Corona: Intensivmediziner irritiert über Aussage von Weil

Stand: 09.04.2021 18:16 Uhr

Göttinger Mediziner warnen vor einer Überlastung der niedersächsischen Intensivstationen mit Covid-19-Patienten. Sie widersprechen damit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

"Die Lage in den Krankenhäusern in Niedersachsen ist entspannt": Dieser Satz von Weil im ZDF-Morgenmagazin am Donnerstag sorgt bei vielen Intensivmedizinern im Land für Kopfschütteln. Die Klinik für Anästhesiologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) wandte sich mit deutlichen Worten auf Twitter direkt an Weil.

"Warum wird auf Experten scheinbar nicht gehört?"

"Wir wissen nicht, wie wir einem weiteren Zustrom von PatientInnen gerecht begegnen können, wenn es nicht sofort effektive Maßnahmen zur Eindämmung der #Pandemie gibt", schreiben die Mediziner. Von den 30 Betten, die normalerweise für operative Intensivmedizin bereitgehalten würden, seien derzeit 19 mit Covid-19-Fällen belegt. Täglich würden ein bis zwei Personen mit schwersten Covid-Infektionen dazukommen. Die Klinik habe somit nur noch weniger als die Hälfte der Betten für die Sicherstellung der Versorgung von Verkehrsunfällen, Hirnblutungen und Herzinfarkten zu Verfügung, heißt es in einem weiteren Tweet. "Wir schauen gerade entsetzt auf die ungebremste Entwicklung der Infektionszahlen und fragen uns, warum auf Experten aus dem Gesundheitswesen scheinbar nicht gehört wird."

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Beatmete Personen zwischen 40 und 60 Jahre alt

Auf Anfrage des NDR in Niedersachsen bestätigte der Vorstand Krankenversorgung der Universitätsmedizin Göttingen, Martin Siess, die per Twitter geäußerte Einschätzung. "Mit großer Aufmerksamkeit betrachten wir aktuell die Zunahme an intensiv- und beatmungspflichtigen Patienten mit Covid-19 auf unserer Intensivstation", sagte Siess. Derzeit würden an der UMG fast 30 Prozent mehr Erkrankte beatmet als am Höhepunkt der zweiten Pandemie-Welle im Januar. "Wir sehen deutlich jüngere, schwerkranke Patientinnen und Patienten. Das Alter der beatmeten Personen liegt aktuell zwischen 40 und 60 Jahren." Die Dynamik der Entwicklung in jüngster Zeit mache große Sorgen. Siess betonte zudem, das nicht dringend notwendige Operationen verschoben würden, um zusätzliche Kapazitäten für Covid-19-Fälle zu schaffen.

Nicht alle Kliniken am Limit

Die Stationen seien zum Teil so stark belegt wie noch nie, sagte auch der stellvertretende Geschäftsführer der niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, Marten Bielefeld. Die Lage sei aber noch beherrschbar. Je nach Region ist die Auslastung unterschiedlich: Während in und um Hannover die Situation recht angespannt ist, melden beispielsweise die Helios Kliniken Mittelweser in Stolzenau (Landkreis Nienburg) zum Beispiel aktuell keinen einzigen Covid-Patienten auf der Intensivstation, am Standort Nienburg müssen zwei erkrankte Personen intensivmedizinisch behandelt.

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Kein Versorgungsengpass in Hildesheim

Recht entspannt sieht es auch an der Klinik in Hildesheim mit derzeit vier Covid-19-Patienten aus. Chefarzt Christian Theiss sagte, man sei weit weg von einem medizinischen Versorgungsengpass. Nicht zuletzt könne das Krankenhaus innerhalb von 48 Stunden die Intensivkapazitäten für Covid-Patienten deutlich hochfahren. Davon sei zurzeit aber keine Rede. Nach Angaben der Landesregierung sind die Betten speziell für Corona-Fälle landesweit gesehen derzeit etwa zur Hälfte belegt. Zudem könnten laut dem Intensivregister in Niedersachsen innerhalb von einer Woche rund 1.000 zusätzliche Intensivbetten in Betrieb gehen.

Rekordzahl von Corona-Patienten auf Intensivstationen

Aktuelle Zahlen zur Auslastung der Intensivstationen unterstreichen jedoch durchaus die Aussagen der Göttinger Mediziner. Wie die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" (HAZ) unter Berufung auf die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin berichtet, lagen am Donnerstag 292 Menschen mit einer Covid-19-Infektion in Niedersachsen auf der Intensivstation. Das sind den Angaben zufolge zwei mehr als auf dem Gipfel der zweiten Corona-Welle am 16. Januar. Die Vereinigung warnte, dass es in den Kliniken enger wird. Am Donnerstag waren demnach landesweit im Durchschnitt nur noch 2,3 Intensivbetten pro Klinikstandort frei - 265 von insgesamt 1.940 Betten. 15 Prozent der Patientinnen und Patienten haben eine Covid-19-Infektion.

Weil sieht keinen exponentiellen Anstieg

Weil hatte sich mit Verweis auf die Lage in den niedersächsischen Kliniken gegen einen harten bundesweiten Lockdown ausgesprochen. Dafür seien die Umstände nicht gegeben, sagte der Ministerpräsident. "Diesen exponentiellen Anstieg, den wir ja befürchten mussten, den sehe ich nicht." Er habe den Eindruck, dass viele Menschen ihr Verhalten geändert haben. Diese positive Entwicklung müsse man unterstützen und nicht Familien mit zu strengen Maßnahmen belasten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 09.04.2021 | 12:00 Uhr

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