Stand: 29.08.2016 09:58 Uhr  - NDR Info  | Archiv

Wenn der Job zur Sucht wird

von Jennifer Lange, NDR Info
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Ständig bei der Arbeit und immer erreichbar: Das können Anzeichen für Arbeitssucht sein.

Wer rund um die Uhr arbeitet, auch im Urlaub nicht abschalten kann und sich dabei körperlich immer schlechter fühlt, leidet möglicherweise unter Arbeitssucht. Nur ganz allmählich bemerkte eine Lehrerin aus Schleswig-Holstein, dass mit ihr etwas nicht stimmte: "Es begann mit einem Unwohlsein, Verspannungen und Stress. Meine Gedanken kreisten ständig um Arbeit, mein Leben war nur noch auf die Arbeit ausgerichtet. Das war kein gutes Leben."

Kontrollverlust und gesundheitliche Probleme

Doch wann fängt Arbeitssucht an? Ein Kriterium ist Kontrollverlust. Ein Arbeitssüchtiger kann irgendwann nicht mehr frei entscheiden, wann er arbeiten will und wann nicht, sagt die Hamburger Wirtschaftspsychologin Ute Rademacher. "Der menschliche Körper ist keine Maschine. Wenn Sie kaum noch schlafen, ständig unter Strom stehen, ständig Adrenalin ausstoßen, verkraftet das der Körper nicht auf Dauer - selbst wenn die Arbeit Spaß macht."

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Ute Rademacher lehrt an der International School of Management in Hamburg.

Oft fängt es mit Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Magenschmerzen an. Später kann es auch zu einem Nervenzusammenbruch, Schlaganfall oder Herzinfarkt kommen. Meistens würden die Betroffenen erst dann erkennen, dass etwas nicht in Ordnung ist, sagt Ute Rademacher: "Der Körper zieht einem den Teppich unter den Füßen weg."

Gespräche mit Betroffenen können helfen

Dann geht es an die Behandlung der Sucht. Die Lehrerin aus Schleswig-Holstein ist der Selbsthilfegruppe Anonyme Arbeitssüchtige beigetreten. Die Gespräche mit anderen haben ihr geholfen, Grenzen zu setzen: "Wie bei Alkoholikern die Abstinenzregel gilt, so sollte sich auch ein Arbeitssüchtiger Abstinenzregeln setzen. Das könnte zum Beispiel sein: Nicht mehr als acht Stunden arbeiten oder regelmäßige Pausen einplanen."

In der Regel reicht es nicht zu sagen, ich mache jetzt mal pünktlich Feierabend. Oder ich fahre länger in den Urlaub. Die Lehrerin aus Schleswig-Holstein hat sich deshalb auch therapeutische Hilfe geholt. Denn von der Arbeit loszukommen, ist nicht leicht. Ein Arbeitssüchtiger leidet wie ein Alkoholabhängiger unter Entzugserscheinungen, sagt Psychologin Rademacher: "Man fühlt sich nicht gut, wenn man nichts zu tun hat. Man weiß nichts mit sich anzufangen, hat ein Gefühl der inneren Leere oder ein schlechtes Gewissen, weil man nicht arbeitet."

Viele Betroffene, aber noch keine gesicherten Zahlen

Für Unternehmen sind Arbeitssüchtige in der Anfangsphase äußerst wertvolle Mitarbeiter. Sie sind motiviert, bringen Hochleistung, machen freiwillig unbegrenzt Überstunden. Aber nach einer Weile kippt das Bild. Die Leistungsfähigkeit sinkt, dem Betroffenen fällt es zunehmend schwer sich zu konzentrieren, er fehlt häufiger wegen Krankheit. Ein wirtschaftlicher Verlust für das Unternehmen. "Leute, die arbeitssüchtig sind, sind in der Regel keine guten Kollegen, keine Teamleader und keine guten Führungskräfte, weil sie zum Perfektionismus neigen und nicht delegieren können", erklärt Rademacher.

In Deutschland leiden nach Schätzungen von Forschern rund 300.000 Arbeitnehmer unter Arbeitssucht. Eine Studie der AOK kommt sogar zu dem Ergebnis, dass jeder Neunte arbeitssüchtig ist. Gesicherte Zahlen gibt es allerdings nicht, da Arbeitssucht in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt ist. "Alles weist darauf hin, dass die Zahlen leider steigen werden und dementsprechend die Unternehmen gefordert sind, etwas dagegen zu tun", so Ute Rademacher.

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NDR Info | 29.08.2016 | 07:41 Uhr

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