Stand: 17.09.2018 12:17 Uhr

Kniegelenk: Viele Prothesen unnötig

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Vor einer OP am Kniegelenk sollten Betroffene eine Zweitmeinung einholen.

In Deutschland werden immer häufiger künstliche Kniegelenke eingesetzt. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung nahm die Zahl solcher Operationen zwischen 2013 und 2016 um 18 Prozent zu. Der Anteil der Betroffenen im Alter von unter 60 Jahren stieg im selben Zeitraum um 31 Prozent.

Für den Anstieg sehen Experten vor allem drei Gründe:

  • Operationen werden besser bezahlt als konservative Therapien. Krankenhäuser stehen unter einem großen wirtschaftlichen Druck, Ärzte, Geräte und Operationssäle auszulasten.
  • Kliniken haben Mindestmengen an Operationen, die erreicht werden müssen. Werden die nicht geschafft, kann die OP nicht über die gesetztlichen Krankenkassen abgerechnet werden.
  • Krankenkassen begrenzen Ausgaben für physiotherapeutische Maßnahmen.

Zweitmeinung vor OP am Kniegelenk einholen

Ein häufiger Grund für Operationen am Kniegelenk ist Arthrose. Wenn Knochen auf Knochen reibt, gibt es nach Ansicht vieler Ärzte keine andere Möglichkeit, um die Schmerzen auszuschalten und die Beweglichkeit zu erhalten. Doch vor einer OP sollten Betroffene eine zweite Meinung einholen, wenn ihnen die Indikation für die Operation nicht plausibel erscheint oder sie in irgendeiner anderen Weise ein ungutes Gefühl haben. Denn nicht in jedem Fall ist der Einsatz einer Gelenkprothese nötig. Oft führen sogenannte multimodale Therapien und gezielte Physiotherapie zum gleichen Erfolg.

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Kriterien für den Einsatz eines künstlichen Kniegelenks

Die Leitlinien der Deutschen Rheuma-Liga und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie nennen vier Hauptkriterien für den Einsatz einer Knieprothese:

  • Der Schmerz besteht seit mindestens drei bis sechs Monaten und tritt entweder dauerhaft oder mehrmals wöchentlich bei Belastung auf.

  • Die Schäden am Gelenk müssen auf dem Röntgenbild deutlich sichtbar sein.

  • Medikamente und nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Bewegung und Physiotherapie können über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten den Schmerz nicht ausreichend lindern.

  • Die Einschränkungen im Alltag sind für die Betroffenen so stark ein, dass sie nicht mehr bereit sind, sich damit abzufinden.

Bei der Entscheidung, ob ein künstliches Kniegelenk eingesetzt werden soll, kann der Arzt weitere Kriterien hinzuziehen:

  • Wie weit kann der Betroffene ohne Pause gehen, stehen oder Treppen steigen?
  • Kann der Betroffene einen Beruf oder Tätigkeiten im Haushalt ausführen? Ist er dabei auf Hilfe angewiesen?

Der Arzt sollte darüber aufklären, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Operationen in diesen Punkt Verbesserung bringe.

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Karl-Dieter Heller, Chefarzt
Orthopädische Klinik im Herzogin Elisabeth Hospital
Leipziger Straße 24, 38124 Braunschweig
Tel. (0531) 699 20 01
www.heh-bs.de

Dr. Christian Sturm, Orthopädie und Unfallchirurg
Oberarzt Klinik für Rehabilitationsmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover
www.mh-hannover.de/rehabilitation

Stefanie Kreiss
Verband der Ersatzkassen Landesvertretung Hamburg
Sachsenstraße 6, Haus D
20097 Hamburg
(0 40) 41 32 98-20
www.vdek.com

Weitere Informationen
Studie der Bertelsmann Stiftung
https://www.bertelsmann-stiftung.de

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Visite | 18.09.2018 | 20:15 Uhr

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