Stand: 17.10.2016 00:00 Uhr

In Erinnerung an Eberhard Fechner: "Der Prozess"

Eberhard Fechner hat so gut wie alle wichtigen Fernsehpreise gewonnen und mit Mehrteilern, Spiel- und Dokumentarfilmen Geschichte geschrieben. Als Höhepunkt seines Werks gilt dabei der dreiteilige Dokumentarfilm "Der Prozess - Eine Darstellung des Majdanek-Verfahrens in Düsseldorf". Das NDR Fernsehen zeigt den Film heute ab 23.15 Uhr. Eberhard Fechner wäre am 21. Oktober 90 Jahre alt geworden.

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Der Schauspieler und Regisseur Eberhard Fechner hat die wichtigsten Fernsehpreise für seine Produktionen erhalten.

Als junger Schauspieler debütierte Eberhard Fechner 1947 in Berlin und spielte danach in zehn Jahren Hunderte Rollen. Neben seiner Theaterarbeit als Schauspieler und Regisseur kam Fechner auch zunehmend beim Fernsehen zum Einsatz. 1965 wurde er beim NDR Redaktionsassistent, wo er 1969 auch einen frühen Höhepunkt seiner Karriere als Fernsehregisseur erlebte - mit der TV-Doku "Nachrede auf Klara Heydebreck". Der Selbstmord einer 72-jährigen Berlinerin war für Fechner Anlass, mithilfe von Interviews nach Spuren ihres Lebens zu suchen. Sein neugieriger Blick und das offene Ohr für Details des scheinbar einfachen Lebens führen zu einem erschütternden Porträt eines als vergeblich erlebten Lebens.

Lange Recherche für Dreiteiler "Der Prozess"

Später widmet sich Fechner den grausamen Verbrechen der Nazizeit: Von 1941 bis 1944 befand sich in Lublin-Majdanek im besetzten Polen ein Konzentrations- und Vernichtungslager, in dem laut jüngsten Forschungen Zigtausende Menschen ermordet wurden. Über Jahre befragte und filmte Fechner Zeugen, Beschuldigte, Prozessbeobachter, Staatsanwälte, Richter und Verteidiger. Aus dem Material - fast 260 Stunden Film - montierte er schließlich in dreijähriger Arbeit einen virtuellen Dialog, der über Argumente hinaus eine unerhörte menschliche Dimension sichtbar macht. Der erste Teil "Anklage" wurde zuerst 1984 im Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt.

Fechner will nicht dokumentieren, sondern vermitteln

"Man hört mich nicht, man sieht mich nicht, ich bin der Schnitt", hat Fechner über seine Rolle gesagt - unsichtbar, aber die bestimmende Ordnungsinstanz. Die Voraussetzung: Fechner bringt Menschen zum Sprechen, auch über Unangenehmes, bisher Verdrängtes. Im "Tagesspiegel" schreibt Walter Kempowski: "Hier hat seine Kunst, aus den Gesprächspartnern die letzten geheimsten Informationen herauszuholen, ohne je indiskret zu sein, ihren Höhepunkt erreicht." Und Knut Hickethier bewundert in der "taz" Fechners "Methode, Leute vor der Kamera mit geduldiger Zuwendung zum Sprechen zu bringen." Fechner will aber nicht nur dokumentieren, er will vermitteln. Seine Werke nennt er nicht Dokumentarfilme, er spricht von Erzählfilmen.

Der Prozess gegen 16 Angehörige des Lagerpersonals dauert lange - von 1975 bis 1981. Das Interesse der Öffentlichkeit lässt im Verlauf nach. Heiner Lichtenstein, unermüdlicher Prozessbeobachter und -kommentator für den WDR, beklagt für den Prozess eine "bedingte Aktualität - gemessen an der Bedeutung". Das schließlich verkündete Urteil - einmal lebenslänglich und dreieinhalb- bis zwölfjährige Haftstrafen neben etlichen Freisprüchen - empfinden viele Beobachter als ernüchternd. "Mehr als acht Schuldige für eine Viertelmillion Ermordete hat unsere Justiz nicht finden können", zieht der Kritiker Walter Boehlich eine bittere Bilanz des Verfahrens.

Alternde Täter vor Gericht

Schon Anfang der 80er-Jahre benennt Lichtenstein ein weiteres Problem: Solche Prozesse zu führen, werde wegen des Alters von Beschuldigten und Zeugen immer schwieriger. Als 1975 der Prozess beginnt, wird bereits seit 15 Jahren ermittelt. Die Taten liegen über 30 Jahre zurück. Dieses Problem ist heute über 70 Jahre nach dem Holocaust aktueller denn je. Für jeden Prozess gegen noch lebende Täter steht die Befürchtung im Raum, es könnte der letzte sein. In den zurückliegenden Prozessen in Lüneburg und Detmold waren Täter und Zeugen über 90 Jahre alt. In Neubrandenburg steht aktuell die Verhandlungsfähigkeit des 95-jährigen Angeklagten infrage.

Selbst wenn die Geschichte der Holocaust-Prozesse auf ihr Ende zusteuert: In den Erzählungen der Überlebenden bleibt das Grauen gegenwärtig. Etwa wenn über die riesigen Kohlköpfe berichtet wird, die, gedüngt mit Menschenasche, rund ums Lager auf den Gemüsefeldern gediehen und so schwer waren, dass die ausgemergelten Häftlinge sie nicht tragen konnten. Dass sich die Aufarbeitung der Verbrechen von Majdanek nicht mit den vergleichsweise milden Strafmaßen erledigt hat, ist auch Eberhard Fechner zu verdanken. Sein Film ist ein zutiefst menschliches Plädoyer gegen das Vergessen und zugleich ein Garant der Erinnerung.

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Dieses Thema im Programm:

17.10.2016 | 23:15 Uhr

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