Stand: 24.12.2015 00:01 Uhr

Telefonseelsorge: Auch Weihnachten ein offenes Ohr

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Babette Glöckner von der Telefonseelsorge aus Hamburg: "Die Arbeit ist viel spontaner geworden."

Besonders zu Weihnachten spielen Themen wie Einsamkeit, Stress oder Trennung eine große Rolle. Bei der evangelischen Telefonseelsorge sind dann meistens alle Leitungen belegt - und vielen Menschen kann geholfen werden. Allerdings kommen nicht alle Anrufer durch: Es gibt nicht ausreichend Mitarbeiter, sagt Leiterin Babette Glöckner im Interview mit NDR.de. Als Pastorin und Seelsorgerin ist sie seit 2009 beim Diakonischen Werk Hamburg tätig.

Um welche Themen geht es den Menschen, wenn sie sich zur Weihnachtszeit melden?

Babette Glöckner: Die Themen, die bei den Anrufern das Jahr über immer wieder auftauchen, verdichten sich zur Weihnachtszeit. Dabei stehen meistens bestimmte Konfliktsituationen im Vordergrund. Typisch ist natürlich das Thema Einsamkeit und die Frage: Was fange ich mit mir alleine an? In einer Großstadt wie Hamburg leben viele Menschen, die ihr Singledasein selbst gewählt haben und sich damit wohlfühlen. Das Gefühl der Einsamkeit wird dabei das Jahr über oft nicht benannt, weil es schmerzbesetzt ist. Zur Weihnachtszeit kristallisiert es sich dann heraus, wird vom sozialen Umfeld angesprochen und bestätigt. Es wird dann oft als beschämend empfunden, allein zu sein. In der Fantasie haben dann alle jemanden, nur man selbst bleibt alleine. Dass die Realität anders aussieht, weil es vielen Menschen so geht, wird oft ausgeblendet.

Telefonseelsorge der Diakonie

Die Telefonseelsorge des Diakonie-Hilfswerks Hamburg ist seit mehr als 50 Jahren rund um die Uhr, gebührenfrei und anonym unter folgenden Rufnummern zu erreichen:

  • (0800) 111 0 111
  • (0800/111 0 222
  • 116 123
Menschen in Krisen finden hier ausgebildete Gesprächspartner, die zuhören, begleiten und beraten, unabhängig von Glaube oder Weltanschauung.

Wie kann das eigentlich positiv besetzte Weihnachtsfest Stress auslösen?

Glöckner: Stress zu Weihnachten ist ein durchaus selbstgemachtes Thema. Es dreht sich oft um die Frage: Was kommt bei der Familienfeier auf mich zu? Wie kann ich die hohen Erwartungen erfüllen? In der Fantasie stellen wir uns dann vor, wie der andere reagiert, wenn ich seinen Ansprüchen nicht genüge. Das macht uns Angst und löst Stress aus. Der Zeitdruck während der Festvorbereitung kommt erschwerend dazu. Oft bleibt kaum ein Moment, um sich in Ruhe mit dem auseinander zu setzen, was da auf einen zukommt. Außerdem wissen die meisten aus Erfahrung, dass in der Familie immer die heißen Themen auf den Tisch kommen, wenn dort die Weihnachtsgans steht. Sie werden das Jahr über aufgeschoben und dann auf den Punkt gebracht. Der Alkoholkonsum an den Festtagen fördert zusätzlich die Streitlust.

Haben sich die Themen über die Jahre verändert?

Glöckner: Die Themen kehren eigentlich jedes Jahr wieder zurück. Die Einsamkeit ist dabei ein eher städtisches Phänomen und auf dem Land weniger präsent. Hier ist der Zusammenhalt größer, es gibt mehr Solidarität. Andererseits ist auch die Sozialkontrolle stärker. Auch das Thema Trennung spielt zu Weihnachten eine besondere Rolle. Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, nach Anteilnahme beim Rückblick auf das Jahr wird dann besonders spürbar, wenn man bemerkt, wie sehr einem geliebte Menschen besonders fehlen. Gerade der Verlust eines Menschen wird dann noch einmal besonders intensiv realisiert.

Wie hat sich das Anrufaufkommen am Sorgentelefon über die Jahre entwickelt?

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Telefonseelsorge an Weihnachten: Vor allem Einsamkeit ist ein großes Thema.

Glöckner: Es hat sich in den letzten zehn Jahren massiv verstärkt. 2014 haben wir rund 22.000 Anrufe verzeichnet. Alleine an den drei Weihnachtstagen waren es rund 120, die Telefone standen nicht still. Wenn wir mehr Personal hätten, könnten wir auch mehr Anrufe entgegennehmen. Wenn aber alle Plätze belegt sind, werden Anrufer an andere Einrichtungen weitergeleitet, auch zur Katholischen Kirche. Doch sollten auch dort alle Mitarbeiter im Gespräch sein, gibt es leider nur eine Ansage vom Band mit der Bitte, sich später noch einmal zu melden. Wir suchen daher ständig Mitarbeiter, die bei uns mitmachen möchten. Zwar ist die Arbeit ehrenamtlich, aber alle unsere Seelsorger durchlaufen eine einjährige Ausbildung mit anschließender, regelmäßiger Supervision.

Wie sieht die Rückmeldung der Menschen aus, die bei Ihnen anrufen?

Glöckner: Wir führen oft schwere Gespräche, die ein hohes Einfühlungs- und Stehvermögen erfordern. Doch ich erlebe es immer wieder, dass die Mitarbeiter beschwingt aus den Telefonaten kommen. Der Sinn unserer Arbeit wird dann erlebbar, wenn sich wildfremde Menschen am Ende geöffnet und darüber gesprochen haben, warum es ihnen nicht gut geht und sich bedanken. An Weihnachten rufen auch manche an, die sich während des Jahres einmal an die Hotline gewandt haben und die sich im Rückblick bedanken wollen. Das sind sehr schöne Momente.

Was war Ihr bewegendstes Erlebnis an einem Weihnachtstag?

Glöckner: Mich rief einmal eine junge Frau am Ersten Weihnachstag an. Es war schon spät am Abend und sie hatte Streit mit ihrem Freund gehabt, in einem Restaurant. Sie hatte ihm freudig mitgeteilt, dass sie schwanger war und er beendete sofort die Beziehung. Sie rief mich von der Toilette des Restaurants von ihrem Handy aus an. Sie fühlte sich allein mit ihrer Trauer, inmitten der ganzen Menschen. Wir haben eine Dreiviertelstunde lang über ihr Innenleben geredet. Dann gingen wir quasi gemeinsam die Treppe nach oben, ihr Freund war nicht mehr da. Immerhin hatte er die Rechnung bezahlt. Ich habe dann mit ihr zusammen geschaut, was sie jetzt macht, wo sie bleibt. Damals bin ich quasi live in eine Situation hineingezogen worden, die sich gerade abspielte. Die Arbeit als Seelsorgerin ist heute viel spontaner geworden.

Welche Tipps geben Sie den Menschen zu Weihnachten?

Glöckner: Wem der Weihnachtsstress zu viel wird, sollte sich fragen: Wer übernimmt welche Aufgaben bei der Festvorbereitung? Wann wird es mir zu viel und was brauche ich dann? Wer sich einsam fühlt, sollte sich nach geeigneten Veranstaltungen umschauen, wo Menschen zusammenkommen, denen es auch so geht. Wichtig ist generell, mit diesen Themen aktiv nach außen zu gehen und nicht zu warten, bis andere auf einen zukommen. Der eigene Antrieb, die Situation zu verändern, der muss da sein.

Das Interview führte Daniel Seemann, NDR.de.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | NDR 2 Spezial - Ihr Thema | 01.02.2018 | 19:00 Uhr

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