den mutmaßlichen Haupttäter in Untersuchungshaft nehmen lassen. Seine Komplizen bleiben vorerst auf freiem Fuß" meldet das "Hamburger Abendblatt" am 24. Dezember. Am gleichen Tag stirbt Avci an seinen Verletzungen.

Viele Zeitungen berichten jetzt, bundesweit herrscht Entsetzen. Hamburgs Erster Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) sei tief erschüttert, titelt das "Abendblatt" am 27. Dezember. Innensenator Rolf Lange (SPD) sagt: "Wir werden alles tun, um mit schnellen Ermittlungen die Sorgen unserer ausländischen Mitbürger zu zerstreuen."

Nicht das erste Opfer

Doch die Angst vor rechtsradikalen Schlägern sitzt tief bei den "ausländischen Mitbürgern". Avci ist nicht der erste Tote in diesem Jahr. Bereits am 24. Juli 1985 erschlugen Skinheads den 29 Jahre alten Türken Mehmet Kaymakci mit einer Betonplatte. Vorausgegangen war ein Streit in einem Wirtshaus. Vor Gericht wird die Tat allerdings als unpolitische Schlägerei gewertet. Im Fall Avci bemüht sich die Hamburger Politik um diplomatische Schadensbegrenzung. Nach einem Treffen mit dem türkischen Generalkonsul Mehmet Nuri Ezen sagt Innensenator Lange: "Der Generalkonsul versicherte mir, dass die Türken sich in Hamburg sehr wohl fühlten. Wir sind uns darüber einig, dass dieser schreckliche Vorfall bisher kein Beispiel hat und hoffentlich auch ein Einzelfall bleiben wird." Doch Ezen sagt später auch: "Unsere Landsleute fühlen sich unsicher in Hamburg." Sie müssten "jeden Tag in Bussen, S-Bahnen oder auf der Straße" damit rechnen, "dass auch ihnen etwas passiert".

Tat erreicht die große Politik

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Am Silvestertag wird die Leiche Ramazan Avcis in einem Trauer-Konvoi zum Hamburger Flughafen gefahren.

Eine Woche nach seinem Tod wird Avcis Leichnam zum Hamburger Flughafen gefahren, um den Toten in die Türkei zu überführen und dort zu bestatten. An diesem Silvestertag folgt ein langer Autokorso dem Leichenwagen. "Wir trauern um Ramazan Avci" steht auf einem großen Schild am Kühler der Limousine. Auch Generalkonsul Ezen und ein Senatsvertreter fahren im Konvoi mit. Die Tat hat längst die große Politik erreicht: Ein Sprecher des türkischen Außenministeriums verlangt eine Entschädigung für die Familie des Opfers. Außerdem müsse sich die Bundesrepublik "von dieser Tat distanzieren". Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Axel Wernitz (SPD), fordert ein Verbot von Skinhead-Banden. Sie seien Helfer rechtsextremistischer Parteien und neonazistischer Vereinigungen.

Bürgermeister appelliert an die "lieben Hamburger"

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Anfang Januar 1986 demonstrieren Tausende empörte Menschen in Hamburg gegen Fremdenfeindlichkeit.

Im neuen Jahr demonstrieren Tausende Menschen in Hamburg gegen Ausländerfeindlichkeit. Bürgermeister von Dohnanyi appelliert in türkischer und deutscher Sprache an die "lieben Hamburger", die Kette der Gewalt zu zerreißen. "Die Stadt will Frieden". Etwa 50.000 Türken leben damals in der Hansestadt. Nach dem Tod Avcis kommt es in manchen Stadtteilen "beinahe täglich zu Prügeleien und Messerstechereien zwischen deutschen und türkischen Jugendbanden", wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet. Und darauf hinweist, dass auch "Organisationen ausländischer Jugendlicher zuweilen 'Jagd' auf die Mitglieder der jeweils anderen Seite" machten. Dazu gehört auch die "Bomber"-Gang, eine Art Selbsthilfe-Miliz von Türken und anderen jungen Leuten mit auswärtigen Wurzeln.

Angeklagte: "Wollten ihn nur ein bisschen verprügeln"

Der Prozess gegen Avcis Angreifer startet im Mai 1986. Fünf Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren müssen sich vor dem Landgericht verantworten. Die Angeklagten sagen aus, sie hätten sich am Tag der Tat zunächst in Hamburg-Bergedorf getroffen und Bier getrunken. Dann seien sie zum "Landwehr" gefahren, das damals als Skinhead-Treffpunkt bekannt war, und hätten weiter getrunken. Als sie Lärm an der Tür gehört hätten, seien sie heraus gerannt und hätten gleich Reizgas in die Augen bekommen. Um sich dafür zu rächen, hätten sie Avci nur "ein bisschen verprügeln" wollen, sagt einer der Angeklagten. Mit Ausländerfeindlichkeit habe die Tat nichts zu tun gehabt. Sie bestreiten, zu den Skinheads zu gehören, und hätten grundsätzlich nichts gegen Türken. Allerdings seien sie selbst schon von den "Bombern" angegriffen worden, daher hätten sie auch immer Waffen bei sich. Alle Angeklagten räumen lediglich ein paar Schläge und Tritte gegen Avci ein, jedoch keine lebensbedrohlichen Attacken. Doch letzteres nimmt das Gericht ihnen nicht ab.

Eklat bei der Urteilsverkündung

Das Urteil fällt am 1. Juli. Bei zwei der Täter geht das Gericht davon aus, dass sie mit dem Tod ihres Opfers rechneten. Wegen gemeinschaftlich begangenen Totschlags erhält der eine zehn Jahre Haft, der andere sechs Jahre Jugendstrafe. Die weiteren Angeklagten werden zu Jugend- und Haftstrafen wegen Körperverletzung mit Todesfolge beziehungsweise Mittäterschaft verurteilt.

Im Gerichtssaal gibt es lautstarken Protest: "Justiz und Polizisten schützen die Faschisten" und ähnliche Rufe sind zu hören. Vielen Zuhörern im Saal und der Nebenklage ist es unverständlich, dass es kein Mordurteil gibt. Das Gericht habe das Tatmotiv Ausländerhass nicht ausreichend beachtet, heißt es. Dieses wurde im Urteil nur als eines von mehreren Motiven angenommen, nicht aber als das zentrale Tatmotiv. Hat das Gericht den Hintergrund der Angeklagten nicht ausreichend beleuchtet - wie die Nebenklage meint?

"Justiz drückt rechtes Auge zu"

Manche Kritiker erheben schwere Vorwürfe. "Die Politiker gaben die Vorgabe, dass es keinen Ausländerhass in der Hansestadt gibt. Die Staatsanwaltschaft wies mit ihrer Totschlagsanklage den Weg und das Gericht meldete Vollzug", heißt es in einem Kommentar der "Hamburger Rundschau". Nach dem Urteil könne der Bürgermeister nun wieder von einem weltoffenen Hamburg sprechen. "Unsere Justiz drückt, in bewährter Tradition, das rechte Auge ganz bewusst zu."

Solche Ansichten werden noch während des Prozesse durch pikante Details befeuert. Ein hoher Polizeibeamter, so stellt sich heraus, hat einen Sohn, der selbst in der Skinhead-Szene verkehrt, und mit einem der Angeklagten befreundet ist. Und ausgerechnet dieser Polizist ließ kurz nach der Tat den jungen Mann zunächst wieder laufen. Ein Verfahren gegen den Beamten wird später allerdings eingestellt. Doch es gibt noch weitere Ungereimtheiten - zum Beispiel die Vermutung, dass die Polizei von der bewaffneten Skinhead-Versammlung im "Landwehr" am Abend des Angriffs auf Avci wusste, aber nicht eingriff. Polizeiakten sind vorübergehend verschwunden. "Die Hintergründe bleiben unklar", schreibt nach dem Urteil die "Zeit".

Gülistan Avci: Wichtig, dass man den Fall nicht vergisst

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Gülistan Avci bei der Umbenennung des Vorplatzes am S-Bahnhof Landwehr in Ramazan-Avci-Platz.

Avcis Witwe Gülistan bringt zehn Tage nach dem Tod ihres Verlobten ihr Baby zur Welt. Sie nennt ihren Sohn Ramazan. Auch sie hat das Urteil von damals empört: "Ich war sehr wütend. Ich fand das nicht angemessen. Eine viel zu weiche Strafe für jemanden, der einen Menschen im Frühling seines Lebens umgebracht hat" sagt sie dem NDR. Die Türkische Gemeinde erinnerte am Montag mit einer Gedenkfeier auf dem nach Ramazan Avci benannten Vorplatz des S-Bahnhofes Landwehr an den Getöteten. Unter anderem als Reaktion auf den Fall Avci hatte sich damals das Bündnis Türkischer Einwanderer gegründet, das sich später in Türkische Gemeinde umbenannte.

Gülistan Avci sagt 30 Jahre nach der Tat: "Ich erlebe das alles noch einmal, als wäre es gestern passiert." Es mache sie fertig. "Aber auf der anderen Seite finde ich es wichtig, dass man den Fall nicht vergisst."

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 22.11.2015 | 19:30 Uhr

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