Porträtaufnahme des schwedischen Chemikers Alfred Nobel um 1853. © picture alliance/Heritage Images

Alfred Nobel und die Erfindung des Dynamits

Stand: 25.05.2021 12:24 Uhr

Es ist eine Erfindung mit Sprengkraft: Im Oktober 1866 entwickelt Alfred Nobel in Geesthacht das Dynamit. Seine Erfindung lässt er sich am 19. September 1867 in Schweden patentieren.

von Dirk Hempel

Im Herbst 1866 experimentiert der schwedische Chemiker Alfred Nobel bei Geesthacht mit Sprengstoffen. Sein Versuchslabor hat er auf einem Kahn auf der Elbe eingerichtet, in sicherer Entfernung zu Häusern und Menschen. Er will das hochgefährliche Nitroglycerin weiterentwickeln. Das ist zwar seit seiner Erfindung durch den Italiener Ascanio Sobrero 1847 für den damals florierenden Eisenbahn-, Straßen- und Bergbau in Europa und den USA unverzichtbar geworden. Aber das milchige Sprengöl ist schwer zu lagern und zu transportieren. Es explodiert schon bei kleinsten Erschütterungen oder Druck auf die Blechkanister und Weinflaschen, in die es für gewöhnlich abgefüllt wird.

Nobel gründet Sprengstofffabrik bei Geesthacht

Die Sprengkraft des Nitroglycerins ist enorm und die Schäden sind verheerend. In Stockholm hat Nobel wenige Jahre zuvor bei Versuchen sein Haus in die Luft gesprengt, sein Bruder Emil und vier Mitarbeiter kamen dabei ums Leben. Weil er deshalb in seiner Heimatstadt nicht mehr mit Nitroglycerin arbeiten darf, sucht er sich andere Standorte, an denen er mit dem Sprengstoff experimentieren kann. Unter anderem eröffnet er in Hamburg eine Firma und findet am Geesthang bei Geesthacht ein geeignetes Gelände, auf dem er zusammen mit deutschen Geschäftspartnern eine Sprengstofffabrik mit 30.000 Mark Stammkapital gründet. "Auf dem Krümmel", wo sich heute das Atomkraftwerk befindet, sind anfangs 50 Arbeiter beschäftigt. Von hier ist es nicht weit zum Hamburger Hafen. Von dort lässt Nobel die explosive Fracht in die ganze Welt verschiffen.

Porträtaufnahme des schwedischen Chemikers Alfred Nobel um 1853. © picture alliance/Heritage Images
AUDIO: Eine durchschlagende Erfindung (15 Min)

Er wohnt selbst in einem Haus mit eigenem Labor auf dem 42 Hektar großen Fabrikgelände. Die Produktionsanlagen und Lagerhallen mit Bottichen und Tanks liegen auf dem 42 Hektar großen Gelände weit verstreut. Sie sind von Erdwällen umgeben, um Schäden durch mögliche Explosionen zu begrenzen.

Nobel experimentiert auf der Elbe

Unfälle mit Nitroglycerin sind damals an der Tagesordnung: Im Dezember 1865 explodiert eine Korbflasche mit fünf Kilogramm Nitroglycerin vor einem Hotel in New York und beschädigt mehrere Gebäude. Im April 1866 brennt vor Panama ein Dampfer, der das Sprengöl geladen hatte, und sinkt mit 47 Mann Besatzung. Kurze Zeit später wird ein Lagerhaus in San Francisco zerstört, 14 Menschen sterben. Der Umgang mit dem gefährlichen Stoff ist aber auch zu sorglos, wie ein späterer Bericht offenbart: "Halb ausgelaufene, defekte Kanister wurden zugelötet, mit Sprengöl gefüllte Bohrlöcher mit zermahlenen Ziegelsteinen geschlossen und dieses Füllgut fest hinuntergestoßen." Als im Mai 1866 auch das Geesthachter Werk in die Luft fliegt, nimmt Nobel Versuche wieder auf, einen sichereren Sprengstoff zu entwickeln.

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Ob ihm der Zufall zu Hilfe kommt oder ob intensive Versuche der Grund sind, bleibt ungeklärt. Jedenfalls verbindet Nobel im Oktober 1866 auf seinem Elbkahn vor Geesthacht erstmals das flüssige Nitroglycerin mit Kieselgur, dem Mehl von Algenschalen, das aus der Lüneburger Heide stammt und bisher als Dämmstoff für die Lagerung der Sprengölbehälter dient. Es ist die Geburtsstunde des Dynamits, jenes elastischen, explosiven Stoffs, der nicht so leicht auf Erschütterungen reagiert und weitaus besser transportiert werden kann.

Seine Erfindung lässt sich Nobel in verschiedenen Ländern patentieren, so am 19. September 1867 in Schweden.

Dynamit bringt Nobel ein Vermögen ein

"Nobels Sicherheitspulver", wie es zunächst heißt, ist vielseitig in der Anwendung. Nobel füllt es in Pappröhren und versieht diese mit einem Zünder.

Ein Haus der früheren Wohnsiedlung für Arbeiter der Dynamitfabrik in Geesthacht © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Das Dynamit lässt Geesthacht boomen. Es entstehen eigens Siedlungen für die Arbeiter. Viele Häuser sind noch heute gut erhalten.

Dynamit ist aber auch knetbar und kann so besonders gut in Sprenglöcher eingepasst werden. Der Absatz steigt. In Geesthacht werden bald Hunderte Arbeiter eingestellt, die in werkseigenen Siedlungen wohnen. Schulen und Straßen entstehen, der Ort wird an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Eine Pulverfabrik siedelt sich in der Nähe an. Das kleine Bauerndorf an der Elbe entwickelt sich zu einem modernen Industriestandort, bis zum Ersten Weltkrieg verfünffacht sich die Bevölkerung auf mehr als 5.000 Einwohner.

Dynamit: Nützlich, aber auch eine tödliche Waffe

Nobels Sprengstoffe werden beim Bau des Gotthard-Tunnels durch das Alpenmassiv ebenso eingesetzt wie beim Bau des Panama-Kanals.

Dynamitfabrik in Nordwest-Italien um 1888 © imago/United Archives International
Da die Grundstoffe zur Dynamitherstellung äußerst explosiv sind, sind die Fabriken wie hier in Italien um 1888 mit Erdwällen umgeben und haben lose Dächer.

Er verdient ein ungeheures Vermögen, allein am deutsch-französischen Krieg 1870/71, in dem seine Firma beide Seiten beliefert, 31 Millionen Kronen. Nobel besitzt bald 355 Patente und 90 Fabriken in 20 Ländern. Außerdem steigt er mit der größten Erdölraffinerie Russlands in die Petroleumindustrie ein, lässt Pipelines und Öltanker bauen.

Aber nicht nur Industrie und Militär nutzen das gefährliche Dynamit, auch Attentäter schätzen es als tödliche Waffe. Terroristen sprengen den russischen Zaren Alexander während einer Kutschfahrt in St. Petersburg in die Luft. Kaiser Wilhelm I. entgeht nur knapp einer Dynamitexplosion. Allein im Jahr 1892 werden in Europa mehr als 1.000 Attentate mit Dynamit ausgeführt.

Nobel wird zum Pazifisten

Nobel ist davon erschüttert. Er will die Welt eigentlich sicherer machen, vertritt gegenüber der Friedensaktivistin Bertha von Suttner im selben Jahr das Prinzip der Abschreckung: "An dem Tage nämlich, an dem zwei Armeen in der Lage sein werden, sich gegenseitig in Sekundenschnelle zu vernichten, werden wohl alle zivilisierten Nationen vor einem Krieg zurückschrecken und ihre Truppen nach Hause schicken."

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Inkognito nimmt Nobel nun an Friedenskongressen teil, spendet Geld für pazifistische Organisationen und verfügt 1895, ein Jahr vor seinem Tod, dass mit dem größten Teil seines Vermögens eine Stiftung gegründet werden soll, die aus den Zinsen Preise verleiht an Menschen, die jeweils "im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben".

So werden seit 1901 jedes Jahr am Todestag Alfred Nobels in Stockholm unter anderem die Preise für Chemie, Physik, Medizin und Literatur verliehen, in Oslo der Friedensnobelpreis für denjenigen, "der am meisten oder besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat, für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen."

Vom Dynamit- zum Atomkraftwerk

Nobels Werk in Geesthacht entwickelt sich bis 1910 allerdings zur größten Sprengstofffabrik Europas. Im Zweiten Weltkrieg wird es extrem erweitert, Tausende von Zwangsarbeitern sind dort in drei Schichten eingesetzt. Am 7. April 1945 wird die Fabrik bombardiert und nach Kriegsende von den Briten demontiert. Heute befindet sich auf dem Gelände das inzwischen stillgelegte Atomkraftwerk Krümmel. Spuren des ehemaligen Dynamitwerks sind aber noch erhalten, etwa das Verwaltungsgebäude. Der Förderkreis Industriemuseum Geesthacht bietet regelmäßig Rundgänge an.

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NDR Info | ZeitZeichen | 26.05.2018 | 19:05 Uhr

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