Stand: 08.11.2019 08:32 Uhr

"Das beste Deutschland, das es je gab"

von Christina von Saß

Ich bin unterwegs auf einer besonderen Reportage-Reise, 30 Jahre nach dem Mauerfall. Mein Kollege vom MDR, Stefan Bernschein, fährt durch Niedersachsen. Und ich erkunde als Journalistin aus Hannover Sachsen-Anhalt. Mit einem NDR Kamerateam und meinem Co-Autoren Frank Baebenroth. Wir machen eine Art Rundreise durch das Bundesland, das auf der östlichen Seite an Niedersachsen grenzt. Wir werden unter anderem in die Altmark reisen, in die Landeshauptstadt Magdeburg und in den Nationalpark Harz, der sich über beide Länder erstreckt. Die ehemalige Grenze überqueren wir passenderweise in Marienborn, dem ehemals wichtigsten deutsch-deutschen Grenzübergang. Unsere erste Station führt uns nach Bitterfeld.

NDR Moderatorin Christina von Saß (2.v.l.) und mehrere Mitglieder der Bergwacht im Harz lachen in die Kamera. © NDR Foto: Christina von Saß

Was uns trennt, was uns verbindet

30 Jahre grenzenlos - Wir im Norden. Wie erlebt eine Niedersächsin die Stimmung im Osten? Und wie ein Sachsen-Anhalter den Westen? Ein NDR-MDR-Projekt zum 30. Jahrestag des Mauerfalls.

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Unveröffentlichte Privataufnahmen

"Hier is' er! Der Schönste und der Fleißigste", ruft der Mann in die Kamera und tänzelt fröhlich von einem Bein aufs andere. Er taucht in einem fast 30 Jahre alten Videofilm auf, der Zeugnis ablegt über eine untergegangene Welt. Die bislang unveröffentlichten Privataufnahmen zeigen den Alltag im VEB Braunkohle-Kombinat in Bitterfeld, dem "Volkseigenen Betrieb" - den eben jenes Volk nur Wochen später selbst abwickeln musste. Kabel rausschneiden, das Inventar zur Verschrottung bringen und die Fabrikgebäude abreißen.
Es wäre so, als wenn ich meinen Arbeitsplatz eigenhändig abbauen und zum Schrottplatz tragen müsste.

Dufte Kumpels im VEB Braunkohlekombinat

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Erinnerungen: Wo heute Solarfelder sind, stand früher eine Braunkohle-Fabrik.

Ich stehe dort, wo früher die Braunkohle-Fabrik war und heute nur noch Solarfelder zu sehen sind, kilometerweit. Drei ehemalige Kombinatsmitglieder und ich beugen uns über das Tablet, das uns in die ferne Zeit führt. Thomas Fischer - der Mann, der das Video gedreht hat - erzählt von seinem Arbeitsalltag damals: "Es war sicherlich der Arbeitsplatz. Man musste arbeiten. Aber es war auch ein Miteinander, auch wenn die Bedingungen schwierig waren. Es waren eben dufte Kumpels und das war das Wichtigste!"

Aus dreckigster Stadt Europas wurde Naturparadies

Bitterfeld steht - jenseits der Klischees - besonders eindrücklich für den grundlegenden Wandel, den Ostdeutschland durchgemacht hat. Der Ort, der mit qualmenden Schloten und verseuchten Flüssen einst als dreckigste Stadt Europas galt, ist eine Art Naturparadies geworden. Mit dem Großen Goitzschesee, der durch die Flutung des ehemaligen Braunkohle-Tagebaus entstanden ist. Wenn man hier abends am Yachthafen sitzt, wähnt man sich eher an der Côte d'Azur als im ehemaligen Zentrum der Chemieindustrie der DDR.

AfD ist zweitstärkste Fraktion - Spurensuche im Magdeburger Landtag

Weitere Informationen
NDR Fernsehen

Was uns trennt, was uns verbindet

09.11.2019 12:45 Uhr
NDR Fernsehen

Was verbindet und was trennt die Menschen in Ost- und Westdeutschland? Diese Frage scheint auch 30 Jahre nach dem Mauerfall aktueller denn je zu sein. Die Sendung geht dieser Frage nach. mehr

Hier sind durch die Wende viele Arbeitsplätze verloren gegangen, im Chemiepark aber auch neue entstanden. Dennoch hat die AfD in Bitterfeld bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2016 31,9 Prozent erzielt. So viel wie nirgendwo sonst in Sachsen-Anhalt. Auf Landesebene hat die Partei bei der Wahl 24,3 Prozent erreicht: viermal so viel wie in Niedersachsen. Auch in anderen ostdeutschen Ländern haben die jüngsten Wahlen der AfD starke Gewinne gebracht. Warum ist das so? Ich mache mich auf den Weg nach Magdeburg, in den Landtag.

"Demokratie ist anstrengend"

Ich treffe Willi Polte, den langjährigen Oberbürgermeister der Stadt. Seit 59 Jahren ist der Mann in der SPD. Bis zur Wende konnte er nur heimlich Mitglied sein. Denn anders als die sogenannten Blockparteien - wie zum Beispiel die Ost-CDU - war die Sozialdemokratische Partei in der DDR keine eigenständige Partei, sondern mit der KPD zur SED zwangsvereinigt. 30 Jahre nach der Wende hat die SPD bei der letzten Landtagswahl gerade mal 10,6 Prozent geholt. Warum seine Partei nur noch wenige Menschen erreicht, ist eine Frage, die den 81-Jährigen selbst umtreibt. "Demokratie ist anstrengend", sagt er mir. Lange Entscheidungsprozesse, komplizierte Kompromisse, viele Beteiligte, die bei einem Thema mitreden dürften. "All das macht Unmut", meint Willi Polte. "Weil man eben gewöhnt war: Zack, zack, es wird gehandelt, in einer Diktatur!"

Verzerrte Wahrnehmung der Realität und nachgeholter Widerstand

Dann bin ich mit zwei Abgeordneten der AfD verabredet. Und nehme erstaunt zur Kenntnis, dass mein Gesprächspartner, Mario Lehmann, sich wieder in der DDR wähnt. Er vergleicht die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, die "Aktuelle Kamera", mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Früher habe man den Klassenstandpunkt auswendig lernen müssen, heute dürfe man nicht vom Mainstream abweichen. Es gipfelt darin, dass er AfD-Anhänger mit den im Nationalsozialismus verfolgten Juden vergleicht: "1933 hieß es - kauft nicht beim Juden. Und heute heißt es - bedient keine AfDler!"

Willi Polte: "Das beste Deutschland, das es je gab!"

Willi Polte hat mich zu dem Treffen begleitet. Für ihn ist das nicht nur eine völlig verzerrte Wahrnehmung der Realität - er sieht bei vielen AfD-Anhängern auch eine Art "nachgeholten Widerstand", der in der Diktatur eben nicht geleistet wurde. Er sieht das Erstarken von Rechtspopulisten als Gefahr für die Demokratie: "Heute haben wir das beste Deutschland, das es je gab. Das heißt aber auch: Wir müssen auf der Hut sein, dass es so bleibt! Diese Herausforderung, die müssen wir jeden Tag aufs Neue bestehen."

Drohungen gegen Ex-Bürgermeister in Tröglitz

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Markus Nierth bekam Morddrohungen, als er sich gegen fremdenfeindliche Hetze stellte.

Wie eine solche Herausforderung konkret aussehen kann, erfahre ich auf meiner nächsten Station, in Tröglitz im Burgenlandkreis. Es liegt im Süden von Sachsen-Anhalt, ebenso wie Halle und Benndorf, der Ort, aus dem der mutmaßliche Attentäter von Halle kommt. Markus Nierth, der ehemalige Ortsbürgermeister von Tröglitz, stellte sich gegen fremdenfeindliche Hetze, nachdem 2015 ein geplantes Flüchtlingsheim angezündet worden war. Seitdem erhält er Morddrohungen. Besonders enttäuscht hat ihn, dass viele Bürger im Ort ihm nicht beistanden: "Sobald es nicht ein deutlich erkennbares Gegengewicht zu braunen Motzern und Hetzern gibt, wird die Mitte sich nach den Rechten richten. Und deswegen sind viele Landstriche bei uns in großer Gefahr."

"Sehnsucht nach autokratischen Strukturen"

Markus Nierth ist selbst in der DDR geboren und aufgewachsen - er sieht den Rechtsruck auch begründet im Verdrängen und Verklären von DDR-Vergangenheit. Das vielbemühte Argument der "Protestwahl" und ökonomische Unterschiede zwischen Ost und West hält er für Scheingründe. Er habe erlebt, dass es vielen "wütenden Protestierern" finanziell gut gehe. Dass sie sich aber nach "autokratischen Strukturen" sehnten, weil ihnen diese vertraut seien.

Wiedervereinigung der Bergwacht im Osten und Westen war unkompliziert

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Die Harzer Bergretter aus Ost und West haben schnell zusammengefunden.

Eine unserer letzten Stationen führt das NDR Team und mich in den Harz. Den Kopf durchpusten. Mit Sandra Giebel mache ich mich auf den Weg zum höchsten Punkt in Sachsen-Anhalt: auf den Brocken. Die 41-Jährige ist ehrenamtliche Bergretterin. Sie nimmt mich mit zur Station der Bergwacht, eine von zehn im gesamten Harz. Ost und West sind hier früh zusammengerückt - ziemlich geräuschlos sogar, erzählt Sandra Giebel: "Wir sollten aufeinander zugehen und haben es einfach gemacht!"      

Mit dem "Trabbi" die Welt erkundet

Zur Bergwacht gebracht hat sie ihr Vater, Volker Giebel, der schon in der DDR leidenschaftlicher Bergretter war. Nie wird er den Moment vergessen, als die Bürger und Bürgerinnen aus dem Osten sich beim so genannten "Brockensturm" am 3. Dezember 1989 ihren Berg zurückeroberten, der jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet war. Demut habe er damals empfunden, als er zum ersten Mal in seinem Leben von ganz oben in den Harz gucken konnte. Lachend erzählt er mir, wie er danach mit dem "Trabbi" die Welt erkundete. Volkers herzlicher Humor ist ein schöner Abschluss dieser Reise. Hoch oben im Harz spüre ich etwas von dem Gefühl der Grenzenlosigkeit in jenen Tagen. Vielleicht sollten wir uns alle öfter daran erinnern, was für ein Geschenk die Wende eigentlich ist - in Ost und West.

Das Feature "Was uns trennt und was uns verbindet" von Frank Baebenroth und Christina von Saß ist am 9. November 2019 um 12.45 Uhr im NDR Fernsehen zu sehen.

Weitere Informationen

30 Jahre grenzenlos - Das Dossier zum Mauerfall

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt überraschend die Mauer in Berlin. Das Dossier zu einer bewegten Zeit. mehr

NDR Info

30 Jahre Mauerfall - Grenzenlos im Norden

NDR Info

Eine Reporterin aus dem Westen und ein Reporter aus dem Osten starten ein einzigartiges Projekt: Was hat sich in den vergangenen 30 Jahren verändert - hüben wie drüben? mehr

Dieses Thema im Programm:

09.11.2019 | 12:45 Uhr

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