Stand: 21.03.2018 00:01 Uhr  | Archiv

Franziska Augstein: "68er-Bewegung war nötig"

von Franziska Augstein

1968 - ein Jahr, das vielfältigste Assoziationen und Erinnerungen provoziert: Die einen denken an Protest und Revolte, andere an ein bewegendes Gefühl des Aufbruchs. Bis heute polarisieren die sogenannten "Achtundsechziger". NDR Kultur hat Schriftsteller, Intellektuelle, Künstler und Zeitgenossen aufgerufen, sich zu äußern zu jenem Epochenjahr, das in diesem Jahr 50 wird.

Franziska Augstein bei der "Nacht der Süddeutschen Zeitung" 2016, Humboldt Carrè, Berlin, 18. Januar 2016 © picture alliance / Eva Oertwig/SCHROEWIG
Franziska Augstein wurde 1964 geboren und erinnert sich gut an das damalige gesellschaftliche Klima.

Die Journalistin und Publizistin Franziska Augstein war 1968 vier Jahre alt. Aufgewachsen in einem politisch denkenden Elternhaus, ihr Vater war Gründer und Herausgeber des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", erinnert sie sich nur zu gut an das Klima der Bundesrepublik der 60er- und 70er-Jahre, in dem Auswirkungen und Folgen der Politik Konrad Adenauers deutlich spürbar waren.

Nichts übrig für Revoluzzer

Die 1968er gelten heute vielen Leuten als üble Typen, als unrasierte Revoluzzer. Und für Revoluzzer hat man im saturierten, wirtschaftlich florierenden Merkel-Land nichts übrig. Wir sollten aber nicht vergessen: In den 50er- und 60er-Jahren war die Bundesrepublik ein autoritärer Staat. Frauen konnten nur mit Zustimmung ihrer Ehemänner eine Arbeit aufnehmen. Sofern Frauen keinen Mann hatten und mangels Geld zur Untermiete in einem Zimmer wohnten, durften sie abends keine männlichen Hausgäste empfangen. In meiner Heimatstadt, der Hansestadt Hamburg, wurde erst Mitte der 70er-Jahre das Gesetz abgeschafft, demzufolge Eltern das Recht hatten, ihre Kinder zu züchtigen.

Körperliche Züchtigung

Was Züchtigung heißt, habe ich als kleines Kind Anfang der 70er-Jahre auf der Volksschule erlebt: Ein Musiklehrer riss einen kleinen, kurz aufmüpfigen Jungen schmerzhaft am Ohr, sodass der kleine Junge aufschrie. Und es gab Schlimmeres: Da hatte ein anderer Junge, der wieder einmal eine schlechte Note bekommen hatte, eine Bitte an die Lehrerin. Ich stand damals daneben, und weil es so schlimm war, was ich da hörte, zitiere ich es jetzt akkurat aus dem Gedächtnis: Der etwa acht Jahre alte Junge bat die Lehrerin, seinem Vater nichts von der schlechten Note zu erzählen. Er sagte: "Bitte, sagen Sie das meinem Vater nicht, sonst schlägt er mich wieder."

War die 68er-Bewegung nötig? Oh ja.

Konrad Adenauer unterzeichnet das Grundgesetz am 8. Mai 1949 © dpa/picture-alliance
Konrad Adenauer hielt Umstände für akzeptabel, gegen die die 68er aufbegehrten.
Adenauers schmutziges Wasser

Das herrschende Personal der jungen Bundesrepublik garantierte nach dem Zweiten Weltkrieg Unterwürfigkeit gegenüber den Autoritäten. Kinder durften geprügelt, Frauen durften unterdrückt werden. Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, hatte alles getan, damit die Ex-Nazis gut weiterkämen. Sein Kalkül war richtig, er brauchte Ex-Nazis als Beamte. Und wenn man kein sauberes Wasser habe, sagte er zu Recht, dann nehme man halt schmutziges. Das war erklärlich. Hinzu kommt aber, dass Adenauer es vollkommen akzeptabel fand, dass kleine Kinder geprügelt werden, und Frauen hatten aus seiner Sicht in der Küche und im Kinderzimmer genug zu tun.

War die 68er-Bewegung nötig? Oh ja.

Repressive Toleranz

Wie alle Bewegungen hat auch diese überzogen. Es wäre nicht nötig gewesen, sich in unzählige kommunistische Gruppen zu zersplittern, die einander feindlich gegenüberstehen. Aber die echte Überzeugung war für die damals jungen Leute wohl nötig, um das Nazi-Erbe der Vätergeneration zu überwinden.

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Der verstorbene Historiker Hans Mommsen hat für die Liberalisierung der Universitäten viel getan. Ende der 60er-Jahre setzte er sich ein für die Mitbestimmung der Studenten an den Universitäten. Mommsen sprach damals von der "repressiven Toleranz". Sein Doktorvater, Hans Rothfels, fragte ihn, was er, der Hans, damit meine. Mommsen antwortete: "Herr Professor, das ist, wie Sie mit uns umgehen."

Beschimpfung alles Bürgerlichen

Was die 68er in den 70er-Jahren aufgeführt haben, war kein Spaß. Alles Bürgerliche war verpönt, angefangen mit guten Manieren. Alles, was "bürgerlich" schien, wurde in diesen Kreisen beschimpft. Die 68er haben die "repressive Toleranz", von der Mommsen sprach, umgedreht: Wenn sie irgendwo zu Gast waren, haben sie die Gastgeber als Kapitalisten und Ausbeuter beschimpft - aber deren Champagner haben sie getrunken.

War die 68er-Bewegung nötig? Trotzdem: Oh ja.

Peter Ensikat war ein unglaublich begabter Satiriker und Beobachter. Er wuchs auf in der DDR. Er ist tot. Aber als er noch lebte, sagte er mir, der DDR habe ein 1968 gefehlt. Er sagte mit Bezug auf die 60er-Jahre: "Die gesellschaftliche Emanzipation, die damals im Westen stattfand, das Sich-nicht-mehr-Wegducken, hat es in der der DDR nicht gegeben."

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Zwei Frauen auf dem Monterey Pop Festival am 17. Juni 1967 © picture alliance / AP Photo

1968: Ein Epochen-Jahr

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.03.2018 | 19:00 Uhr

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