Hüftschmerzen: Richtige Diagnose wichtig

Stand: 06.04.2021 10:06 Uhr

Bei Hüftschmerzen wird die Diagnose "Arthrose" manchmal zu schnell gestellt. Denn nicht immer steckt ein Knorpeldefekt dahinter.

Experten warnen: Sie halten jede dritte Hüftprothese für überflüssig oder zu früh eingesetzt, vor allem bei jüngeren Patienten.

Ursache liegt häufig in den umliegenden Weichteilen

In etwa der Hälfte der Fälle liegt die Ursache der Hüftschmerzen gar nicht im Gelenk selbst, sondern in den umliegenden Weichteilen. Das Zusammenspiel zwischen Muskeln, Sehen und Bändern, die die Hüfte mitbewegen, kann durch verkürzte oder verspannte Muskeln aus der Balance geraten und Schmerzen verursachen, die in die Hüfte ziehen.

Das Hüftgelenk wird vor allem von vier Muskeln beziehungsweise Muskelketten gesteuert:

  • Der Gluteus medius sitzt hinten am Po, verbindet Becken und Rückseite des Beins.
  • Der Iliopsoas sitzt innen und verbindet Lendenwirbelsäule, Becken und Bein.
  • Der Piriformis sitzt tief innen seitlich bis außen und verbindet das Kreuzbein, also den untersten Teil der Wirbelsäule, mit der Beinaußenseite (Trochanter).
  • Der Tractus iliotibialis ist eine Sehnenplatte, die an der Außenseite des Beins von der Hüfte bis zum Knie reicht.

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Physiotherapeut Michael Wagner.
7 Min

Wo liegt die Ursache für Hüftschmerzen?

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Verspannungen oder Verkürzungen des Muskels als Ursache

Da sich Verspannungen oder Verkürzungen eines einzelnen Muskels wie in einer Kettenreaktion in weitere Bereiche fortsetzen, dürfen die Weichteile ums Hüftgelenk nicht getrennt betrachtet werden. So können die Muskeln beispielsweise auf eine Blockade in den unteren Wirbelgelenken oder am Iliosakralgelenk reagieren, indem sich Iliopsoas und Piriformis anspannen und verkürzen. Dabei ziehen sie das Bein nach außen (Richtung Trochanter), es kommt zu einer Dysbalance im gesamten Muskelnetz und in allen Muskel-Knochen-Verbindungen. Die inneren Muskeln verspannen und verkürzen sich, was sich wiederum auf die äußeren Muskeln (Gluteus medius, Tractus iliotibialis) auswirkt. Zug und Schmerz strahlen in die Hüfte aus und werden als Hüftschmerz wahrgenommen - eine schleichende Entwicklung, die sich oft über Jahre hinzieht.

Eine solche komplexe Ursache zu entdecken, erfordert eine umfassende Untersuchung. Oft wird aber vor allem nach Röntgenbildern diagnostiziert und nur oberflächlich untersucht. Häufig erhalten die Betroffenen dann eine künstliche Hüfte, obwohl das gar nicht nötig wäre und sich die Probleme auch mit Physiotherapie in den Griff bekommen ließen. Mit den richtigen Übungen lassen sich Blockaden lösen und die Muskeln durch Dehnen und Kräftigung wieder auf die normale Länge und in die richtige Spur bringen, sodass die Hüftschmerzen wieder verschwinden.

Oberschenkelknochen und Hüftpfanne stoßen aufeinander

Auch Verdickungen am Übergang vom Oberschenkelhals zum Hüftkopf oder ein Überstand am Rand der Gelenkpfanne können Schmerzen verursachen. Diese angeborenen oder durch einen Unfall entstandenen Unregelmäßigkeiten führen dazu, dass Gelenkkopf und -pfannenrand bei bestimmten Bewegungen aufeinanderstoßen. Deshalb sprechen die Experten dabei auch von einem Impingement (englisch: Zusammenstoß).

Man unterscheidet zwei Impingement-Formen:

  • Beim Pincer- oder Beißzangen-Impingement ist der Hüftkopf zu stark von der Hüftpfanne umfasst, der Kopf des Oberschenkelknochens ist also zu weit von der Gelenkpfanne umfasst. Diese Impingement-Form tritt häufiger bei Frauen auf.
  • Beim Cam- oder Nockenwellen-Impingement ist die charakteristische Einbuchtung zwischen dem normalerweise kugelrunden Hüftkopf und dem Oberschenkelhals zu gering, weil der Schenkelhals verdickt ist. Er kann am Übergang zum Hüftkopf so verformt sein, dass der Hals in gerader Linie zum Kopf übergeht (sogenannte Pistolengriff-Deformität). Das Cam-Impingement ist eher bei Männern und Leistungssportlern anzutreffen.

Häufig haben Betroffene eine Mischung aus beiden Impingement-Formen.

Auf lange Sicht trägt ein Impingement zum vorzeitigen Knorpelverschleiß bei, also zur Arthrose. Bei starker Belastung, zum Beispiel beim Sport, leidet der Knorpel besonders.

Impingement-Symptome: Schmerzen nicht nur in der Hüfte

Erschwerend für eine frühe Diagnose des Impingement-Syndroms sind die oft unspezifischen Symptome. Die Schmerzen können bis ins Gesäß, den Rücken, den Oberschenkel und das Knie ausstrahlen.

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Relativ typisch sind beim Impingement dumpfe Schmerzen in der Leiste oder seitlich an der Hüfte. Häufig beginnen die Beschwerden nach langem Sitzen oder nach intensiver körperlicher Aktivität, verschwinden aber bei Ruhe wieder. Mit der Zeit kann sich ein dumpfer oder stechender Dauerschmerz entwickeln. Bei männlichen Sportlern beginnen die Beschwerden oft schon um das 30. Lebensjahr herum los. Frauen sind seltener betroffen und spüren die Schmerzen meist etwa ab 40 Jahren.

Impingement: Diagnostik schwierig

Die Diagnostik eines Impingements ist nicht immer einfach, denn die Unregelmäßigkeiten am Knochen sind oft so fein, dass sie auf einer normalen Röntgenaufnahme kaum auffallen. Es werden eine Beckenübersicht-Röntgenaufnahme sowie eine axiale Sicht (Dunn-Aufnahme) und zur Differentialdiagnose eine Magnetresonanztomografie (Arthro-MRI) benötigt.

Bewegungstest bei Hüft-Impingement

Einen ersten Hinweis auf ein Impingement gibt ein spezieller Test: Der Patient liegt dabei auf dem Rücken, während der Arzt das Bein in bestimmte Richtungen bewegt. Die Hüft erlaubt dem Bein Bewegungen in sechs Richtungen. Der typische einschießende Schmerz tritt auf, sobald zwei Bewegungsachsen gleichzeitig schnell angesprochen werden: beispielsweise der angebeugte Oberschenkel schnell nach innen gedreht wird (Flexion + Innenrotation).

Frühe Impingement-Therapie durch Muskeltraining

In frühen Stadien des Hüft-Impingements kann eine gezielte Physiotherapie Entlastung schaffen. Oft ist es nicht allein die knochenbedingte Enge im Gelenk, die die Schmerzen auslöst, sondern ein muskuläres Ungleichgewicht ist mit auslösend. Das bedeutet: Das Kräfteverhältnis zwischen der vorderen und hinteren Muskelkette sowie zwischen der inneren und äußeren Muskelkette stimmt nicht. Dadurch verschiebt sich der Oberschenkelknochen - die Enge im Gelenk wird verstärkt.

Hüftgelenkspiegelung kann Erleichterung bringen

Auch eine Hüftgelenkspiegelung (Arthroskopie) kann sinnvoll sein. Dabei führt der Operateur feine optische Instrumente ins Gelenk, ohne das Muskelgewebe der Hüfte zu verletzen. So kann er mögliche Schäden an der Gelenklippe (Labrum) erkennen, Knochenverdickungen beziehungsweise überschüssiges Gewebe entfernen und die Engstelle beseitigen. Ein weiteres Anschlagen des Schenkelhalses an der Gelenklippe wird somit vermieden. Gelingt der Eingriff, lässt sich das Gelenk nach einer mehrwöchigen Heilungsphase wieder frei und schmerzfrei bewegen.

Hüft-Prothese bei fortgeschrittenem Verschleiß

Hat das Impingement-Syndrom im fortgeschritten Stadium bereits zu Knorpelverschleiß geführt, muss das Hüftgelenk durch eine Prothese ersetzt werden.

Nach der Operation ist die Rehabilitation wichtig. Auch wenn im Prinzip nur ein neues Gelenk eingesetzt wird, das genauso funktioniert wie das alte, muss das Zusammenspiel von Muskeln und Gelenk neu erlernt werden. Der Grund: Durch die Schonhaltung mit dem alten, schmerzenden Gelenk haben sich die Muskeln verkürzt. Auch das Gehirn muss sich erst auf die neuen Möglichkeiten beim Stehen, Gehen oder Sitzen einstellen.

 

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Dieses Thema im Programm:

Visite | 06.04.2021 | 20:15 Uhr

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