Stand: 21.08.2020 07:21 Uhr

Corona als Faktor? Wo häusliche Gewalt zunimmt

Ein Schattenspiel von sich streitenden Menschen. © picture alliance Foto: Maurizio Gambarini
Experten vermuten bei Fällen häuslicher Gewalt eine hohe Dunkelziffer. (Themenbild)

Die Zahl der Frauen, die von ihrem Partner lebensgefährlich bedroht werden, hat sich in Osnabrück während der Corona-Pandemie verdoppelt. Die Osnabrücker Frauenberatungsstelle verzeichnet derzeit zwei sogenannte Hochrisikofälle pro Woche. Sonst sei es im Schnitt einer. Die "Neue Osnabrücker Zeitung" hatte zuerst darüber berichtet. Auch die Anlaufstellen im Emsland und in der Grafschaft Bentheim verzeichnen nach NDR Recherchen einen deutlichen Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt.

Hameln musste 52 Frauen abweisen

Im Frauenhaus in Hameln hat man ähnliche Erfahrungen gemacht. Es habe deutlich mehr Anfragen gegeben, so Mitarbeiterin Katrin Meister auf Nachfrage von NDR 1 Niedersachsen. Das Haus mit seinen elf Familien-Plätzen sei immer ausgebucht, deshalb habe man seit Anfang März 52 Frauen abweisen beziehungsweise an andere Frauenhäuser verweisen müssen. Das seien deutlich mehr als in früheren Jahren, sagte Meister.

Die Anfragen kommen erst jetzt

Die vier Frauenhäuser in Stadt und Region Hannover haben bislang keinen Anstieg zu verzeichnen. Und auch bei den Beratungsstellen BISS in der Region Hannover gab es im Verhältnis zum vergangenen Jahr nur leicht gestiegene Zahlen von 502 auf 512 Fälle. Allerdings hätten sich während der Shutdowns im März/April auch viel weniger Frauen als sonst bei den Beratungsstellen gemeldet. Seit Juni aber sei die Zahl stark gestiegen, sagte eine Regionssprecherin dem NDR. Aktuell liege die Zahl der Anfragen deutlich über der des Vorjahres.

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Anstieg auch für Wolfsburg erwartet

Auch die Beratungsstelle und das Frauenhaus in Wolfsburg gehen für die Zukunft von einem Anstieg der Fälle häuslicher Gewalt aus. Noch sei zwar kein Anstieg zu verzeichnen, aber viele Frauen würden sich wahrscheinlich erst in den kommenden Wochen melden, vermutet Wolfsburgs Gleichstellungsbeauftragte Antje Bienek.

Bis Mitte Mai rückläufige Zahlen

Mitte Juli hatte das Justiz- und Sozialministerium in Niedersachsen mit Verweis auf eine Antwort der Landesregierung bekannt gegeben, dass es in den Monaten von März bis Mitte Mai in Niedersachsen bei Fällen häuslicher Gewalt einen Rückgang der Fallzahlen um 11,7 Prozent gegeben habe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 20.08.2020 | 14:30 Uhr

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