Stand: 22.03.2019 05:51 Uhr

Die Gefahr im "toten Winkel" verringern

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Toter Winkel: Im Bereich vorne rechts neben einem Lkw sind Radfahrer und Fußgänger für den Fahrer nur sehr schwer zu sehen.

Es ist eine Horrorvorstellung für Radfahrer und Fußgänger: Beim Überqueren einer Kreuzung zeigt die Ampel Grün - und trotzdem sind sie in Lebensgefahr, weil ein nach rechts abbiegendes Fahrzeug sie übersehen könnte. Jahr für Jahr sterben auch auf den Straßen in Norddeutschland mehrere Menschen bei solchen Unfällen. Oft sind Lkw daran beteiligt.

Ein großes Problem ist in diesem Zusammenhang der "tote Winkel". NDR.de hat mit dem Verkehrsexperten Thomas Buchheit aus dem Niedersächsischen Innenministerium darüber gesprochen, wie sich solche Unfälle vermeiden lassen - und wie technische Lösungen dazu beitragen könnten.

Was genau ist der "tote Winkel" bei einem Fahrzeug?

Thomas Buchheit: Der "tote Winkel" ist der Raum außerhalb des Fahrzeugs, der von einer Person, die diesen Raum beobachten will, nicht eingesehen werden kann. Dies geht auch dann nicht, wenn die Person zum Einsehen dieses Bereichs technische Hilfsmittel nutzen will, also zum Beispiel ganz klassisch Rück- und Außenspiegel.

Wer ist im Straßenverkehr deswegen besonders gefährdet?

Buchheit: Die besonders Gefährdeten sind die sogenannten schwachen Verkehrsteilnehmer. Das sind Radfahrer und Fußgänger, weil sie um sich herum keinen Schutzraum haben. Wenn sie mit einem Auto oder Lkw zusammenstoßen - je größer das Fahrzeug ist, desto größer ist die Gefahr, bei einem Unfall überrollt und dabei auch getötet zu werden -, sind sie besonders gefährdet.

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Wie sollten sich Radfahrer und Fußgänger, die in diesen "toten Winkel" geraten, verhalten, um möglichst sicher zu sein?

Buchheit: Erstens muss man sich bewusst sein, dass der "tote Winkel" mit der Bewegung des Fahrzeugs mitwandert. Nebeneinander an einer Ampelkreuzung warten ja beide - ich als Radfahrer und der Lkw zum Beispiel - auf Grünlicht. Dann könnte ich als Radfahrer eventuell im "toten Winkel" sein. Aber selbst, wenn das Fahrzeug anfährt und ich mich auch bewege, kann es sein, dass ich mich im gesamten Zeitraum im "toten Winkel" befinde. Dessen muss ich mir bewusst sein.

Dann kommt hinzu, dass große Fahrzeuge wie Lkw ausscheren müssen, um abbiegen zu können. Dabei verändert sich auch der "tote Winkel". Als Fußgänger und Radfahrer sollte ich auf jeden Fall immer den Blickkontakt zum Fahrer suchen. Auch wenn das bei Lkw oder Bussen schwierig ist, weil sie höher sitzen und nur über den Spiegel den Sichtkontakt herstellen können. Außerdem sollte man möglichst den seitlichen Abstand zum Fahrzeug wahren. Notfalls sollte ich warten, dem Lkw Vorfahrt gewähren, obwohl man selbst eigentlich Vorrang hätte. Das gilt für Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen.

Ist der "tote Winkel" ein unausweichliches Problem für große Fahrzeuge oder gibt es erfolgversprechende Lösungen, damit die Unfall- und auch Opferzahlen zurückgehen?

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Verkersexperte Thomas Buchheit betont, dass im Straßenverkehr ständig Vorsicht und Rücksichtnahme gefordert sind.

Buchheit: Natürlich ist man ständig auf der Suche nach Lösungen, um Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Doch trotz vielfältiger Maßnahmen, Regeleinhaltungen und technischer Möglichkeiten haben wir wahrscheinlich nie 100 Prozent Sicherheit im Straßenverkehr, weil immer noch der Faktor Mensch existiert: Der Mensch macht nun einmal Fehler - und Verkehrsunfälle werden von Menschen mit verursacht.

Es gibt aber eine Vielzahl von Überlegungen beim "toten Winkel": Man könnte die Anzahl der Spiegel an und in den Fahrzeugen erhöhen. Aber es ist praktisch nicht machbar, auf diese Weise wirklich alle Räume einzusehen. Auch sogenannte Fahrassistenzsysteme wie der "Tote-Winkel-Assistent" sind eine technische Möglichkeit, die Fahrer mit akustischen und optischen Warnzeichen zu unterstützen. Genauso wie der Notbremsassistent, der das Fahrzeug stoppt, wenn eine Gefahr vom Fahrer nicht erkannt wurde.

Es kann außerdem die Verkehrsführung für Fußgänger und Radfahrer verändert werden, sodass sie von vornherein immer im Blickwinkel sind und gerade auch an roten Ampeln immer bleiben. Die Fahrzeuge würden dann hinter den Radfahrern und Fußgängern stehen, damit die im Sichtfeld der Fahrer sind. Und es gibt Vorrangschaltungen für die Ampeln, sodass Fußgänger und Radfahrer zuerst Grün bekommen und erst danach der Fahrverkehr. Baulich und infrastrukturell muss das aber auch vor Ort umsetzbar sein.

Was könnten Lkw-Fahrer unabhängig davon tun, um Unfälle zu vermeiden?

Buchheit: Jeder Lkw- oder Busfahrer kann dazu beitragen, dass "Toter-Winkel"-Unfälle nicht passieren. Es gilt, vor jedem Fahrtantritt die Spiegel zu überprüfen, ob sie auf den Fahrer oder die Fahrerin abgestimmt sind.

Ist die Gefahr, Opfer eines Abbiegeunfalls zu werden, in Städten wie Hamburg oder Kiel größer als beispielsweise auf dem Land in Niedersachsen?

Buchheit: Die Gefahr ist im innerstädtischen Bereich größer, weil dort natürlich mehr Fußgänger und Radfahrer unterwegs sind und weil sich dort Kreuzungs- und Einmündungsbereiche mehr ballen gibt als in der Fläche. Generell gilt, ob im Süden, Norden, Westen oder Osten von Deutschland: Die Gefahr ist überall gleich.

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Unter dem Strich gilt aus Ihrer Sicht also: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Es ist wichtig, dass die Verkehrsteilnehmer Rücksicht aufeinander nehmen, soweit das die Verkehrslage zulässt.

Buchheit: Genauso ist es: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. In der Straßenverkehrsordnung gilt: Die Teilnahme im Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und Rücksichtnahme. Darauf müssen wir immer wieder achten. Das gilt für jeden Einzelnen, der im Verkehr unterwegs ist.

Am Donnerstag ist von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die erste Allgemeine Betriebserlaubnis für ein Lkw-Abbiegeassistenzsystem an eine Hamburger Firma vergeben worden. Und am Freitag wird Hamburg ein Pilotprojekt zur Einführung von Abbiegeassistenten starten. Aus Ihrer Sicht sinnvolle Maßnahmen?

Buchheit: Jedes Mittel, das geeignet ist, Unfälle zu verhindern, ist sehr, sehr sinnvoll - gerade die Abbiege- oder "Toter-Winkel"-Assistenzsysteme. Sie sind zu unterstützen. Sie werden bestimmt dazu beitragen, Unfälle zu verhindern. Jeder Unfalltote weniger ist ein Erfolg.

Das Interview führte Uli Petersen, NDR.de

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal 18.00 | 20.03.2019 | 19:30 Uhr

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