Stand: 13.10.2019 19:42 Uhr

Fall "Maramures": Auslandsprojekte sind umstritten

von Holger Bock, Marie-Caroline Chlebosch und Claudia Wohlsperger

Auslandsprojekte für besonders aggressive oder straffällige Jugendliche geraten immer wieder in die Kritik. Zuletzt machte "Maramures", ein Jugendprojekt des niedersächsischen Trägers Wildfang GmbH in Rumänien, Schlagzeilen: Der deutsche Leiter des Heims und mehrere Mitarbeiter wurden festgenommen. Die Vorwürfe: Sklaverei, Gewalt und Menschenhandel. Die rumänische Staatsanwaltschaft holte mehrere Jugendliche aus dem Projekt und nahm sie in ihre Obhut. Zwei Jugendliche sind offenbar noch immer dort. Einer kommt aus dem Landkreis Aurich. Wie das Sozialministerium jetzt mitteilte, soll er bald zurück nach Deutschland kommen. Die 54 Jugendämter in Niedersachsen sind beim Thema Auslandsprojekte gespalten: 30 Jugendämter bewerten die Projekte für einzelne schwierige Kinder und Jugendliche als sinnvoll. Jedes dritte Jugendamt lehnt es dagegen ab, Jugendliche im Rahmen der Intensivpädagogik ins Ausland zu schicken.

Der Sprung zurück nach Deutschland ist schwer

Zehn Jugendliche hatte Wildfang mit Sitz in Bothel (Landkreis Rotenburg) im Auftrag von niedersächsischen Jugendämtern im "Maramures"-Projekt in Rumänien untergebracht. Fünf von ihnen sind bis heute dort. Neben dem Jugendlichen aus Aurich, der in Obhut genommen wurde, sind es vor allem die, die bleiben wollten, zum Beispiel aus dem Landkreis Cuxhaven. Andere Jugendliche wurden zurückgeholt, unter ihnen auch die 18-jährige Melissa. Das Jugendamt Leer hatte schnell gehandelt, nachdem die Vorwürfe bekannt wurden. Melissa war darüber nicht erfreut: "Warum soll ich zurück nach Deutschland? Ich habe mein Leben hier in Rumänien und das wird mir nun weggenommen", sagte sie dem NDR. Genau das ist ein Problem, argumentieren viele Jugendämter in Niedersachsen, die diese Maßnahmen kritisch sehen. Die Jugendlichen kehren zum Teil nach mehreren Jahren im Ausland zurück nach Deutschland, die Pädagogen und Bezugspersonen bleiben dort. Der Sprung zurück in die deutsche Gesellschaft sei für viele der Jugendlichen schwer und funktioniere nur, wenn er engmaschig betreut werde. Das sei oft eine große Herausforderung.

Kontrollen und Gesetzeslage schwierig

Außerdem beklagen die Kritiker: Für die Jugendlichen im Ausland gelten die Gesetze des jeweiligen Besuchslandes. Das Jugendamt Braunschweig hat deshalb bereits vor mehr als zehn Jahren davon Abstand genommen. Jugendamtsleiter Martin Albinus berichtet von einem Fall, in dem ein Kind in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Russland zurückgeholt werden musste. Die dortige Polizei habe es beim Klauen erwischt und ihm zehn Jahre im Arbeitslager angedroht. Dieser Vorfall markierte den Wendepunkt für das Braunschweiger Jugendamt, das seither verhaltensauffällige Jugendliche ausschließlich im Inland unterbringt. Etwa ein Drittel der 54 niedersächsischen Jugendämter lehnt die Auslandsprojekte grundsätzlich ab: wegen der rechtlichen Lage im Ausland und der schwierigen Rückkehr der Jugendlichen. Aber auch, weil es schwer ist, Kontakt zu den Jugendlichen zu halten und die Projekte hinreichend zu kontrollieren, argumentieren die Jugendlichen. Wissenschaftler Torsten Fischer von der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Berlin forschte bereits vor zehn Jahren zum Thema Intensivpädagogik im Ausland. In einer Studie für das Bundesfamilienministerium hat er bis 2013 80 Auslandsprojekte untersucht - keines davon habe die gesetzlichen Vorgaben eingehalten, urteilte er.

Jugendliche berichten unterschiedlich über Erfahrungen

Auch aus dem Auslandsprojekt in Rumänien gibt es unterschiedliche Erfahrungsberichte. Während Melissa gern dorthin zurück will, beschreibt Sebastian K. seine Zeit dort ganz anders. Er kam 2009 in das Projekt Maramures, mit 14 Jahren. Er erinnert sich an gewaltsame Strafen. Er sei zum Beispiel geschlagen worden. So lange, bis er sich entschuldigt habe. Seine Erinnerungen an die Zeit lassen sie heute nur schwer überprüfen. Der Geschäftsführer des Jugendhilfe-Trägers Wildfang, Dirk Precht, widerspricht. Wer schlägt, der fliegt, das wisse jeder Betreuer, sagt Precht dem NDR. Und auch die zuständige Behörde, das Jugendamt der Region Hannover, lägen keine Informationen über solche Vorkommnisse vor. Gebracht hat das Projekt Sebastian nach eigenen Angaben aber nichts. Auch nach seinem Aufenthalt in Rumänien vor rund zehn Jahren ist er wegen Körperverletzung auffällig gewesen, erst eine Drogentherapie habe geholfen. In Niedersachsen hält aber auch knapp jedes zweite Jugendamt Auslandsprojekte als letztes Mittel der Jugendhilfe für sinnvoll. Die Recherche von NDR Niedersachsen hat ergeben, dass sich derzeit 62 Kinder und Jugendliche in solchen Projekten befinden, verteilt über die ganze Welt: In Polen und Rumänien, aber auch in Schweden, Lettland und Nicaragua.

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Letztes Mittel für "Systemsprenger"

Für die Jugendämter geht es um Hilfen für sogenannte Systemsprenger: Jugendliche, die schon mehrere Einrichtungen im Inland besucht haben und bei denen die Hilfen gescheitert sind oder abgebrochen werden mussten. Jugendliche, die trotz Jugendhilfe im Inland weiter aggressiv, drogenabhängig oder straffällig wurden. Aus dem Jugendamt Helmstedt heißt es zum Beispiel: Einen Jugendlichen ins Ausland zu schicken komme dann infrage, "wenn ein junger Mensch bereits häufig in anderen Einrichtungen gescheitert ist und dadurch mit den standardisierten Mitteln der Jugendhilfe nicht mehr zu erreichen ist. Eine Auslandsmaßnahme ist dann eine Möglichkeit, eine negativ verlaufende Spirale zu durchbrechen und dem Jugendlichen neue Entwicklungsperspektiven zu geben." Die Jugendlichen würden aber nicht gegen ihren Willen ins Ausland geschickt. Es bedürfe ihrer und der Zustimmung des Erziehungsberechtigten. Alle sechs Monate führen die Jugendämter Hilfeplangespräche mit den Jugendlichen, den Erziehungsberechtigten, den Trägern und ihren Betreuern - vor Ort im Auslandsprojekt, im Jugendamt oder per Videokonferenz. Wenn es nach dem niedersächsischen Sozialministerium geht, fänden die Gespräche künftig nur noch persönlich statt. Laut Staatssekretär Heiger Scholz will sich Niedersachsen dafür einsetzen, dass das als Regel im Kinder- und Jugendhilferecht verankert wird. Es soll im kommenden Jahr ohnehin novelliert werden.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 13.10.2019 | 19:30 Uhr

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