Stand: 07.06.2016 10:55 Uhr  | Archiv

Frischzellen-Therapie: Unwirksam und gefährlich

Eine Frau hält hinter einer Milchglasscheibe eine Spritze in der Hand. ©  picture alliance / ZB
Eine Frischzellen-Therapie kostet mehrere Tausend Euro.

Frischzellen-Therapien mit Tierzellen sind in vielen Ländern verboten, denn sie gelten als unwirksam und gefährlich. In Deutschland sind sie legal. Ärzte, Heilpraktiker und Kliniken bieten sie an. Ein lukratives Geschäft: Medizintouristen aus Asien und Amerika zahlen Tausende Euro für die Behandlung.

Zellmaterial aus Organen ungeborener Föten

Für Therapien mit lebenden Zellen werden sehr junge oder trächtige Tiere, zum Beispiel Schafe, getötet. Aus den Organen der ungeborenen Föten wird Zellmaterial entnommen. Experten unterscheiden zwischen der Frischzellen-Therapie, bei der frische Zellen verwendet werden und den Menschen unter die Haut gespritzt werden und der mit sogenannten aufgearbeiteten Organextrakten, bei der die verwendeten Tiersubstanzen in Speziallabors gereinigt werden. Die Extrakte können grundsätzlich aus fast allen Organen hergestellt werden und enthalten alle für das jeweilige Organ typischen Bestandteile: Zellsaft, Enzyme, Spurenelemente, Hormone und Stoffwechselfaktoren.

Breites Anwendungsspektrum

Helfen soll die Therapie unter anderem bei vorzeitiger Alterung, Depressionen, chronischen Organerkrankungen, Bandscheibenschäden, Herz-Kreislauf-Störungen, Allergien, sexuellen Problemen und als Zusatzbehandlung bei Krebs. Die Therapeuten meinen, dass die tierischen Zellen oder Zellbestandteile im menschlichen Körper ihren Weg zu erkrankten oder betroffenen Organen finden, dort eine heilsame Wirkung entfalten und das Immunsystem anregen.

Frischzellen-Therapie ist mit gesundheitlichen Risiken verbunden

Einen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Therapien kann allerdings niemand liefern. Dafür sind die gesundheitlichen Risiken eindeutig: Wenn tierisches Zellmaterial gespritzt wird, kann das zu allergischen Reaktionen führen - bis hin zu einem tödlichen Kreislaufversagen. Auch Infektionen sind möglich: Im vergangenen Jahr haben sich mehrere Menschen bei einer Frischzellen-Behandlung in Rheinland-Pfalz mit Q-Fieber infiziert, einer hochansteckenden Schafkrankheit, die zu Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung und auch zum Tod führen kann. Daraufhin warnte im vergangenen Jahr die US-Seuchenschutzbehörde vor solchen Therapien.

Auch wenn Anbieter damit werben, dass die Injektionslösungen ultrafiltriert und auf Keim- und Erregerfreiheit untersucht werden, ist das keine Sicherheit, sagen Experten. Wenn körperfremdes Eiweiß gespritzt werde, bestehe immer ein Risiko.

Bundesgesundheitsministerium arbeitet an Verbot

1997 wurden die Herstellung und der Verkauf von Frischzellen in Deutschland durch das Bundesgesundheitsministerium verboten, doch im Jahr 2000 wurde das Verbot vom Bundesverfassungsgericht wieder aufgehoben: Die Frischzellenpräparate seien keine Medikamente, da sie nicht über Apotheken in Verkehr gebracht würden. Vielmehr würden sie direkt in den jeweiligen Kliniken hergestellt und dort den Patienten verabreicht. Zulassung beziehungsweise Verbot liegt deshalb nicht beim Bund, sondern bei den Ländern. Derzeit nimmt das Paul-Ehrlich-Institut im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums die Behandlungsmethoden unter die Lupe und untersucht, welche Risiken von Frischzellen-Therapien ausgehen. Dieses Gutachten könnte dann als Grundlage für ein mögliches Verbot dienen.

Interviewpartner im Beitrag:

PD Dr. Jutta Hübner
Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie
Deutsche Krebsgesellschaft e.V.
Kuno-Fischer-Straße 8, 14057 Berlin
Tel. (030) 32 29 32 90, Fax: (030) 322 93 29 66
Internet: www.krebsgesellschaft.de/

Dr. Ulrich Müllerleile
Internist, Hämatologe, internistischer Onkologe, Palliativmediziner
Gemeinschaftspraxis Dr. Karl Verpoort, Dr. Jan Wierecky, PD Dr. Wolfgang Zeller
Hohe Weide 17b, 20259 Hamburg
Tel. (040) 357 17 77 50, Fax (040) 357 17 77 10
Internet: www.onkologie-hamburg.de

Wolfgang Becker-Brüsker
Allgemeinmediziner
Herausgeber und Chefredakteur Arznei-Telegramm
Bergstraße 38 A, Wasserturm
12169 Berlin
E-Mail: redaktion@arznei-telegramm.de

Dr. Peer M. Aries
Rheumatologe
Rheumatologie im Struenseehaus
Mörkenstraße 47
22767 Hamburg-Altona
Tel. (040) 870 33 63
Fax (040) 870 073 26
Internet: www.rheumatologie.hamburg

Heinz G. Joeken
Heilpraktiker
Turmstraße 1
47533 Kleve
Tel: 0174-738 89 99 oder (02821) 979 63 70
E-Mai: info@heinz-joeken.de
Internet:www.heinz-joeken.de

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Visite | 07.06.2016 | 20:15 Uhr

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