Stand: 10.09.2007 16:16 Uhr  | Archiv

"Barschel wurde ermordet"

von Patrik Baab

Für die NDR Dokumentation "Der Tod des Uwe Barschel - Skandal ohne Ende" hat Patrik Baab mit Abolhassan Bani-Sadr gesprochen, dem ehemaligen iranischen Regierungschef.

Der ehemalige iranische Staatspräsident Abolhassan Bani-Sadr. © picture-alliance / dpa
Abolhassan Bani-Sadr war von 1980 bis 1981 Staatspräsident des Irans.

Da sitzt er, auf einem verschlissenen Stuhl in einem abgedunkelten Zimmer irgendwo in seinem Exil bei Versailles: Abolhassan Bani-Sadr, ein schlanker, grauhaariger Mann Mitte 70, ein Intellektueller mit wachen, klugen Augen. Er wirkt zerbrechlich und harmlos, als könne er niemandem etwas zuleide tun. Doch Abolhassan Bani-Sadr ist ein Stachel im Fleisch des Mullah-Regimes in Teheran. Er ist der bislang einzige demokratisch gewählte Präsident des Irans. Bani-Sadr spricht über die Dinge, über die andere im Iran lieber schweigen. So sagt er zum Beispiel: "Barschel wurde ermordet."

Zwei Reihen Stacheldraht schützen Bani-Sadrs Domizil

Bani-Sadrs Domizil ist eine alte Villa mit verwildertem Park, in dem die Enkelkinder Fangen und Fußball spielen. Doch für Fremde bleibt sie verborgen: Sie ist geschützt durch eine drei Meter hohe Mauer mit zwei Reihen Stacheldraht, Überwachungskameras und Leibwächter. Abolhassan Bani-Sadr wurde am 25. Januar 1980 vom Parlament zum ersten Präsidenten der Islamischen Republik Iran gewählt. Eineinhalb Jahre später wurde er abgesetzt und floh nach Frankreich. Bani-Sadr steht nicht im Telefonbuch. Seine Anschrift findet sich nicht im Internet. Er betreibt eine Website auf Persisch mit politischen Texten. Wir treten über Mittelsleute an ihn heran, iranische Exilorganisationen. Dann ist alles kein Problem. Wir reisen an zum Interview. Bani-Sadr sagt: "Barschel war die Spinne im Netz."

Ein Akt des Staatsterrorismus

Schon einmal war Abolhassan Bani-Sadr ein Hauptbelastungszeuge. Das war im Herbst 1996 vor dem Kammergericht Berlin. Damals sagte er im Mykonos-Prozess aus, einem Strafverfahren gegen fünf Angeklagte wegen Mordes an vier iranisch-kurdischen Oppositionellen in einem Berliner Lokal. Das Gericht sah es damals als erwiesen an, dass die Führung in Teheran die Morde in Auftrag gegeben hatte - ein Akt des Staatsterrorismus. Bani-Sadr konnte wichtige Hinweise auf die Täter geben.

Auch den Tod von Uwe Barschel sieht Abolhassan Bani-Sadr als Akt des Staatsterrorismus. Er sagt: "Barschel hat eine wichtige Rolle im Waffenhandel mit dem Iran gespielt." Er habe diesen Namen erstmals im September 1984 gehört, im Rahmen der Irangate-Affäre. Dabei sei es um eine Waffenlieferung aus deutschen NATO-Lagern über den Flughafen Teheran gegangen.

Keine Hinweise auf die Täter

In der Schweiz habe Barschel den Sohn von Ayatollah Chomeini zu Verhandlungen getroffen. Die Lieferungen habe Barschel über Italien, Portugal und die DDR abgewickelt. Dort habe eine Firma falsche Papiere ausgestellt, um die Embargogüter im Verborgenen an den Iran weiterzuleiten. Dies sei ein Netz von Waffenhändlern gewesen, mit Barschel im Zentrum.

Doch Abolhassan Bani-Sadr kann keine Hinweise auf die Täter geben. Er will das alles aus iranischen Quellen erfahren haben. Belege kann er nicht beibringen, keine Tatzeugen nennen. Ein Politiker, der in Waffengeschäfte verstrickt ist, muss deswegen noch nicht ermordet werden. Bani-Sadr bleibt ein Zeuge vom Hörensagen. Wir verlassen Versailles ohne Beweise.

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Dieses Thema im Programm:

Das Erste | 17.09.2007 | 21:00 Uhr

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