Der Skandal um Hitlers "Tagebücher"

Stand: 07.10.2020 14:56 Uhr

Ein windiger Fälscher und ein Reporter mit Spürnase narren 1983 das Magazin "Stern". Mit Hitlers vermeintlichen Tagebüchern wollen sie den NS-Diktator privat präsentieren - und ruinieren vorübergehend die Glaubwürdigkeit des Magazins.

von Helene Heise, NDR.de

"F.H.! Was soll das denn heißen? Führer Hitler? Führers Hund? Führer Hauptquartier? Fritze Hitler hat er ja wohl nicht geheißen!" Regisseur Helmut Dietl konnte 1991 für die Dialoge in seinen Film "Schtonk" aus dem Vollen schöpfen: Kaum ein Medien-Skandal bietet derart viel komödiantisches Potenzial wie die gefälschten Hitler-Tagebücher, die das Hamburger Nachrichtenmagazin "Stern" 1983 veröffentlichte. Da waren nicht nur die falschen Initialen auf den vermeintlichen Tagebüchern, auch die übrigen Zutaten stimmen: Ein Redakteur mit Spürnase und fatalem Hang zum Nazi-Kult, ein schillernder Fälscher und eine Verlagsleitung, die so sehr an den ganz großen Coup glauben wollte, dass sie die wohl größte Lachnummer in der bundesdeutschen Mediengeschichte produzierte.

Hitler-Tagebücher: Gier auf vielen Seiten

Dass auch ganz private Gier die Beteiligten antrieb, schildert Michael Seufert in seinem 2008 erschienenen Buch über den Skandal: "Beim Geheimprojekt Hitler-Tagebücher steht im Verlag Gruner + Jahr von Anfang an die Welt auf dem Kopf. Und bei den Beteiligten geht es um Karrieren, Macht und vor allem um viel Geld." Seufert, nach dem Skandal von "Stern"-Gründer Henri Nannen mit der Aufklärung betraut, rekonstruierte nach 25 Jahren die abenteuerliche Geschichte.

Den Tagebüchern auf der Spur

Die Details sind ebenso unglaublich wie streckenweise unfreiwillig komisch: "Stern"-Reporter und "Spürnase" Gerd Heidemann beschäftigte sich seit Beginn der 70er-Jahre mit der NS-Zeit. Über befreundete Sammler kommt er 1980 in Kontakt mit dem Fälscher Konrad Kujau, der gegenüber Heidemann unter dem Pseudonym Konrad Fischer auftritt. Der berichtet Heidemann von den Hitler-Tagebüchern: In den letzten Kriegstagen seien persönliche Aufzeichnungen Adolf Hitlers bei einem Flugzeugabsturz verschollen. Doch die Fracht sei an der Absturzstelle auf dem Gebiet der DDR aufgetaucht, er könne den Schmuggel über die innerdeutsche Grenze mithilfe von Verwandten organisieren - immerhin sei sein Schwager Museumsdirektor, sein Bruder NVA-Offizier im Osten.

Die Verlagsleitung stimmt zu

Heidemann weiht den Leiter des Ressorts Zeitgeschichte beim "Stern", Dr. Thomas Walde, in die vermeintliche Sensations-Story ein. Gemeinsam umgehen beide die Chefredaktion des Magazins und wenden sich direkt an die Verlagsleitung, denn sie benötigen viel Geld, um die Tagebücher zu beschaffen. Die lässt sich von den beiden Journalisten überzeugen: Heidemann und Walde erhalten grünes Licht für ihr Geheimprojekt.

Glaube an die Sensation überdeckt Zweifel

Kinofilm "Schtonk!": Stolz präsentiert Willié (Götz George, m) seinem Ressortleiter Kummer (Harald Juhnke) die "heissen" Dokumente. © picture-alliance
Kinofilm "Schtonk!": Stolz präsentiert Willié (Götz George, m) seinem Ressortleiter Kummer (Harald Juhnke) die "heißen" Dokumente.

Fast drei Jahre lang fließen insgesamt 9,34 Millionen Mark an Heidemann und Kujau. Zahlreiche Hinweise auf eine Fälschung ignoriert nicht nur der angebliche Top-Rechercheur des "Stern", der inzwischen wohl schon lange eigene finanzielle Interessen verfolgt. Auch Ressortleiter Walde, Chefredaktion und Verlagsleitung verschließen Augen und Ohren, als immer neue Hinweise von Zeitzeugen und Experten auftauchen, dass sie einem Betrüger aufsitzen könnten. So erinnert sich etwa ein ehemaliger Angehöriger der "Leibstandarte Adolf Hitler" ganz anders an einige Fakten. Aus Fachkreisen wird vor Fälschungen aus dubiosen Quellen gewarnt, und schon vor der Veröffentlichung gibt es Indizien, dass die Tagebücher auf Nachkriegspapier geschrieben wurden. Auch dass aus den ursprünglich angekündigten 27 Tagebüchern, die Hitler verfasst haben soll, inzwischen 60 geworden sind und ihr Preis kontinuierlich steigt, lässt beim "Stern" niemanden stutzen.

Kontrollen werden vermieden

Fatal ist der Vertrag der beiden Journalisten mit der Verlagsleitung: Ihnen wird darin nicht nur eine Gewinnbeteiligung bei Veröffentlichung und Rechteverkauf ins Ausland garantiert. Zusätzlich sichert der Vertrag ihnen das exklusive Recht, die Dokumente auszuwerten, und befreit Reporter Heidemann darüber hinaus von der Pflicht, seine Quelle offenzulegen. Alle redaktionellen Kontrollmechanismen sind damit ausgeschaltet, denn Verlagsleitung und Reporter wollen fest an den ganz großen Sensationsfund - und mit ihm das ganz große Geschäft - glauben.

Von der "Stern"-Stunde zur Katastrophe

Am 25. April 1983 ist es soweit: Mit großem Getöse veröffentlicht der "Stern" den ersten Teil der Serie über die Hitler-Tagebücher. Auf der Pressekonferenz präsentiert sich Heidemann mit den schwarzen Kladden, die Chefredaktion verkündet im drei Tage später erscheinenden Heft, nun müsse die Geschichte umgeschrieben werden. Doch schon an diesem Tag werden ernsthafte Bedenken laut. Namhafte Experten bezweifeln vom ersten Moment an die Echtheit der Quellen.

Kujau schreibt aus Fachbüchern ab

Nach nur zwölf Tagen ist der Spuk vorbei: Bundesarchiv und Bundeskriminalamt kommen mithilfe chemischer Analysen und historischer Recherche übereinstimmend zu dem Ergebnis: Die Tagebücher sind eine Fälschung - und zudem eine recht plumpe. Seitenweise hatte Fälscher Kujau aus veröffentlichten Hitler-Reden und Fachbüchern abgekupfert, das Ganze mit banalen Anmerkungen aus dem täglichen Leben angereichert. Verlagsleitung und Chefredaktion müssen zurückrudern, "Stern"-Gründer Henri Nannen entschuldigt sich bei den Lesern.

Schaukasten "Hitler-Tagebücher" im Polizeimuseum Hamburg © NDR Foto: Nina Hansen
Die beiden "Stern"-Ausgaben zur "Entdeckung" der Tagebücher und zum Auffliegen des Schwindels liegen im Hamburger Polizeimuseum.

Die Verlagsleitung wollte es nicht sehen: Einwände wurden abgetan, selbst die im Film "Schtonk" zum Witz verarbeiteten falschen Initialen auf den Tagebüchern ließen niemanden beim "Stern" am vermeintlichen Sensationsfund zweifeln. Über den Fehler habe Hitler selbst sich damals aufgeregt, soll Chefredakteur Felix Schmidt auf die berechtigte Nachfrage nach dem "F." bei der Pressekonferenz geantwortet haben.

Haftstrafen für Heidemann und Kujau

Der Imageschaden für das vormalige Renommier-Blatt ist enorm: Die Auflage bricht ein, die Glaubwürdigkeit ist dahin. In der Folge geben sich die Chefredakteure beim "Stern" die Klinke in die Hand. Kujau und Heidemann werden zu mehrjährigen Haftstrafen wegen Betrugs und Fälschung verurteilt. Bis heute gilt der Skandal um die Hitler-Tagebücher als Paradebeispiel für die möglichen Folgen, die eine zu enge Vermischung von wirtschaftlichen und redaktionellen Interessen haben kann.

Weitere Informationen
Das Cover der "Stern"-Ausgabe 18/1983 mit dem Foto der Tagebücher. Deutlich zu erkennen: die Initialen F.H. © dpa - Bildarchiv Foto: Ingo Röhrbein

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 07.04.2013 | 19:30 Uhr

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