Stand: 20.07.2018 16:06 Uhr

Deutsche Forscher auf Pseudo-Konferenzen

Es gibt eine Redewendung im Deutschen: "Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden." Wer auf Kosten seines Arbeitgebers häufiger im Ausland ist, der wird sich das manchmal denken. Man kommt herum in der Welt, arbeitet, aber sieht auch noch schöne Orte. Was aber, wenn das Angenehme gar nichts Nützliches mehr hat? Im Zuge der Recherchen zum Thema "Fake Science" sind NDR Reporter darauf gestoßen, dass deutsche Wissenschaftler rund um die Welt reisen - zu sinnlosen pseudo-wissenschaftlichen Veranstaltungen. Auch auf Unikosten.

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Auf den Konferenzen von WASET treffen sich Forscher unterschiedlichster Richtungen. Sinnvoller Austausch ist nicht möglich.

Das Holiday Inn-Hotel im Stadtteil Wembley ist kein schöner Ort in London. Ein grauer Kasten neben dem Fußballstadion. Hier veranstaltet die sogenannte "Weltakademie der Wissenschaft" (WASET) regelmäßig Konferenzen. In Wirklichkeit ist es bei dem Konferenzveranstalter nicht weit her mit der Wissenschaftlichkeit. Die Veranstaltung ist ein wirres Sammelsurium verschiedenster Themen: Politikwissenschaft, Informatik, Chemie, Produktionstechnik - alles durcheinander. Warum kommen Forscher hierher?

Manche reisen wissend, andere ahnungslos

Ein indischer Mathematiker gibt eine ehrliche Antwort. Diese Veranstaltung sei keine "wichtige" Konferenz, sagt er und lacht. Aber das habe er natürlich zu Hause nicht gesagt. "Sonst kriegst du dafür von der Uni kein Geld." Eine junge Wissenschaftlerin aus Singapur ist mit einer E-Mail geködert worden. Sie wusste nicht, dass es eine Pseudo-Konferenz ist. Sie ist sauer. "Wenn Wissenschaftler hier öfter veröffentlichen, das alles also wissen, dann stellt das für mich die Glaubwürdigkeit ihrer Veröffentlichungen komplett in Frage."

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Konferenzbroschüre WASET 2013 in Istanbul

Der Verlag WASET hat zu seinen pseudo-wissenschaftlichen Konferenzen auch Broschüren für die Konferenzteilnehmer rausgegeben. Enthalten sind auch Tourismus-Tipps. Download (2 MB)

London, Paris, Venedig. Oder wer weiter weg will, kann nach New York, San Francisco, Bangkok oder Bali fliegen. Die Pseudo-Weltakademie hat viele solcher Konferenzen im Programm, und es gibt unzählige ähnliche Veranstalter schein-wissenschaftlicher Konferenzen. Für die Teilnahme erheben sie eine Gebühr. WASET möchte sich auf Anfrage nicht zu den Vorgängen äußern.

RWTH Aachen zieht Konsequenzen

Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" aber zeigen: Zu vielen solcher sinnlosen Treffen fahren bisher auch Deutsche. Beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Günther Schuh von der RWTH Aachen. Schuh ist Erfinder des Post-Elektroautos Streetscooter und einer der bekanntesten Professoren Deutschlands. Er ist Co-Autor zahlreicher Veröffentlichungen bei der Pseudo-Weltakademie WASET. Mitarbeiter von ihm reisten um die Welt, um auch in seinem Namen Forschung auf sinnlosen Konferenzen vorzustellen.

Schuh sagt im Interview mit der ARD, seine Mitarbeiter hätten stets versucht, die Forschungsergebnisse weit zu streuen. Er habe nicht gewusst, dass es solche "fake Veranstaltungen" gebe. Es sei "schade um die Reisekosten, schade um die vertane Zeit". Schließlich müsse er das Geld für seine Forschung mit viel Aufwand bei Geldgebern einwerben. Der Staat finanziere nur ein Bruchteil dessen, was der Spitzenforscher für seine Arbeit brauche. Zudem sei es sehr ärgerlich, wenn sich solche Konferenzen als "Müll" entpuppten. Der renommierte Forscher sowie seine Universität erklärten, sie werden umgehend entschlossen dagegen vorgehen, dass Mitarbeiter zu solchen Konferenzen reisen.

Institut aus Hannover verbietet Reisen

Peter Nyhuis, Leiter des Institut für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) der Leibniz Universität Hannover, steht wie Schuh ebenfalls als Autor bei vielen WASET-Veröffentlichungen. Beide waren jedoch nie auf Konferenzen der selbsternannten "Weltakademie". Stets seien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gereist. Nyhuis sagte im Interview mit der ARD, man habe inzwischen "die Schlussfolgerungen gezogen: In der Form wollen wir es nicht." Bei der Anmeldung zu einer Konferenz sei aber nicht immer ohne Weiteres ersichtlich, dass es sich um eine Fake-Veranstaltung handele.

Deutsche Forscher weiter in Konferenz-Programm

Wie viel Geld aus dem deutschen Hochschulbetrieb für solche unwissenschaftlichen Konferenzen ausgeben wird, ist unklar. Je nach Reiseort können pro Teilnehmer bis zu 3.000 Euro zusammenkommen. Die Professoren Günther Schuh und Peter Nyhuis haben solche Reisen an ihren Instituten unterbunden. Ihre Universitäten haben ebenfalls erklärt, man werde vor diesen Veranstaltern warnen. Schaut man aber in die Konferenzvorschauen der Pseudoakademie WASET für die nächste Woche, findet man wieder deutsche Wissenschaftler. Diesmal aus Hessen. Reiseziel ist Istanbul.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 19.07.2018 | 07:08 Uhr

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