Stand: 23.11.2018 16:54 Uhr

Ärzte - fest im Griff der Pharmaindustrie?

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Im Jahr 2017 haben die Krankenkassen für Medikamente Expertenschätzungen zufolge 38 Millarden Euro ausgeben.

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 30 neue Medikamente mit neuen Wirkstoffen zugelassen. Deren höhere Wirksamkeit gegenüber herkömmlichen Präparaten ist laut Bundesgesundheitsministerium jedoch nicht immer gesichert. Trotzdem kommen sie auf den Markt - und zwar für einen Preis, den die Pharmafirmen für das erste Verkaufsjahr selbst bestimmen können. Diese Regelung gibt es so nur in Deutschland - das ist eine Ausnahme innerhalb Europas.  Die Hersteller der Medikamente haben nach der Zulassung ein großes Interesse daran, dass Ärzte die neuen, oft teureren Medikamente verschreiben.

Mit Penetranz zum Erfolg?

Um möglichst viele der insgesamt rund 385.000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland für ein neues Produkt zu gewinnen, greifen die Pharmaunternehmen zu umfangreichen Werbemaßnahmen – teilweise auch mit umstrittenen Methoden. Das Ziel der Pharmaindustrie ist, den Namen eines bestimmten Arzneimittels oder auch des Unternehmens in den Köpfen der Ärzte zu verankern, damit diese es verschreiben. Das versuchen die Firmen auf vielen Wegen durchzusetzen - angefangen beim Kugelschreiber mit Logoaufdruck bis hin zu finanziellen Anreizen für Ärzte, etwa in Form von Beraterverträgen.

Die Frage, welches Medikament eine Ärztin oder ein Arzt verschreiben soll, stellt sich den Medizinern jeden Tag Dutzende Male. Beim Blick in den Computer zeigt die Praxis-Software oft Werbebanner für bestimmte Präparate. Dabei handelt es sich in der Regel um gesponserte Software. Bislang gibt es nur wenig Angebote für werbefreie Software für Arztpraxen, die etwa vom Ärzteverein "Mein Essen zahl ich selbst" (Mezis) empfohlen wird.

Gesponserte Fortbildungen

Viele Ärzte auf einmal - für die Pharmabranche ist das besonders interessant. Deshalb nutzt sie auch Fortbildungs-Kongresse für Ärzte. Ganze Veranstaltungen werden von Pharmaunternehmen gesponsert, die dann bei der "Industrieausstellung" ihre Medikamente und Infobroschüren präsentieren. Zwar gibt es für Ärztefortbildungen klare Regeln. Zum Beispiel müssen alle Ärzte vor ihren Vorträgen offenlegen, ob sie Geld von der Pharmaindustrie erhalten. Unsere Recherche zeigt: Nicht jeder Mediziner ist da so transparent wie erwartet. Manchmal werden diese Folien nur ganz kurz gezeigt und der mögliche Interessenkonflikt ist nicht zu erkennen.

Links

Mezis - Mein Essen zahl ich selbst

Patienteninformationen im Webangebot der Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte. extern

Korruption im Gesundheitswesen verständlich gemacht

Pressemeldung von Transparency International zu einem Fragenkatalog der Bundesärztekammer. (07.02.2018) extern

Werbegeschenke für Ärzte und Apotheker

Der Artikel im Ärzteblatt online informiert, dass diese Werbegeschenke nur einen Wert von einem Euro haben dürfen. (22.02.2018) extern

Ebenfalls unzulässig: Eindeutige Produktempfehlungen mit Markennamen. Während der Recherche zu diesem Film fällt den Autorinnen aber auf, dass sehr wohl Medikamente von Pharmaunternehmen genannt werden, die an diesem Tag einen Stand haben und über genau dieses Medikament informieren. Auf Nachfrage versichern uns die Firmen, die diese konkrete Fortbildung gesponsert haben, dass sie keinen Einfluss auf die Inhalte der Vorträge gehabt hätten. Aber die Medikamente, die in den acht Vorträgen empfohlen wurden, passen sehr gut zum Angebot der acht beteiligten Pharmahersteller.

Nicht immer wissenschaftlich: Anwendungsbeobachtungen

Immer wieder sind in den vergangenen Jahren sogenannte Anwendungsbeobachtungen zu neuen Medikamenten in die Schlagzeilen gekommen. Dass bedeutet, dass Ärzte ein neu zugelassenes Medikament verschreiben und die Wirkung beim Patienten für das Pharmaunternehmen dokumentieren. Die Ärzte bekommen dafür pro teilnehmenden Patient eine "Aufwandsentschädigung". Den Nutzen solcher Beobachtungen zweifeln Kritiker an. Vielmehr würde auf diese Weise der Umsatz eines Medikaments angekurbelt, indem Patienten auf ein neues Medikament eingestellt werden.

2017 zahlten Pharmaunternehmen insgesamt rund 398 Millionen Euro für klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen an Ärztinnen und Ärzte, Kliniken und andere medizinische Einrichtungen und Beschäftigte. 105 Millionen Euro wurden für für Fortbildungen und Vortragshonorare gezahlt. Seit 2016 veröffentlichen mehr als 50 Pharma-Unternehmen in einem sogenannten Transparenzkodex diese Zahlen. Allerdings decken sie nur 75 Prozent des deutschen Marktes für Medikamente ab, da die Veröffentlichung nicht verpflichtend ist.

Patienten im Visier: Content Marketing der Pharmafirmen

Für Pharmafirmen ist es verboten, bei Patienten für rezeptpflichtige Medikamente zu werben. Doch mit allgemeinen Informationen zu einer Erkrankung dürfen sie sich direkt an die Patienten wenden, etwa mit Webseiten und Videos. Mit vermeintlich neutral wirkenden Informationen werden die Patienten direkt angesprochen.

Bei den Recherchen zu diesem Film stießen die Autorinnen zum Beispiel auf der Webseite "Jeder Tag ist kostbar" zum Thema metastasierender Brustkrebs oder "Hilfe für mich", den "Patientencoach" von Pfizer zu verschiedenen Erkrankungen - unter anderem auch zu Brustkrebs. Das Unternehmen erklärt, man verfolge keine werblichen Zwecke, sondern wolle Patientinnen unterstützen. Aber die Angebote gibt es erst, seit Pfizer mit Ibrance auf den Markt drängte, einem Mittel gegen metastasierenden Brustkrebs.

Sendung
45 Min

Patienten, Pillen und das große Geld

26.11.2018 22:00 Uhr
45 Min

Wer krank ist, möchte das beste Medikament gegen seine Beschwerden bekommen. Erhalten Patienten aber stattdessen möglicherweise das am besten beworbene Arzneimittel? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 26.11.2018 | 22:00 Uhr

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