Stand: 07.12.2018 08:45 Uhr

FAQ: Was tun gegen Nazi-Sprüche oder rechte Gewalt?

Was können Sie tun, wenn alte Freunde plötzlich rechtsextreme Slogans im Internet posten? Oder wenn Sie Zeuge eines gewalttätigen Übergriffs von Neonazis werden: Polizei rufen, selbst einschreiten - wie sollten Sie reagieren? Wir haben Experten gebeten, Verhaltenstipps für solche Situationen zu geben.

Selbst Opfer rechtsextremer Gewalt

Sie fühlen sich von Neonazis bedroht oder sind in eine Situation geraten, wo Sie Opfer rechter Gewalt wurden? Das können Sie tun:

Neben möglichen physischen Verletzungen seien nach einem Angriff auch psychische Herausforderungen zu bewältigen, erklärt Kristin Harney vom Zentrum Demokratische Bildung in Wolfsburg. "Als Opfer sollten Sie sich an Vertrauenspersonen wenden, die Sie unmittelbar nach dem Erlebten unterstützen und für Sie da sein können." Zur Dokumentation des Geschehenen sei es sinnvoll, zeitnah ein umfassendes Gedächtnisprotokoll mit den genauen Tatumständen, Verletzungen und Sachschäden anzufertigen, auf das dann im weiteren Verlauf zurückgegriffen werden kann. Zur Bewältigung der Tatfolgen, etwa wenn es um die Begleitung zu Behörden geht oder um Hilfe bei der juristischen Aufarbeitung, könnten Sie sich an eine Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt in ihrem Bundesland wenden, sagt Harney. "Dort finden Sie professionelle und kostenfreie Hilfe."

Angriff von Neonazis auf andere Menschen beobachtet

Spätabends in der U-Bahn: Neonazis verfolgen einen Mann. Sollte man selbst einschreiten oder besser die Polizei holen?

"Sie sollten erstmal Ruhe bewahren und sich einen Überblick über die Gefahrenlage verschaffen", empfiehlt Rechtsextremismus-Experte Björn Allmendinger aus Hannover. Wenn möglich, sei dann über die Notrufnummer 110 oder einen Alarmknopf die Polizei zu verständigen. Und: "Suchen Sie durch Blickkontakt nach Verbündeten und weisen Sie gezielt andere Fahrgäste auf die Notsituation und den dringenden Handlungsbedarf hin!" Eine Reaktion auf den Angriff sollte möglichst frühzeitig und zielgerichtet erfolgen, rät Allmendinger. "Organisieren Sie Unterstützung, aber bringen Sie sich dabei nicht unnötig selbst in Gefahr." Wichtig sei eine selbstbewusste, klare Körpersprache. "Geben Sie dem Täter unmissverständlich zu verstehen, dass Sie und die anderen Fahrgäste keine weiteren Übergriffe tolerieren werden. Und bringen Sie das Opfer schnellstmöglich in Sicherheit." Er empfiehlt auch, möglichst zeitnah ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen, um sich als Zeugin oder Zeuge zur Verfügung zu stellen.

Ausländerfeindliche Sprüche

In einer größeren Runde äußert jemand populistische Parolen: "Diese Messer-Epidemie ist zum Kotzen. Seit die Flüchtlinge hier sind, lebt man nicht mehr sicher."

In solchen Situationen erlebten viele Menschen erstmal eine argumentative "Schockstarre", erklärt Allmendinger. "Rassistische oder fremdenfeindliche Aussagen sollten aber nie unkommentiert bleiben. Sonst sinkt die Hemmschwelle für weitere Tabubrüche." Dabei gelte: "Jede Reaktion ist besser als keine Reaktion." Es sei gut, sich zu fragen, welches Ziel man verfolgt. "Möchte ich die Aussage nicht einfach so stehen lassen? Oder möchte ich den Sprecher oder andere Anwesende von meinen Argumenten überzeugen?" Wenn man eine argumentative Auseinandersetzung anstrebe, sei ein sachlicher und vorwurfsfreier Umgang nützlich, empfiehlt Allmendinger. "Hinterfragen Sie und fordern Sie eine Präzisierung einzelner Sachverhalte." Auch um Unbeteiligte zum Nachdenken zu bewegen, sei klare Kante wichtig, meint Allmendinger. In letzter Konsequenz könne dies auch bedeuten, das Gespräch mit einer inhaltlichen Begründung abzubrechen, "wenn klar wird, dass jemand über ein geschlossenes rechtes Weltbild verfügt und eine sachliche Diskussion nicht möglich ist."

Rechte Gruppe in der Schule

Ihr Kind erzählt, dass sich in seiner Schule eine Gruppe gebildet hat, die sich "Die Identitären" nennt. Wie soll man reagieren?

Zunächst sollten Sie das Gespräch mit Ihrem Kind suchen und behutsam nach den Vorfällen und der eigenen Einschätzung fragen, rät Expertin Harney. "Mit diesen Informationen und nach Rücksprache mit Ihrem Kind können Sie sich an Schulsozialarbeiter, Vertrauenslehrer oder auch an die Elternvertretung wenden und überlegen, ob und wie Sie weiter vorgehen." Im besten Falle umfasse dies die unterschiedlichen Handlungsebenen von Schule, Eltern und Schülern: "Eltern könnten einen Infoabend für Eltern organisieren, die Schule könnte gemeinsam mit Schülervertretern ein neues Leitbild erarbeiten und Schülerinnen und Schüler könnten eine Antirassismus-AG entwickeln." Als Unterstützung böten sich die regional zuständigen Teams der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus an.

Freunde posten Neonazi-Inhalte in sozialen Medien

Sie entdecken auf der Facebookseite eines Bekannten plötzlich rechtsextreme Inhalte. Sollte man sich einfach "entfreunden" oder auf eine Diskussion einlassen?

"Postet oder liked jemand rechtsextreme Inhalte, sollte dies im Freundeskreis nicht unkommentiert bleiben", findet Allmendinger. "Denn Stillschweigen wird nicht selten als Zustimmung gedeutet." Zunächst sei es gut, ein direktes Gespräch mit der betreffenden Person zu suchen und bereits im Vorfeld, etwa in der Kommentarspalte des entsprechenden Beitrags, offen sein Missfallen kundzutun. Ein bloßer Meinungsaustausch über Messenger oder Einzel-Chat sei oft weniger hilfreich. Missverständliche Aussagen könnten den Konflikt noch weiter verschärfen. "Im persönlichen Gespräch sollte der Freund dann möglichst sachlich auf die Außenwirkung und Tragweite seines Postings hingewiesen werden - auch auf mögliche strafrechtliche Konsequenzen, wie etwa wegen Volksverhetzung", rät Allmendinger. In einigen Fällen sei Leuten gar nicht bewusst, welche Inhalte transportiert werden, wenn sie zum Beispiel satirisch wirkende Sharepics teilen oder liken. "Wenn sich aber herausstellt, dass der Freund gezielt extrem rechte Inhalte postet, dann sollten Sie sich klar und sachlich begründet distanzieren. Sie müssen den Kontakt ja nicht gleich komplett abbrechen."

Verwendung von rassistischen Begriffen

"Will noch jemand einen Negerkuss?" Wie können Sie reagieren?

"Man sollte den rassistischen Hintergrund der Wortwahl klar benennen", empfiehlt Expertin Harney. "Diskriminierende Begriffe, die einen rassistischen Hintergrund haben, müssen in Gesprächen eindeutig zurückgewiesen werden." Nur so könne man verhindern, dass die Verwendung mehr und mehr als normal empfunden wird. "Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Begriffe bewusst oder unbewusst verwendet werden. Rassistische Sprache ist verletzend und zementiert die bestehenden Machtverhältnisse in der Gesellschaft." Zur Vertiefung empfiehlt Harney den Bestseller "Deutschland Schwarz Weiß" der Autorin Noah Sow, die in ihrem Buch alltäglichen Rassismus und die Hintergründe, Folgen und Auswege beschreibt.

Rechte Schmierereien entdeckt

In Ihrer Umgebung sind Ihnen Neonazi-Parolen, Aufkleber rechter Parteien oder Hakenkreuz-Schmierereien aufgefallen. Was tun?

"Ob Aufkleber, Graffiti oder Stencils - rechtsextreme Propaganda im öffentlichen Raum ist immer eine Form von Raumnahme, gegen die jeder etwas tun sollte", findet Harney. Es gebe viele Handlungsoptionen: Eine Dokumentation der Schmierereien mit Foto, Ort und Datum könne ein erster Schritt sein. "Sind es verbotene rechtsextreme Symbole, kann eine Anzeige bei der Polizei infrage kommen, da nur so die Tat in die Polizeistatistik aufgenommen wird." Weil es oftmals schwer sei, selbst herauszufinden, wer Eigentümer eines beschmierten Stromkastens oder ähnlichen Gegenstandes ist, hätten einige Kommunen bereits zentrale Ansprechstellen eingerichtet. Diese würden sich dann um eine zeitnahe Entfernung kümmern. Aber Bürger könnten auch selbst aktiv werden, schlägt Harney vor. In vielen Städten gebe es sogenannte "Putzspaziergänge", um rechte Schmierereien gemeinsam zu entfernen.

Infos zu den Rechtsextremismus-Experten

Björn Allmendinger, Leiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt (ARUG) in Braunschweig und des Zentrums Demokratische Bildung (ZDB) in Wolfsburg und Hannover; Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen Ost gGmbH. Jüngste Veröffentlichung: "Von Biedermännern und Brandstiftern. Rechtspopulismus in Betrieb und Gesellschaft".
Kristin Harney, Mobile Beratung Niedersachsen gegen Rechtsextremismus für Demokratie - Regionalbüro Süd; Zentrum Demokratische Bildung in Wolfsburg, Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen Ost gGmbH.

Zwei Personen sitzen nebeneinander in einem Sitztkreis.

Richtig Argumentieren gegen Stammtischparolen

Hallo Niedersachsen -

Hass und Hetze auf der Straße, in der Kneipe oder den sozialen Netzwerken - viele Menschen würden gerne darauf reagieren, wissen aber nicht wie. Was tun?

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NDR Info | Das Forum | 18.07.2018 | 20:30 Uhr

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