Stand: 24.02.2020 17:05 Uhr  - Visite

Rückenschmerzen: Wann sind MRT und Röntgen sinnvoll?

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Eine MRT-Untersuchung der Wirbelsäule ist nicht bei allen Rückenbeschwerden sinnvoll.

Nirgendwo auf der Welt werden so viele ambulante Magnetresonanztomografien (MRT) durchgeführt wie in Deutschland. Und noch häufiger sind Röntgenuntersuchungen: Laut einer Statistik des Bundesamts für Strahlenschutz wird jeder Mensch hierzulande durchschnittlich 1,7 Mal pro Jahr geröntgt. Einen großen Anteil an den sogenannten bildgebenden Untersuchungen haben Erkrankungen des Rückens.

Bei Rückenschmerzen geht es oft nicht darum, eine Diagnose zu stellen, sondern darum, schwerwiegende Erkrankungen auszuschließen, zur Sicherheit. Doch nur in 15 Prozent der Fälle verbirgt sich hinter den Beschwerden eine möglicherweise ernsthafte Erkrankung wie ein Bandscheibenvorfall, Wirbelgleiten oder ein Tumor. 85 Prozent der Rückenschmerzen sind nicht spezifisch und medizinisch harmlos. Meist gehen diese Rückenschmerzen von der Muskulatur aus und verschwinden nach einigen Wochen wieder - etwa durch manuelle Therapie oder gezieltem Muskeltraining.

Röntgen und MRT: Wann sind sie sinnvoll?

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Bei Rückenschmerzen ordnen viele Ärzte MRT-Aufnahmen oder ein Röntgenbild an. Doch nicht immer sind die bildgebenden Verfahren sinnvoll. Worauf sollten Erkrankte achten?

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Warnzeichen erfordern MRT oder Röntgen

Bei etwa jedem vierten Betroffenen werden gleich zu Beginn der Untersuchungen MRT-Aufnahmen angeordnet. Doch um unnötige Aufnahmen per MRT oder Röntgen zu vermeiden, sollte der Arzt jeden Betroffenen zunächst gründlich nach seinen Beschwerden befragen und körperlich untersuchen. Zeigen sich dabei Schiefstellungen oder bestimmte Warnzeichen ("Red Flags"), ist eine Bildgebung gerechtfertigt. Dazu zählen:

  • Taubheitsgefühl
  • in die Beine ausstrahlende Schmerzen
  • Muskelschwäche
  • Lähmungen
  • Verdacht auf Entzündung oder Bruch.

Nur in diesen Fällen sollte innerhalb von sechs Wochen eine MRT- oder Röntgenaufnahme gemacht werden. So steht es auch in der deutschen Leitlinie für unspezifischen Rückenschmerz, die als bundesweite Handlungsempfehlung für Ärzte gilt.

Häufig fordern Betroffene ihren Arzt auf, bildgebende Untersuchungen wie MRT oder Röntgen anzuordnen - und nicht selten kommt der Arzt dem Wunsch nach, statt zu erklären, warum eine körperliche Untersuchung in der Regel sinnvoller ist als ein MRT oder eine Röntgenaufnahme.

Im Gespräch
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Röntgen- und MRT-Aufnahmen häufig zu früh

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In welchen Fällen ist es sinnvoll, Beschwerden wie Rückenschmerzen mit bildgebenden Verfahren abzuklären? Darüber spricht der Orthopäde Dr. Christian Sturm im Interview. Video (06:48 min)

MRT: Belastung durch Kontrastmittel

Einige Ärzte schicken ihre Patienten zu einer MRT-Untersuchung, obwohl auf dem Röntgenbild kein krankhafter Befund zu sehen ist - nur um "genauer hinzuschauen". So kommt für Betroffene nach den Röntgenstrahlen die Belastung durch das MRT-Kontrastmittel hinzu. Sinnvoll ist ein solches MRT in den seltensten Fällen. Mit dem Verfahren lassen sich Bereiche des Körpers unter gezielten Fragestellungen millimetergenau untersuchen. Doch nur mit einer klaren Verdachtsdiagnose weiß der Radiologe, wie er das Gerät für die Untersuchung einstellen muss.

MRT: Gefahr der Fehldiagnose

Eine allgemeine Fragestellung wie "Rückenschmerzen" kann sogar negative Folgen für Betroffenen haben: So können zufällige Befunde falsch interpretiert werden und zu überflüssigen Therapien führen. Ein Beispiel: Bei etwa einem Viertel der Bevölkerung zeigen sich ab einem gewissen Alter Bandscheibenvorfälle im MRT. Dabei handelt es sich um altersbedingte Veränderungen, die in der Regel nichts mit den Beschwerden zu tun haben und die nicht behandelt werden müssen.

MRT-Diagnose: Unterschiedliche Ergebnisse

Das Ergebnis einer MRT-Untersuchung hängt laut einer US-Studie nicht allein von der Einstellung des Gerätes und der Lage des Untersuchten ab. Entscheidend sind demnach, wonach der Radiologe sucht und wie er die Aufnahmen interpretiert.

Nachdem zwei erfahrene Wirbelsäulenradiologen bei einer Erkrankten im MRT nach ausführlicher und sorgfältiger Begutachtung 25 auffällige Veränderungen festgestellt hatten, schickten sie sie zu zehn unterschiedlichen MRTs. Dabei wurden insgesamt 49 angebliche Veränderungen gefunden - also viel mehr, als tatsächlich vorhanden waren. Doch von den 25 für die Beschwerden relevanten Veränderungen wurde nicht einmal die Hälfte erkannt.

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Experten zum Thema

Dr. Christian Sturm, Oberarzt
Klinik für Rehabilitationsmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
www.mhh.de
  
PD Dr. Christian von Falck, Oberarzt
Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie
Zentrum Radiologie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
www.mhh.de

Dr. Sabine Bleuel, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie
Schwerpunkt Hand- und Fußchirurgie
Orthopädie und Chirurgie Elbchaussee
Elbchaussee 567
22587 Hamburg
(040) 86 23 21
www.orthopaedie-elbchaussee.de

Weitere Informationen
Patientenleitlinie Kreuzschmerz
www.patienten-information.de/

Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Nicht-spezifischer Kreuzschmerz
www.leitlinien.de/nvl/kreuzschmerz

Deutsche Radiologienetz AG
Informationsportal für Patienten zu den verschiedenen ntersuchungstechniken
www.radiologie.de

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Visite | 25.02.2020 | 20:15 Uhr

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