Schaufenster-Krankheit: Warnzeichen rechtzeitig erkennen

Stand: 06.11.2020 13:45 Uhr

In Deutschland leiden rund acht Millionen Menschen unter Verkalkungen der Schlagadern. Sind die Becken- und Beinarterien betroffen, spricht man von der peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) oder Schaufensterkrankheit.

Bei einer Verkalkung der Schlagadern (auch Arteriosklerose genannt) lagern sich im ganzen Körper unbemerkt Kalk und Fett an den Gefäßwänden ab. Allmählich schwindet dadurch die Elastizität der Adern, die Gefäße verengen sich bis zum vollständigen Verschluss. Vor allem Rauchen, hohe Blutfettwerte und Bluthochdruck erhöhen das Risiko. Sind die Beine betroffen, kann dies im Extremfall bis zum Absterben des Beines und zur Amputation führen.

Symptome der Schaufensterkrankheit (pAVK)

Typisch für die Schaufensterkrankheit sind diffuse, krampfartige Beinschmerzen bei Belastung, zum Beispiel beim Gehen, die im Ruhezustand verschwinden. Früher mühelos zu bewältigende Strecken werden zunehmend zum Problem. Die Muskeln schmerzen, weil ihnen durch die mangelhafte Blutversorgung der Sauerstoff fehlt.

Mit der Zeit treten die Schmerzen auch in Ruhesituationen auf, vor allem nachts, wenn die Beine waagerecht liegen und die Muskulatur nicht ausreichend durchblutet wird. Beim Gehen bekommen die Betroffenen wegen der mangelnden Durchblutung so starke Beinschmerzen, dass sie immer wieder Pausen einlegen müssen, bis der stechende Schmerz in den Waden nachlässt.

Auch Schmerzen im Fuß, Wunden, trockene Haut und offene Stellen an den Beinen können ein Hinweis auf die Schaufensterkrankheit sein. Das Problem: Bei älteren Menschen wird all dies oftmals als Altersbeschwerden abgetan.

Frühe Diagnose kann Leben retten

Die periphere Arterielle Verschlusskrankheit lässt sich einfach nachweisen:

  • Bei der Blutdruckkontrolle wird am Arm und an den Fußgelenken gemessen. Teilt man dann den am Bein ermittelten Wert durch den am Arm gemessenen Blutdruck, erhält man den Knöchel-Arm-Index.
  • Mit einer Blutdruckkontrolle an einem Zeh
  • Pulskontrolle an den Füßen, in den Kniekehlen und Leisten
  • Ultraschalluntersuchung und Röntgenaufnahme der Beinarterien mit Kontrastmittel (Angiografie)

Arteriosklerose im Bein behandeln

Je früher die Krankheit behandelt wird, umso besser lässt sich ihr Fortschreiten bremsen. Das ist auch deshalb enorm wichtig, weil bei den meisten pAVK-Erkrankten auch die Herz- und Hirngefäße betroffen sind. Das führt zu einem erhöhten Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt.

Mit gezielt eingesetzten Medikamenten und einer gesunden Lebensweise kann dem Fortschreiten der Arteriosklerose entgegengewirkt werden. In jedem Fall müssen Betroffene mit dem Rauchen aufhören. Sehr hilfreich ist ein konsequentes Gehtraining: Fünf Mal eine halbe Stunde am Stück gehen, dabei die Gehstrecke erweitern - bis an den Schmerz heran. So bilden sich Ersatzblutbahnen (Kollateralen), die die Blutversorgung der Muskeln übernehmen.

Leitliniengerechte Behandlung

Experten beklagen, dass viele Hausärzte die aktuellen Leitlinien zur Versorgung der pAVK nicht kennen, sodass Betroffene keine adäquate Behandlung bekommen. Nach einer neuen Studie mit 25.000 Teilnehmern müssen bei der Therapie der pAVK auch drei Risikofaktoren beachtet und behandelt werden:

  • Thrombose: Vor Blutgerinnseln sollen Blutverdünner der neuen Generation schützen, dadurch besteht weniger Gefahr für Amputationen.
  • Cholesterin: Gegen zu hohe Blutfettwerte werden neue Lipidsenker (PCSK9-Inhibitoren) eingesetzt.
  • Diabetes: Erhöhte Blutzuckerwerte lassen sich mit neuen Anti-Diabetes-Mitteln in den Griff bekommen.

Operation per Ballonkatheter

Ist die Arteriosklerose bereits fortgeschritten, können operative Eingriffe nötig werden.

Abhängig von Ausdehnung und Sitz der Gefäßverengung kann ein Katheterverfahren, die Perkutane Transluminale Angioplastie (PTA), eingesetzt werden. Dabei wird die Engstelle mit einem Ballon aufgedehnt und gegebenenfalls durch einen Stent zusätzlich gestützt. Das Problem: Durch den Eingriff kann es zu Narbenbildungen kommen, das Gefäß kann sich wieder verschließen.

Das Risiko ist mit einer neuen Technik geringer: Dabei wird zur Aufdehnung der Engstelle ein Ballonkatheter verwendet, der mit Medikamenten beschichtet ist. Er soll verhindern, dass Gefäßzellen auf die OP mit verstärktem Wachstum reagieren. Ein Stent ist dabei nicht mehr nötig. Studien belegen, dass die neue Ballontherapie dauerhaften Erfolg hat und kaum Nachbehandlungen nötig sind. Sie lässt sich nicht nur in den großen Oberschenkelarterien, sondern auch im Unterschenkel einsetzen.

In schweren Fällen kann die Engstelle auch durch einen Bypass überbrückt werden.

Nach dem Eingriff hängt der weitere Verlauf vom Lebenswandel ab: Rauchen, Bewegungsmangel und Übergewicht schädigen die Gefäße und erhöhen die Gefahr einer erneuten Arterienverstopfung. Betroffene sollten sich reichlich bewegen und versuchen, ihr Gewicht in den Griff zu bekommen.

Weitere Informationen
Herzrythmus, EKG © picture-alliance Foto: Graziano G./CHROMORANGE

Hoher Puls erhöht Risiko für Herzinfarkt

Ein hoher Ruhepuls erhöht das Herzinfarkt-Risiko. So lässt sich die Herzfrequenz messen und ein schwaches Herz trainieren. mehr

Grafische Darstellung: Herz mit Herzkranzgefäßen. © NDR

Was hilft bei der Koronaren Herzerkrankung?

Rund 5,5 Millionen Menschen hierzulande sind betroffen: Ihre Herzkranzgefäße sind verengt oder verstopft. Das Herz bekommt weniger Sauerstoff, es drohen Herzschwäche und Infarkt. mehr

Experten zum Thema

Prof. Dr. Sigrid Nikol, Chefärztin
Klinische und Interventionelle Angiologie
Zentrum für Herz- und Gefäßmedizin
Asklepios Klinik St. Georg
Lohmühlenstraße 5
20099 Hamburg
(040) 18 18 85-24 01
www.asklepios.com

Prof. Dr. Oliver Müller, Bereichsleitung Angiologie
Klinik für Innere Medizin III, Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel
(0431) 500-229 50
www.uksh.de

Dr. Sabine Bleuel
Praxis Orthopädie Elbchaussee
Elbchaussee 567
22587 Hamburg
(040) 86 23 21
www.orthopaedie-elbchaussee.de

Weitere Informationen
Deutsche Gesellschaft für Angiologie - Gesellschaft für Gefäßmedizin e. V.
www.dga-gefaessmedizin.de
           
Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin
www.gefaesschirurgie.de

Deutsche Gefäßliga e. V.
www.deutsche-gefaessliga.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 10.11.2020 | 20:15 Uhr

Mehr Gesundheitsthemen

Grafische Darstellung eines Coronavirus © COLOURBOX Foto: Volodymyr Horbovyy

Corona-Pandemie: Wie ist die aktuelle Lage?

Bisher gibt es keinen deutlichen Rückgang bei der Zahl der Neuinfektionen, die Zahl der Intensivpatienten steigt. mehr

Hanfpflanzen © Colourbox Foto: Mykola Mazuryk

Hanf: Vielseitige Nutzpflanze für die gesunde Küche

Die Nutzpflanze wird zur Herstellung ganz unterschiedlicher Produkte genutzt. Vor allem die Samen gelten als äußerst gesund. mehr

Ein Frau hält sich vor Schmerzen das Handgelenk. © Colourbox Foto: Motortion

Rheuma: Organbeteiligung wird häufig übersehen

Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ist das Immunsystem fehlgesteuert. Abwehrstoffe richten sich gegen körpereigenes Gewebe. mehr

Eine Person mit blauen Schutzhandschuhen hält eine Pipette in der Hand © Colourbox

Antikörper-Therapie gegen Corona: Wie weit ist die Forschung?

Die klinischen Erfahrungen mit der Übertragung von Blutplasma sind vielversprechend. Große Studien fehlen allerdings. mehr

Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

Coronavirus-Update: Podcast mit Christian Drosten & Sandra Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr