Stand: 12.03.2020 17:20 Uhr

Wenn Umwelt-Aktivisten "klimakrank" werden

von Marika Williams
Psychologinnen und Psychologen von "Psychologists for Future" demonstrieren auf der Straße. (Foto: Florian Krimmer) © NDR Foto: Florian Krimmer
Als "Psychologists for Future" schlossen sich 2019 Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten zusammen.

Hunderte Klimaaktivistinnen und -aktivisten zieht es zu "Fridays for Future"-Demo auf die Straßen, auch in Hannover. Seit mehr als einem Jahr demonstrieren Jugendliche und Erwachsene in Niedersachsen und weltweit für mehr Klimaschutz und fordern zu politischem Handeln auf. Seitdem stehen sie im Fokus - gesellschaftlich, politisch sowie medial. Das kann belastend sein. Wie sehr setzen die Klimakrise und das intensive Engagement die Klimaschützerinnen und Klimaschützer psychisch unter Druck?

Ein Gefühl von Ohnmacht und Trauer

Bei einer Klimaschutz-Veranstaltung in Hannover erzählen Teilnehmende, warum sie sich durch den Klimawandel und ihren Aktivismus psychisch belastet fühlen. "Die Ohnmacht, die ich empfinde, wenn ich abgestorbene Wälder oder das Artensterben sehe, löst eine Trauer aus. Das bedeutet auf jeden Fall auch psychischen Druck", sagt Anna-Lena. Die 32-Jährige ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz Universität Hannover und setzt sich in mehreren Gruppen für den Umweltschutz ein.

"Nicht wenige, die klimakrank werden"

"Mein komplettes Leben bestand aus Aktivismus", berichtet die 21-jährige Momo. Schlussendlich habe sie sich emotional so stark belastet gefühlt, dass sie ihr Studium abbrach. Eine Situation, die Maximilian nachvollziehen kann. Der 23-Jährige studiert Geowissenschaften und engagiert sich in der Umweltschutzbewegung "Extinction Rebellion". "Es gibt nicht wenige, die klimakrank werden", sagt er. "Ich habe auch dazugehört."

"Psychologists for Future" will helfen

Zwei Psychotherapeutinnen stehen in ihrer Praxis. © NDR Foto: Marika Williams
Psychotherapeutin Monika Krimmer (r.) und ihre Kollegin Jennifer Browne (l.) geben Workshops für Klimaaktivistinnen und -aktivisten.

Im Mai vergangenen Jahres gründeten sich die "Psychologists for Future" (Psy4F). Das Netzwerk aus Psychologinnen und Psychologen, Psychotherapeutinnen und -therapeuten ist bundesweit aktiv. Ihrer Überzeugung nach ist die Klimakrise auch eine psychologische Krise. Monika Krimmer ist Psychotherapeutin in Hannover und Teil von Psy4F. "Bei diesem Klimawandel, der rasanter fortschreitet, als ihn die Wissenschaftler vorausgesagt haben, tritt als ganz normales Phänomen eine Besorgtheit auf", so Krimmer. Um gegen diese Besorgtheit vorzugehen, bietet Psy4F Klimaschützern psychologischen Beistand an, zum Beispiel durch kostenlose Workshops. Zusammen mit ihrer Kollegin Jennifer Browne leitet Krimmer so einen Workshop.

Workshop gegen psychischen Druck

Bei dem rund einstündigen Workshop sitzen die Teilnehmenden in einem Sitzkreis auf dem Boden und erzählen von ihren Sorgen und Ängsten. Zum Beispiel von der Angst, nicht genug für den Umweltschutz bewirken zu können. Hinzu komme die doppelte Belastung durch das öffentliche Engagement einerseits und alltägliche Verpflichtungen wie Schule oder Studium andererseits. Darüber hinaus sprechen die Teilnehmenden von Konflikten mit Familienangehörigen und Freunden, die ihrer Ansicht nach nicht umweltbewusst leben oder die den Klimawandel leugnen.

Hilfe durch Erfahrungsaustausch

Die beiden Psychotherapeutinnen geben den Teilnehmenden Tipps: Tagebuch schreiben, Sport treiben, Achtsamkeitsübungen machen. "Sich zu engagieren heißt auch, für sich selbst zu sorgen", sagt Krimmer. Die Workshops sollen dazu dienen, persönliche Grenzen zu erkennen und besser mit den eigenen Ressourcen hauszuhalten. Dabei versuchen sich die Teilnehmenden durch Selbstreflexion und den Erfahrungsaustausch innerhalb der Gruppe gegenseitig zu unterstützen.

Klimaangst übertrieben?

Dass hinsichtlich der Frage nach einem psychischen Druck bei Klimaaktivistinnen und -aktivisten auch Skepsis herrscht, weiß Krimmer: "Es gibt durchaus eine Tendenz, die Klimaangst als überspitzt darzustellen und dadurch von der Klimakrise abzulenken." Ihrer Ansicht nach ist die Klimaangst aber "völlig angemessen", zumal "wahrscheinlich nur noch zehn Jahre Zeit sind, das Allerschlimmste zu vermeiden".

Klimakrise nicht alleiniger Grund

Kurt Weit ist gelernter Architekt, arbeitet aber seit zehn Jahren als Vollzeit-Aktivist. Er sieht den Hauptgrund für eine psychische Belastung nicht nur in der Klimakrise selbst. Ihm zufolge wirkt sich besonders die mediale Berichterstattung über den Klimawandel negativ auf die Psyche aus. Die Medien würden das Thema dramatisieren und emotionalisieren, statt über die Probleme zu informieren: "Junge Menschen bekommen dadurch negativen Input", so der 56-Jährige.

"Gerade junge Leute haben Bedarf"

Bei den Workshop-Teilnehmenden kommt das Angebot der Psy4F gut an. Aktivistin Anna-Lena hat selbst schon einen der Workshops besucht: "Ich finde das eine total sinnvolle Maßnahme. Gerade junge Leute haben den Bedarf." Auch Maximilian sieht darin eine gute Sache. Zugleich findet der Umweltschützer es wichtig, dass Aktivistinnen und Aktivisten aufgrund des psychischen Drucks nicht resignieren, sondern aktiv bleiben. Bundesweit gab es bisher 40 Workshops mit rund 550 Teilnehmenden, davon fanden sechs in Niedersachsen statt. Weitere sind geplant.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 13.03.2020 | 10:00 Uhr

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