Stand: 01.04.2020 11:00 Uhr

Familie auf engstem Raum: Das Gewaltrisiko steigt

von Thorsten Philipps

Die Kontaktbeschränkungen und die damit zusammenhängende Isolation in den eigenen vier Wänden kann die Situation häuslicher Gewalt verschärfen. Experten sind beunruhigt: Wie kann Schutzsuchenden geholfen werden?

Eine junge Frau schlägt die Hände vor das Gesicht © Photocase Foto: inkje
Opfer sind ihren Peinigern hilflos ausgeliefert: Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen könnte häusliche Gewalt vermehrt auftreten.

Lagerkoller, Zukunftsängste, Überforderungen: Die Corona-Krise sorgt in den Familien für zunehmende Spannungen. Hamburg bemüht sich schon um zusätzlichen Raum für Frauenhäuser, denn die Befürchtungen steigen, dass häusliche Gewalt zunimmt. Derzeit sind es aber in Deutschland nur Befürchtungen. Zahlen, die einen Anstieg von mehr Übergriffen in der Corona-Krisenzeit beweisen, gibt es noch nicht.

Mehr Zeit führt zu Problemen

Hausarbeiten wie Staubsaugen oder Abwaschen gehen derzeit möglicherweise etwas stressfreier als sonst, denn die meisten haben mehr Zeit und da liegt auch das Problem: keine Arbeit, wenig Platz zu Hause und Kinder, die beschäftigt werden sollen. Der Kriminologe Christian Pfeiffer warnt vor einer zunehmenden häuslichen Gewalt: "Wenn all die Menschen, die kein großes Kapital, kein dickes Konto haben, bemerken, dass ihre Karte kein Geld mehr ausspuckt, geraten sie in Stress, den manche leider mit Alkohol zu bekämpfen versuchen - und schon kann aus der zusammengepferchten Lage des Zusammenlebens Gewalt entstehen."

Letzter Ausweg: Frauenhaus

Eine Frau sitzt im Frauenhaus auf einem Bett © dpa / picture alliance Foto: Maja Hitij
Frauenhäuser bieten akut gewaltbetroffenen oder von Gewalt bedrohten Frauen Schutz - unabhängig von Alter, Einkommen, Aufenthaltstatus oder Herkunft.

Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Dr. Thomas Fischbach rät Familien in der Corona-Krise: Bei Überforderung rechtzeitig Hilfe holen und Wohlfahrtsverbände oder das Jugendamt kontaktieren. Besonders Familien, die schon unter normalen Bedingungen an der Grenze sind, könnten jetzt implodieren.

155.000 Fälle von häuslicher Gewalt pro Jahr gab es schon vor der Corona-Krise - meistens gegen Frauen, erzählt die Leiterin des Weißen Rings in Lübeck Heike Schulz: "Die Angst im häuslichen Bereich geschädigt zu werden, ist etwas Schreckliches, was man kaum aushalten kann, da die eigene Wohnung eigentlich Rückzugsort und Schutzraum ist."

Forderung nach mehr Frauenhäusern

Der Weiße Ring hilft mit Gesprächen und Geld, wenn es zu Gewalt gekommen ist. Doch Frauenhäuser haben kaum noch Platz, berichtet die Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Lübeck Elke Sasse: "Es ist durchaus so, dass die Frauenhäuser schon vor der Corona-Pandemie ausgelastet waren. Noch ist unklar, wie mit einem erhöhten Bedarf umgegangen werden kann."

Auch Natalie Nobitz, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises Steinburg, fordert mehr Platz und mehr Frauenhäuser, um eine Katastrophe zu verhindern. Es ginge aber auch um Prävention: "Man sollte trotz Isolation auch mal nach draußen gehen, möglichst einen Tagesablauf und eine Struktur für den Tag aufbauen, damit man etwas hat, woran man sich entlanghangeln kann."

Zufriedenheit fördern

Mehrere Personen spielen gemeinsam ein Brettspiel. © Picture Alliance Foto: Robert Kneschke
Brettspiele statt Fernsehen: Soweit möglich sollten Eltern sich Zeit für ihre Kinder nehmen und sie sinnvoll beschäftigen.

Die Kleinen dürften nicht vor der Glotze geparkt werden, mahnen Experten wie auch Christian Pfeiffer. Er glaubt aber, dass hierzulande häusliche Gewalt weniger häufig auftreten wird als in anderen Ländern. Der Grund: In Nordeuropa werden Maßnahmen gegen Gewalt in der Familie schon seit Jahren ergriffen, es wird gegen dieses Rollenverhalten angekämpft. Pfeiffer rät: "Es muss zu den Familien, zu den Umgangsformen zurückgekehrt werden, die wir früher hatten: Brett- oder Ratespiele miteinander machen, gemeinsam etwas gestalten. Es geht vor allem darum, die Kinder sinnvoll zu beschäftigen und den Stress in der Familie, der durch brüllende, unzufriedene Kinder entstehen kann, zu reduzieren."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 01.04.2020 | 11:20 Uhr

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