Stand: 11.04.2018 09:33 Uhr  | Archiv

Elke Heidenreich: "Mal wieder Zeit zum Eierschmeißen"

von Elke Heidenreich

1968 - ein Epochenjahr wird 50. Die Erinnerungen und die Assoziationen gehen in alle möglichen Richtungen: Protest, Revolte, Rebellion, Bewegung, Aufbruch. Und das Gegenteil: Kritik, Unbehagen, Beklemmung. Die 68er - sie polarisieren bis heute. Wir haben Künstler, Schriftsteller, Zeitgenossen aufgerufen, uns ihre Gedanken aufzuschreiben. Das haben bisher gemacht: Arno Geiger, Sibylle Lewitscharoff, Franziska Augstein, Nora Gomringer und Friedrich Schorlemmer. Jetzt setzen wir unsere Reihe fort mit einer bekannten Radio-Stimme: der Moderatorin, Kabarettistin, Literaturkritikerin und Schriftstellerin Elke Heidenreich.

Autorin Elke Heidenreich © Leonie v.Kleist
Vor 50 Jahren war Elke Heidenreich Mitte 20 und mitten im Studium.

Mein 1968 begann 1965, als ich an der FU in Berlin Germanistik studierte und an meiner allerersten Demo teilnahm: Am 8. Mai 1965, 20 Jahre nach der Kapitulation, sollte der Journalist Erich Kuby zu diesem Thema reden und wurde vom Rektorat der Uni mit Haus- und Redeverbot belegt. Wir protestierten zu Hunderten dagegen, und in den nächsten Monaten spitzte sich die Atmosphäre immer mehr zu. Ich begann wie viele andere auch, politisch zu denken. Und ich stellte, wie viele andere auch, die falschen Fragen, nämlich: Was machen die Amerikaner eigentlich in Vietnam? Wir hätten erst mal fragen sollen, was unsere Eltern eigentlich bei den Nazis gemacht haben. Aber die Lösung vom Elternhaus begann mit diesem Umweg über Amerika und Vietnam. Wolfgang Lefèvre und Peter Damerow waren damals AStA-Vorsitzende der FU und entwarfen einen Appell für Frieden in Vietnam. An der ersten großen Vietnam-Demonstration nahmen schon nicht mehr Hunderte, sondern Tausende Studenten teil - es war diese berühmte Demo, bei der das Amerikahaus mit Eiern beworfen wurde.

Ich wusste nicht, wohin es ging

Ich spürte politisches Erwachen, Solidarität in der Gemeinschaft, Mut zum Aufmucken gegen verkrustete Strukturen und autoritäre Professoren. Ich wusste noch nicht, wohin es ging, aber ich wusste, von wo es wegging: "Unter den Talaren - Muff von 1.000 Jahren" - das fand ja sogar Eingang in die "Micky Maus"-Hefte der 68er, dank der subversiven Übersetzungen von Frau Dr. Erika Fuchs.

Wir wissen, wie es weiterging: Der Rektor der FU distanzierte sich von seinen Studenten, Rudi Dutschke gründete die APO, und kurz bevor ich zurück an die Universität München ging, fand in der FU das erste Sit-in statt, eine Protestform aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Wer an so etwas teilgenommen hat, der ist verändert.

Nicht alles war gut

Ich kam verändert in München an, wurde renitent, misstraute Autoritäten, tat mich zunehmend schwer im Universitätsbetrieb, obwohl in München alles etwas gemächlicher ablief als im aggressiven geteilten Berlin. Aber auch in München gab es besetzte Institute, Diskussionen, Demos, Sit-ins. Alte Strukturen weichten auf, und aus diesen sogenannten 68ern, zu denen ich jetzt plötzlich gehörte, entstanden im Grunde Greenpeace, die Partei der Grünen, und auf diesen fruchtbaren Boden fiel auch die schon in den frühen 60ern begonnene Arbeit von Amnesty International und natürlich das Erstarken der Frauenbewegung und die antiautoritäre Erziehung. Wir waren die Erfinder. Und siehe, nicht alles war gut!

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Unbekleidete Besucher des legendären Woodstock-Festivals 1969 © picture-alliance/dpa Foto: UPI

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Aber es waren Anfänge, Versuche, Schritte in richtige Richtungen. Nur die Auseinandersetzungen mit den Elternhäusern, die brauchten länger. Unsere Eltern wurden sehr alt, ehe wir endlich mit ihnen reden konnten über das, was Deutschland im gerade mal zwölf Jahre dauernden Tausendjährigen Reich angerichtet hatte.

Wer einmal dabei gewesen ist, wird es für immer bleiben

Mein Lieblingssong ist bis heute die Hymne dieser Jahre, "Hotel California" von den Eagles: "You can check out any time you want, but you can never leave" - wer einmal dabei gewesen ist, wird es im Grunde für immer bleiben und ist für rechte Parolen, Nationalismus, autoritäre Strukturen verloren. Ausnahmen wie die von Horst Mahler bestätigen die Regel.

Zusammenfassend möchte ich sagen: Spätere Politiker, die in der 68er-Zeit infiziert wurden wie Daniel Cohn-Bendit, Christian Ströbele, Otto Schily, auch noch Joschka Fischer - die hatten noch Überzeugungen, Kampfgeist, Biografien. Heute ist der Mainstream gelackt und gut frisiert und hat mehr Karriere als Biografie.

Vielleicht müssten wir mal wieder im großen Stil Eier schmeißen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.04.2018 | 11:20 Uhr

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