Stand: 11.06.2019 11:52 Uhr

Warum Medikamente bei Frauen anders wirken

Bei Frauen und Männern können sich die Symptome und der Verlauf vieler Krankheiten unterscheiden - und die Wirkung von Medikamenten. Damit eine geschlechtsspezifische Behandlung möglich ist, müssten die Unterschiede genauer untersucht werden. Doch das ist bisher kaum geschehen.

Ärztin behandelt Mann

Warum Medikamente bei Frauen anders wirken

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Bei Frauen können Medikamente anders wirken als bei Männern. In Studien untersuchen Forscher die Geschlechter-Unterschiede. Worauf sollten Frauen beim Arztbesuch achten?

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Unterschiedliche Wirkung von Medikamenten

Für die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten bei Männern und Frauen gibt es einige Gründe:

  • Eine Tablette braucht für den Weg durch den Körper eines Mannes und den einer Frau häufig unterschiedlich lange.

  • Für die Wirkung eines Medikaments sind Enzyme wichtig, denn sie aktivieren im Körper die Wirkstoffe. Männer und Frauen können Enzyme in unterschiedlicher Menge haben. In welcher Dosierung die Wirkstoffe der Medikamente im Blut ankommen, hat daher mit dem Geschlecht zu tun.

  • Frauen haben häufig einen größeren Körperfettanteil und sind oft kleiner als Männer. Dadurch verteilt sich der Wirkstoff unterschiedlich im Gewebe.

  • Bei Frauen kommt es häufiger zu unerwünschten Nebenwirkungen.

Im Gespräch
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Wie wirken Medikamente bei Frauen?

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Bei Frauen können Medikamente anders wirken als bei Männern - und andere Nebenwirkungen haben. Über geschlechtsspezifische Medizin informiert Prof. Bettina Pfleiderer. Video (04:20 min)

Wenige Medikamenten-Studien mit Frauen

Ein Grund für die geringe Anzahl an Medikamenten-Studien mit Frauen ist der sogenannte Contergan-Skandal. In den 50er- und 60er-Jahren schädigte ein scheinbar harmloses Medikament bei schwangeren Frauen das ungeborene Kind. Daher scheuten sich die Pharmahersteller, Frauen in Medikamentenstudien einzuschließen.

Vor allem die frühen Phasen der Medikamentenentwicklung finden auch heute noch an gesunden Freiwilligen statt - und das sind fast immer junge Männer.

GendAge-Studie untersucht Unterschiede

Studien an weit verbreiteten Arzneimitteln zeigen, dass Frauen oft andere Zieldosen benötigen als Männer. Das bedeutet, dass Medikamente an allen Bevölkerungsgruppen getestet werden sollten, die sie später auch einnehmen sollen. Dazu gehören natürlich auch Frauen und ältere Menschen, die ja einen großen Teil der Arzneimittel einnehmen.

In der Studie GendAge wird untersucht, ob Frauen und Männer unterschiedlich krank werden und entsprechend unterschiedlich behandelt werden müssten.

Dabei werden nicht nur körperliche Untersuchungen durchgeführt. Probanden müssen auch sehr viele Fragen aus ihrem täglichen Leben beantworten, um herauszufinden, ob es auch hier Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt.

Studien anderer Institute haben bereits gezeigt, dass es Herzmedikamente gibt, die das Leben von Frauen verkürzen, das von Männern aber nicht.

Ein weiteres Problem ist, dass Geschlechterunterschiede in der Medizin auch in der ärztlichen Ausbildung bisher kaum berücksichtigt werden.

Worauf Frauen beim Arzt achten sollten

  • Arzt auf Nebenwirkungen ansprechen, die unangemessen stark erscheinen.

  • Dosierung nie eigenmächtig herabsetzen, sondern nur in Rücksprache mit dem Arzt.

  • Nicht auf Internetforen verlassen, dort kursiert gefährliches Halbwissen.

  • Signale des Körpers ernst nehmen und ansprechen, jeder kennt sich selbst am besten.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Dr. Bettina Pfleiderer, Präsidentin des Weltärztinnenbundes
Arbeitsgruppe "Cognition und Gender"
Institut für Klinische Radiologie
Albert-Schweitzer-Campus 1
48149 Münster
www.medizin.uni-muenster.de

Prof. Dr. Dr. Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin
Institut für Genderforschung in der Medizin
Charité Universitätsmedizin Berlin - Campus Charité Mitte
Hessische Straße 3-4
10115 Berlin
gender.charite.de

Weitere Informationen
Deutsche Gesellschaft für geschlechtsspezifische Medizin e. V. (DGesGM e.V.)
www.dgesgm.de

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