Stand: 26.10.2018 12:16 Uhr

Patient Wald: Die Folgen des trockenen Sommers

von Niklas Schenck, NDR Info

Der Wald ist Anlass für eine Krisensitzung der Politik - so etwas kommt selten vor. Der Hambacher Forst war zuletzt so ein Fall, in den 1980er-Jahren auch die Angst vor saurem Regen. Jetzt steht die Zukunft der Bäume wieder auf der Agenda - zum Beispiel im zuständigen Ministerium in Niedersachsen. Das heiße und trockene Wetter in diesem Jahr hat viele Bäume in Norddeutschland absterben lassen.

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Nach dem heißen Sommer weisen viele Wälder in Deutschland große "Löcher" auf.

Über Holzstümpfe und kleine Äste klettert Knut Sierk zum nächsten abgestorbenen Baum. Der Förster bleibt mitten auf einer Lichtung stehen. Nur sollte hier eigentlich keine Lichtung sein, sondern dichter dunkler Fichtenwald: "Wenn wir uns jetzt einmal umdrehen, dann erkennen wir: Der Bestand hat ein großes Loch und bietet dadurch natürlich auch Angriffsfläche für Stürme. Unsere Sorge ist, dass im nächsten Jahr der Befall weitergeht."

Borkenkäfer haben Hunderte Fichten im Wald bei Bispingen in Niedersachsen befallen und zerfressen. Die Nadelbäume waren zu geschwächt, weil es wochenlang nicht geregnet hatte. "Das ist ein wirklicher Wasserstress. Dann leidet der Baum, bildet nicht mehr genug Feinwurzeln aus, kriegt nicht mehr genug Wasser und hat dadurch nicht mehr genug Abwehrkräfte, um Eindringlinge wie den Borkenkäfer abzuwehren", erklärt Förster Sierk.

Ausmaß wird im kommenden Jahr sichtbar sein

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Die Schäden an den Bäumen sind unübersehbar.

Ein Kollege von Sierk fräst mit der Kettensäge eine Rinne in den befallenen Fichtenstamm. Er haut die Axt in den 25-Meter-Baum - es ist ungefähr der 3000. allein in dem Waldstück, wie die beiden Mitarbeiter der niedersächsischen Landesforsten schätzen. Dazu kommen gerade erst gepflanzte junge Bäume, die im harten Boden verdurstet sind.

Das ganze Ausmaß in den norddeutschen Wäldern wird erst im kommenden Jahr zu sehen sein, aber der Nationalpark Harz berichtet schon jetzt von einem veränderten Waldbild. Ähnliches teilt Schleswig-Holsteins Umweltministerium mit. Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsministerium meldet, dass fast ein Drittel der Kulturpflanzen abgestorben sei, deutlich mehr als sonst.

Otte-Kinast: "Nachdenken über eine Waldentwicklung"

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Von einer ernsten Lage spricht Niedersachsens Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU). Sie hat in einem Krisengespräch mit Experten insgesamt 11,5 Millionen Euro in Aussicht gestellt, dazu sollen noch Bundesmittel kommen - Geld, mit dem der Wald auch auf den Klimawandel vorbereitet werden soll: "Für alle forstlichen Fördermaßnahmen stehen diese 11,5 Millionen zur Verfügung, da geht es um Wiederaufforstung, um die Wiederherstellung von Wegen und so weiter", sagt die Ministerin. "Wir wollen über eine Waldentwicklung nachdenken: Wie muss Wald aussehen, um all diesen Wetterkapriolen in Zukunft auch entgegentreten zu können."

Wald benötigt "einen andauernden Landregen"

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Förster Knut Sierk hofft darauf, dass es in diesem Herbst noch viel und langanhaltend regnet.

Lang anhaltende Trockenheit und tropische Wärme einerseits, tagelanger Dauerregen andererseits - diese Extreme erwartet die Wissenschaftlerin Elisabeth Viktor. Sie arbeitet am Climate Service Center des Helmholtz-Zentrums im schleswig-holsteinischen Geesthacht. Dessen Simulationen für Norddeutschland zeigten, "dass wir eben mit stationären Wetterlagen rechnen müssen, also mit Wetterlagen, die einfach länger gleichbleiben. Dadurch kann es sein, dass wir ein Jahr eine Wetterlage haben, wo es wenig regnet und dann ein Jahr darauf eine, bei der es viel regnet". Es sei damit zu rechnen, dass es zu weiteren Extremsituationen kommt, so Viktor.

Den Wald bei Bispingen hat die anhaltende Trockenheit jetzt schon verändert. Die paar Regentropfen im Herbst würden da nicht helfen, so Förster Sierk: "Das ist im Wald so gut wie noch gar nicht angekommen. Wenn wir jetzt mal ein bisschen im Boden wühlen, sieht man, dass nur die ersten ein, zwei Zentimeter durchfeuchtet sind. Da, wo wir das Wasser brauchen, wo die Wurzeln sind, ist es noch gar nicht angekommen. Wir brauchen einen andauernden Landregen, der richtig in den Boden einzieht."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 26.10.2018 | 07:38 Uhr

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