Stand: 08.08.2019 10:17 Uhr

"Tag der Fische": Wie geht's Euch da unten?

Seit etwa 485 Millionen Jahren gibt es Fische oder Vorläufer dieser Spezies auf der Erde. Doch die Zeiten sind nicht gut für die aquatisch lebenden Wirbeltiere, die durch Kiemen atmen. Einige Stichworte: Überfischung, Klimawandel, Plastikmüll. Am 22. August gibt es seit mittlerweile zwölf Jahren den "Tag der Fische" - Anlass für NDR.de, einmal nachzufragen, wie es den Fischen in Niedersachsen denn eigentlich so geht bei all den Widrigkeiten.

Weniger Aale, Karauschen und Stinte

Die Fischfauna der niedersächsischen Binnengewässer umfasst nach Angaben des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) derzeit 62 Arten. "Am weitesten verbreitet sind Arten, die relativ anpassungsfähig sind und daher in verschiedenen Gewässertypen und unter unterschiedlichsten Bedingungen geeignete Lebensräume vorfinden", sagte eine Sprecherin. Dazu zählen Rotauge, Brasse, Gründling und Flussbarsch. In jüngster Zeit seien Bestandsrückgänge vor allem bei Aalen, Karauschen und Stinten zu verzeichnen.

Sechs Arten ausgestorben

Wirklich aktuelle Zahlen zum Bestand der Fische in Niedersachsen gibt es nicht. Die vorerst letzte Erhebung des Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ist über zehn Jahre alt. Damals, 2008, waren von insgesamt 55 Arten 29 gefährdet; dazu sechs ausgestorben. Die Gründe: "Generell sind die Bestände betroffen von Flussbegradigungen und Vertiefungen, vom Bau von Wehren und Staustufen, vom Verlust vielfältiger Auenbereiche sowie vom Eintrag diverser Stoffe, etwa Nitrat und Salz", heißt es vom Naturschutzbund (NABU) Niedersachsen. Dazu kommt Mikroplastik - laut NABU "inzwischen allgegenwärtig in Flüssen, aber auch im Meer". Nachgewiesen worden seien Partikel bereits in Fischen, Krebsen und Muscheln.

Kormorane machen Äschen zu schaffen

Seit Mitte der 1990er-Jahre haben sich zudem immer mehr Kormorane im Land ausgebreitet. Deren Leib- und Magenspeise: Fisch. Vor allem Äschen leiden unter den Wasservögeln. "In Niedersachsen sind vielfach nur noch kleine Laichfischbestände mit geringem Reproduktionserfolg zu finden", sagte die LAVES-Sprecherin. Der Süsswasserfisch sei "daher stark gefährdet". Rund 31 Tonnen Fisch fressen Kormorane pro Jahr allein aus dem Dümmer, wie der Anglerverband Niedersachsen (AVN) NDR.de mitteilte. Dies führe zum massiven Rückgang heimischer Fischarten wie dem Zander in dem See im Landkreis Diepholz. Insgesamt aber, auch das soll erwähnt sein, geht es dem Zander laut AVN in Niedersachsen gut.

"Globalisierungsgewinner" konkurrieren mit heimischen Arten

Der AVN nennt ein weiteres Problem: die Ausbreitung invasiver Arten in Niedersachsen. Stammen sie aus wärmeren Gebieten, kommen ihnen die steigenden Temperaturen zugute. Sie fühlen sich auch in niedersächsischen Gewässern wohl - und heimische Arten müssen mit ihnen um Nahrung konkurrieren. Ein Beispiel für solche "Globalisierungsgewinner" sei die Schwarzmundgrundel, die sich durch das Ballastwasser der internationalen Schifffahrt vom Schwarzen Meer aus weltweit ausgebreitet habe. Auch die Kessler- und Marmorgrundel haben sich laut LAVES ausgebreitet, ihr Bestand wächst. Der AVN fordert eine Reduktion invasiver Arten - und auch des Kormorans.

Was, wenn es immer wärmer wird?

Dann blieben jedoch immer noch die Folgen des Klimawandels. Diese sind bekanntermaßen äußerst vielfältig. Hier nur ein paar Beispiele: Direkt sichtbar und spürbar sind heiße und trockene Perioden wie im Sommer 2018. Auch der Juli 2019 hat wenig Niederschlag gebracht. Der Wasserstand der Seen sinkt, manche Gewässer fallen gar trocken. Und wenn Landwirte ihre Felder beregnen, weil zu lange kein Wasser von oben gekommen ist, verstärkt dies laut AVN das Problem: Der Grundwasserspiegel und die Pegelstände der Seen gingen noch weiter nach unten. Hohe Wassertemperaturen führten außerdem zu Sauerstoffmangel. Und einige Fischarten könnten die höheren Temperaturen ganz einfach nicht ab - lokales Aussterben sei die Folge.

Pro Jahr 15 Kilo Fisch frisch auf den Tisch

Das Fischereiamt Bremerhaven verweist darüber hinaus auf die Schifffahrt, die Verklappung von Baggergut oder Produkten aus Industrie- und Landwirtschaft sowie den Aufbau von Leitungsnetzen - alles Faktoren, die den Fischen im Meer zu schaffen machen. Dort haben die Tiere laut Umweltschützern auch mit der Überfischung zu kämpfen - immerhin 15 Kilogramm Fisch verzehre jeder Deutsche statistisch im Jahr, so der NABU. Auch wenn der nicht nur aus Deutschland stammt, fordern die Naturschützer seit längerem Fanggeräte, die den sogenannten Beifang vermeiden; außerdem zeitliche und räumliche Sperrzonen.

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"Überfischung ist Vergangenheit"

Das sehen diejenigen, die vom Fischfang leben, naturgemäß etwas anders. Nach Einschätzung der Deutschen Kutter- und Küstenfischer werden die Fischbestände der Nordsee weitgehend nachhaltig bewirtschaftet. "Die Überfischung ist Vergangenheit, auch wenn es bei einzelnen Arten immer wieder Bewirtschaftungsprobleme geben kann", sagte ein Verbandssprecher Anfang Juli in Hamburg. Ähnlich sieht es der niedersächsische Anglerverband, der auf die regelmäßige Anpassung der Fischereiquoten verweist. "Allgemein gelten die Meere der EU - und damit auch die Nordsee - als stark genutzt, aber nicht als stark überfischt", heißt es vom AVN. In den Binnengewässern gebe es ebenfalls kaum Überfischung. Diese Gewässer würden überwiegend von gemeinnützigen Angelvereinen "unter dem Leitbild der Nachhaltigkeit" bewirtschaftet. Die Vereine sind demnach sogar gesetzlich verpflichtet, einen naturnahen Fischbestand zu erhalten.

Karpfen und Wels auf dem Vormarsch

Und es gibt auch gute Nachrichten - wenn auch die Begründung eher kein Grund zur Freude ist: Bei einzelnen Arten wie Karpfen und Wels wurden laut LAVES deutliche Bestandszunahmen und Ausbreitungen registriert. "Karpfen und Wels profitieren als wärmeliebende Arten offensichtlich von den steigenden Wassertemperaturen infolge des Klimawandels", hieß es.

Niedersachsens Gewässer sind sauberer als früher

Zudem hat sich - bei aller Diskussion um Vermüllung - nach Angaben des AVN die Wasserqualität über die vergangenen Jahrzehnte deutlich verbessert. Abwasser aus Industrie und Haushalten werde konsequenter gereinigt, zudem seien Grenzwerte für Verunreinigungen verschärft worden. Fisch aus fast allen Gewässern könne daher ohne Bedenken gegessen werden, wenn es auch weiterhin Lösungen brauche, etwa für Rückstände aus Medikamenten im Wasser. Die Botschaft der Angler: "Fisch aus heimischen Binnengewässern gilt als besonders gesundes und nachhaltiges Lebensmittel."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 22.08.2019 | 08:00 Uhr

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