Stand: 18.11.2012 20:35 Uhr  - Hallo Niedersachsen  | Archiv

Gesamtschulen: Das Modell der Zukunft?

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Auch die IGS Göttingen, beste Schule 2011, muss ihre Schüler demnächst ungewollt in zwölf Jahren zum Abitur bringen.

Bunte Hefte liegen über den Tisch verteilt. Sechs 14-Jährige sitzen drumherum und unterhalten sich. Gemeinsam lösen die sechs ihre Matheaufgaben, obwohl sie normalerweise in verschiedenen Gebäuden, verschiedenen Schulen lernen würden. Alltag in der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule Göttingen und an 100 weiteren Gesamtschulen in ganz Niedersachsen. Hier lernen Jugendliche gemeinsam; unabhängig davon, welchen Abschluss sie anstreben. SPD, Grüne und Die Linke wollen diese Schulform deutlich mehr fördern. CDU und FDP hingegen sehen keinerlei Handlungsbedarf bei den Gesamtschulen.

Turbo-Abitur auch für Gesamtschulen

In kooperativen und integrierten Gesamtschulen lernen Schüler von der 5. Klasse bis zum Abitur. Bleibt alles so wie jetzt, werden 2018 die letzten Gesamtschüler ihr Abitur nach insgesamt 13 Schuljahren ablegen. Die heutigen Siebtklässler schreiben ihre Reifeprüfung schon nach zwölf Jahren, wie auf den Gymnasien. Ausnahmen von der Regel wird es mit dem CDU-geführten Kultusministerium voraussichtlich nicht geben. Das zeigt der Streit um das Konzept der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule.

Erfolge für die Schwächeren

Die IGS wurde als beste Schule des Jahres 2011 mit dem Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung ausgezeichnet. "Unser prämiertes Konzept ist in acht Jahren nicht umsetzbar. Wir müssen große Abstriche machen", sagt der stellvertretende Schulleiter Stefan Knapp gegenüber NDR.de. Das Ministerium hält trotzdem daran fest, dass auch die beste Schule des Landes die Schulzeit verkürzt. Auch wenn die Bilanz der Zehntklässler des vergangenen Sommers den Erfolg des Modells aus Göttingen zeigt: Von 17 Hauptschülern sind fünf auf dem Weg zum Abitur, mehr als die Hälfte der 60 Realschüler streben die Hochschulreife an.

Hohe Hürden für die Gesamtschule

"Das Gymnasium darf nicht geschwächt werden" ist die ausgegebene Parole der Christdemokraten. Sie wollen die Diskussion um das Schulsystem nach jahrelangem Hin und Her beenden, damit Schüler, Lehrer und Eltern endlich Ruhe haben. Bei den Gesamtschulen soll alles so bleiben wie es ist. Das bedeutet: Abitur nach zwölf Jahren; neue Schulen nur, wenn dadurch keine anderen weiterführenden Schulen gefährdet werden. Außerdem müssen neue Gesamtschulen Fünfzügigkeit garantieren, das heißt mindestens fünf Klassen im gleichen Jahrgang führen.

Wie funktionieren Gesamtschulen?

Jugendliche können von der 5. Klasse an Gesamtschulen besuchen. Die derzeitigen Siebtklässer werden ihr Abitur als Erste nach zwölf Schuljahren ablegen - bis 2018 gehen Abiturienten auf Gesamtschulen noch 13 Jahre zur Schule. Besonders viel Wert wird auf soziale Kompetenz gelegt. So arbeiten die Jugendlichen oft in Gruppen oder in Freiarbeit an Projekten. Die Schulform teilt sich in zwei verschiedene Modelle: kooperative und integrierte Gesamtschulen.

Kooperative Gesamtschulen: In ihnen gehen die Schüler zwar in die gleiche Schule, aber in getrennte Klassen. Realschüler lernen also hauptsächlich unter sich, treffen jedoch beispielsweise in Sport oder Musik auf Gymasiasten und Hauptschüler.

Integrierte Gesamtschulen: Hier werden Jugendliche aus allen Schulformen in allen Fächern gemeinsam unterrichtet. Ziel ist es, dass schwächere und stärkere Schüler voneinander lernen. Trotzdem bekommen die Jugendlichen auch unterschiedliche Aufgaben - entsprechend ihrem Leistungsstand. Allerdings müssen die Schüler laut Kultusministerium in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften spätestens ab der 9. Klasse nach Niveaus getrennt lernen. Ab dann bekommen die Kinder auch erst Noten und nicht mehr Lernentwicklungsberichte. Niemand kann sitzenbleiben. Realschüler, die sich nach der 10. Klasse entscheiden, das Abitur zu machen, müssen zunächst ein Jahr lang eine Einführungsklasse besuchen - und erlangen daher auch nach 2018 erst nach 13 Jahren ihre Hochschulreife.

Oberschule anstatt Gesamtschule

Unter Ministerpräsident McAllister (CDU) hatte die Regierung in dieser Legislaturperiode die Oberschule als neue Schulform eingeführt - GEW und viele Eltern empfanden sie als überflüssig. Lieber wäre ihnen gewesen, die vorhandenen Gesamtschulen zu fördern. Auf dem Papier stehen die Christdemokraten dem nicht im Weg: "Dort, wo ausreichend viele Eltern dies (die Einrichtung einer neuen Gesamtschule, Anm. der Redaktion) wünschen, können sie auch zukünftig eingerichtet werden" - jedoch immer unter den aktuellen Anforderungen. So sieht das auch die FDP. Sie ist bekennender Fan des Gymnasiums und will sich laut Wahlprogramm "uneingeschränkt und kontinuierlich für deren Erhalt" einsetzen.

Opposition will Gesamtschulen fördern

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Inklusion ist für integrierte Gesamtschulen nichts Neues: Hier lernen alle gemeinsam - auch körperlich oder geistig beeinträchtigte Kinder.

SPD und Die Linke meinen jedoch, der Wunsch der Eltern werde im Moment ignoriert. An der IGS Göttingen sieht man das genauso. "Der Bedarf in Göttingen ist riesig", bestätigt der stellvertretende Direktor Knapp. Seine Schule musste zu Beginn des Schuljahrs 140 Schüler abweisen - fast genauso viele, wie sie aufnehmen konnte. Die Grünen sprechen gar davon, dass Gesamtschulgründungen derzeit verhindert würden. Alle drei Parteien wollen daher Gesamtschülern das Abitur nach 13 Jahren zurückgeben und auch kleine neue Schulen erlauben.

Gesamtschule für alle

Die Linke und die Grünen gehen noch weiter: Gesamtschulen sollen den anderen Schulformen gleichgestellt werden - also Oberschulen oder Gymnasien ersetzen dürfen. Die Linke plädiert gar für einen Rechtsanspruch auf einen Gesamtschulplatz und "die IGS für alle Kinder mindestens bis Klasse 10." Auch die Grünen wollen alle Schüler gemeinsam unterrichten - bis zur neunten Klasse. "Wie erfolgreich gemeinsames Lernen aller Kinder und Jugendlichen ist, beweisen die mit Preisen ausgezeichneten niedersächsischen Gesamtschulen", schreibt die Partei in ihrem Wahlprogramm. Da sich die Idee der Schule für alle nicht mit dem Holzhammer umsetzen lasse, wollen die Grünen in der kommenden Legislaturperiode zumindest in diese Richtung gehen. Die IGS in Göttingen würde sich darüber freuen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 18.11.2012 | 19:30 Uhr

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