Stand: 14.12.2013 16:38 Uhr  | Archiv

Willy Brandt - Hoffnungsträger der 68er?

von Dirk Hempel, NDR.de

Die SPD ändert ihre Haltung

Bild vergrößern
Brückenschlag zwischen den Generationen: Nach und nach entwickelt Brandt Verständnis für die Anliegen der 68er.

Wohl auch unter dem Einfluss jüngerer Politiker in der SPD ändert sich jetzt langsam seine Haltung gegenüber den jugendlichen Rebellen. Er würde sie gern in seiner Partei willkommen heißen, diese Generation, "auf die wir gewartet haben".  In seinen Reden fordert er zwar noch immer Ordnung und Respekt vor dem Gesetz, verbindet damit aber inzwischen den Appell, die Unruhe unter der Jugend politisch aufzunehmen, wirbt um Verständnis für ihr Anliegen.

Es ist der Vater-Sohn-Konflikt in der eigenen Familie, der Brandt zum Brückenschlag zwischen den Generationen befähigt und der ihn bei seinen Zuhörern glaubwürdig macht. "Jugend ist kein Verdienst", ruft er ihnen zu, aber auch: "Alter ist kein Verdienst." Er nennt die "Selbstherrlichkeit junger Leute ebenso töricht wie die Besserwisserei der Alten".

Die 68er erkennen Brandt an

Den Forderungen nach Öffnung der Gesellschaft und dem Ende von gesellschaftlichen Zwängen kann und will sich die SPD auf Dauer nicht verschließen. Auch weil sie dringend neue Wählerstimmen braucht.

Und die kritische Jugend beginnt ihrerseits ihre Haltung gegenüber Brandt zu überdenken. Immerhin hat er die Aussöhnung mit dem Osten vollzogen, für seine Entspannungspolitik sogar den Friedensnobelpreis erhalten. Überhaupt erscheint er als Widerstandskämpfer besonders glaubwürdig, da ansonsten immer noch ehemalige NSDAP-Mitglieder und Wehrmachtsoffiziere in Bonn den Ton angeben. Und je mehr Brandt von den Konservativen als national unzuverlässiger Emigrant verunglimpft wird, desto höher steigt sein Ansehen in der außerparlamentarischen Opposition.

Signale der politischen Erneuerung

Auch die von Brandt betriebene Nominierung Gustav Heinemanns zum SPD-Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten 1969 ist ein Signal für die Erneuerung der Politik. Denn Heinemann gilt als moralische Instanz, hat Verständnis für die kritische Jugendbewegung gezeigt, redete nach dem Attentat auf Dutschke 1968 auch den Bürgern ins Gewissen. Zudem diskutiert Brandt mit Studentenvertretern, beruft Anfang 1969 sogar einen Jugendkongress ein, setzt eine Amnestie für Demonstrationsdelikte durch, wird so allmählich zum Förderer der kritischen Studentengeneration.

Der Kanzler bewegt die Massen

Bild vergrößern
Mit Brandt an der Spitze erschließt sich die SPD neue Wählerschichten.Der Wahlkampf 1972 wird zur "Willy-Wahl".

Er ist inzwischen für weite Teile der westdeutschen Bevölkerung zur Symbolfigur eines moralischen Politikers geworden und hat sein Vorbild Kennedy hinter sich gelassen. Auch wenn er sich noch immer auf dessen Vorstellung von Mitleid und Barmherzigkeit beruft - und damit jetzt die Massen erreicht, neue Wählerschichten erschließt: Intellektuelle, Künstler, Mittelständler, junge Leute.

Durch seine langsam und verhalten vorgetragenen Reden zieht er die Menschen in seinen Bann, macht Wahlveranstaltungen zu Weihestunden. Die Verehrung für den Kanzler nimmt bald religiöse Züge an. Alte Frauen stecken ihm Amulette und Rosenkränze zu, wenn er einen Saal betritt. Menschen versuchen ihn zu berühren, beginnen zu weinen.

Die 68er auf dem Weg in die SPD

Auch den harten Rebellen von 1968 stehen die Tränen in den Augen. Ihre Kämpfe sind zu diesem Zeitpunkt bereits vorüber. Die meisten ehemaligen Radikalen und ihre Sympathisanten haben sich angesichts des aufkommenden Linksterrorismus inzwischen gegen die Revolution und für Reformen entschieden. Nun finden viele den Weg in die SPD.

1972 wird zur Willy-Wahl

Bild vergrößern
Schriftsteller wie Siegfried Lenz und Günter Grass setzen sich auch bei den protestierenden Studenten für den Kanzler ein.

Die Unterstützung für Brandts Wahlkampf im Herbst 1972 ist überwältigend. Auch Künstler, Schriftsteller, Journalisten und andere Prominente geben die Distanz zur Politik auf, engagieren sich für Brandt. Die Unterstützergruppe um Günter Grass und Siegfried Lenz etwa wirbt vor allem in der studentische Protestbewegung für den Kanzler. Hunderte Wählerinitiativen parteiloser Bürger schießen im ganzen Land aus dem Boden. Die parteikritischen Jungsozialisten verteilen nun Flugblätter, Autoaufkleber und Buttons für die "Willy-Wahl".

Sie wird zur Abstimmung über den neuen Politikstil, über Entspannungspolitik und gesellschaftliche Reformen im eigenen Land. Deshalb erreicht die Wahlbeteiligung am 19. November 1972 die Rekordhöhe von 91,1 Prozent. Die Sozialdemokraten gewinnen mit 45,8 Prozent der Stimmen. Unter den Jungwählern haben sogar knapp zwei Drittel für die SPD gestimmt - wegen Willy Brandt.

Dossier

Erinnerungen an Willy Brandt

Widerstandskämpfer, Kanzler, Nobelpreisträger: Willy Brandt war einer der größten deutschen Politiker. Vor 25 Jahren starb der Sozialdemokrat. Rückblick auf ein bewegtes Leben. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 04.12.2013 | 21:05 Uhr

Mehr Kultur

54:31
NDR Info
04:15
Hallo Niedersachsen