Stand: 10.08.2019 08:49 Uhr

Milchbauern zwischen Problemen und Visionen

von Astrid Kühn, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Im Nordwesten Niedersachsens - in der Wesermarsch und in Friesland - werden rund zehn Prozent der deutschen Milch produziert. Die Region ist Milchregion, hier findet man noch grüne Wiesen, auf denen Kühe stehen und grasen können. NDR Info hat Milchbauern in der Region besucht und gefragt: Wo drückt der Schuh?

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Auf dem Hof von Heiko Holthusen (2.v.l.) hat NDR Info mehrere Milchwirtschaftende aus der Region Wesermarsch/Friesland getroffen.

Muhende Kühe sucht man auf dem Hof der Holthusens vergeblich, denn der Stall ist leer. "Freien Kuhverkehr" hätten die Kühe hier, sagt Jendrik Holthusen. "Sie können entscheiden, ob sie rein oder raus wollen".

Für "raus" ist auf den grünen Wiesen der Wesermarsch südlich von Bremerhaven genug Platz. Dort findet sich eine Landschaft wie in Bullerbü. Doch die Situation der Milchbäuerinnen und -bauern ist auch hier nicht nur idyllisch. Hausherr Heiko Holthusen, auf dessen Hof rund 240 Kühe gemolken werden, fasst die Situation zusammen: "Die Kosten sind unheimlich gestiegen. Wohin man schaut, Maschinen, Technik, Arbeitskräfte. Und der Milchpreis ist gleich geblieben."

Hat das ständige Wachsen ein Ende?

Holthusen hat den Hof selbst von seinen Eltern übernommen. Im Laufe der Jahre hat er von Nachbarn, die ihre Höfe aufgegeben haben, Flächen und Tiere übernommen: "Wir haben in der Schule gelernt: Ihr müsst wachsen, bauen, investieren. Das haben wir alles gemacht. Bisher hat es funktioniert. Wenn ich mit einem Banker rede, der sagt, 'so dünn wie die Marge ist in der Landwirtschaft', dann fragt man sich, ob man das seinen Kindern empfehlen kann."

"Groß" gleich "schlecht"?

Blick in einen Kuhstall. © NDR Foto: Astrid Kühn

Milchbauern zwischen Herausforderung und Vision

NDR Info - Aktuell -

Der Nordwesten Niedersachsens ist Milchregion. Dort werden rund zehn Prozent der deutschen Milch produziert. NDR Info hat dort mit Milchbauern über ihre Situation gesprochen.

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Die Zahl der Höfe in den Landkreisen Wesermarsch und Friesland hat sich in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel reduziert, die Milchproduktion aber ist konstant geblieben.

Dass "groß" aber automatisch "schlecht" sei, dagegen sperren sich die Landwirte. Denn nicht die Anzahl der gehaltenen Kühe sei entscheidend, sondern die Art und Weise, wie der Landwirt mit ihnen umgehe. In der Region sei ein Großbetrieb oft trotzdem ein Familienbetrieb, sagt Amos Venema: "Wenn Sie früher ganz kleine Betriebe hatten, dann waren das alles Familien in Einzelform. Von diesem Betrieb hier müssen viele Familien leben. Das sind vier, fünf Familien. Und wenn Sie das durch die Kühe teilen, sind sie wieder bei 50, 60 pro Familie."

Landwirte haben genug von pauschalen Vorurteilen

Venema ist extra aus dem Rheiderland an der niederländischen Grenze auf die Veranda der Holthusens gekommen. Er führt dort einen Weidebetrieb mit rund 170 Kühen. Pauschale Urteile über Landwirte kann er nicht mehr hören. Auch deshalb betreibt er einen YouTube-Kanal, auf dem er Einblicke in seine Arbeit gibt. Sein Ziel: Transparenz - und Verständnis für seine Arbeit: "Die Kühe sind mit am Frühstückstisch, beim Abendbrot, im Urlaub. Sie sind immer mit dabei. Das ist etwas, das der Verbraucher gar nicht realisiert: In was für einer engen Beziehung wir leben."

"Landwirtschaft ist wie ein Öltanker"

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Die Kühe haben auf dem Hof von Heiko Holthusen die Wahl: Sie können drinnen im Stall sein, aber auch draußen weiden.

Die Landwirte wollen nicht als Bremser wahrgenommen werden, die sich dem Zeitgeist nach mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit versperren. Doch bei ihnen kommt oft nur eines an: neue Auflagen. Etwa, dass der Stall wegen neuer Klimaschutzziele umgebaut werden muss. Für den Landwirt sind das hohe Kosten, die er im laufenden Betrieb wieder reinholen muss. Das führt bei vielen zu Existenzängsten. "Landwirtschaft ist wie ein Öltanker. Wenn der in Rotterdam landen will, muss er 50 Kilometer vorher mindestens die Schrauben rückwärts drehen, sonst donnert er in den Kai. Im Moment wird aber von uns verlangt, dass wir ein Speedboot sind", sagt Venema.

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Auch Heiko Holthusens Sohn Jendrik arbeitet in diesem Spannungsfeld. Als Projektleiter im Verein Grünlandzentrum sitzt er mit Naturschützern, Wasserverbänden und Landwirten an einem Tisch, berät und sucht nach Lösungen. Privat bietet er mit seiner Familie Ferien auf dem Bauernhof an: "Der Konsument muss verstehen: Landwirtschaft, Milchviehwirtschaft, ist ein großes Feld. Das kann ich nicht in fünf Minuten beim Kaffee abgleichen und sagen: Das ist so, das ist doof".

"Milch aus Gras muss besser bezahlt werden"

Ein weiteres Beispiel: Futter. Die Kühe der Holthusens bekommen hauptsächlich Gras zu fressen. Das wächst vor der Haustür, gibt aber weniger Energie als etwa Mais. Doch Futtermais ist oft aus Monokultur oder gar gentechnisch bearbeitet.

Karsten Padeken, dessen Kühe sowohl Gras als auch Mais fressen, findet: "Man kann es niemandem verbieten, wenn er kostengünstig Milch produzieren kann aus einem anderen Futtermittel. Der Umkehrschluss muss sein: Milch aus Gras muss besser bezahlt werden, damit es auf dem Gras bleibt."

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Alles hängt am Milchpreis

Und so endet die Diskussion doch wieder beim Milchpreis. Dass er perspektivisch deutlich steigt, das glauben die Landwirte nicht. Chancen sehen sie deshalb vor allem in der Nische: Bio- oder Weidemilch. Unter einer Voraussetzung: Verbraucherinnen und Verbraucher müssten sie auch kaufen. "Die ganze Wertschöpfungskette muss Marketing betreiben, um zu sagen: Wir können euch ein tolles Produkt bieten mit allem, was ihr haben wollt. Denn der Kunde ist König, wir machen, was ihr wollt. Aber wenn ihr was anderes kauft, dann müssen wir eben reduzieren und können das nicht machen", sagt Jendrik Holthusen.

Wenn es einen gesellschaftlichen Konsens gebe, dass die Natur geschützt und es den Tieren gut gehen solle, dann seien die Landwirte dabei. Unter einer Voraussetzung: Sie müssten davon leben können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 12.08.2019 | 06:41 Uhr

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