Stand: 14.12.2013 16:38 Uhr  | Archiv

Willy Brandt - Hoffnungsträger der 68er?

von Dirk Hempel, NDR.de

Brandts Vorbild heißt Kennedy

Sein Vorbild heißt John F. Kennedy, der zehn Jahre zuvor einen neuen Stil in die Politik eingeführt hat, für Aufbruch steht und Veränderung, virtuos die Medien beherrscht, die Menschen durch seine Reden begeistert, durch Worte und Gesten. Kennedy hat den Kalten Krieg beendet, eine Annäherung an die Sowjetunion begonnen.

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Bei seinem Besuch in New York jubeln die Amerikaner Willy Brandt schon 1959 zu.

Als er 1960 zum amerikanischen Präsidenten gewählt wird, ist Brandt gerade Kanzlerkandidat seiner Partei geworden. Die SPD befindet sich im Umbruch, will sich endlich modernisieren, um die Regierung zu übernehmen. In den USA, bei Kennedy und seiner Demokratischen Partei, holen sich Brandt und seine Wahlkampfmanager Anregungen.

Auch die Amerikaner halten viel von Brandt. Er stehe für Jugend und den "new look", sei außerordentlich clever, besitze administrative Fähigkeiten und sei fähig zu großen Entscheidungen, urteilt das US-Außenministerium über den deutschen Kanzlerkandidaten. Man hält ihn für einen Politiker, der alle Voraussetzungen für eine große Karriere im Medienzeitalter besitze.

Der neue Stil: Wahlkampf 1961

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1963 besucht Kennedy Berlin. Die beiden (hier mit Adenauer, r.) sind sich auch persönlich sympathisch.

Aber es ist nicht nur die Inszenierung im Wahlkampf 1961, in dem Brandt mit einem cremefarbenen Mercedes-Cabriolet durch die Straßen fährt, mit Frau Rut und den Kindern ähnlich wie Kennedy als glücklicher Familienvater präsentiert wird. Die beiden Politiker sind sich auch persönlich sympathisch, gehören der gleichen Generation an. Ihr Umgang ist locker, sogar freundschaftlich.

Mit ihrem Wahlkampf nach amerikanischem Vorbild will die SPD 1961 vor allem andere Wählerschichten ansprechen als ihre Stammklientel, die ein Ende der Ära Adenauer wünschen, eine Modernisierung der westdeutschen Gesellschaft. Aber das Konzept geht noch nicht auf, es ist noch zu früh für einen neuen Politikertyp, die Zeit noch nicht reif für Veränderungen.

Auch nach Kennedys Tod 1963 beschwört Brandt weiterhin die Verbundenheit mit dem ermordeten US-Präsidenten, lehnt sich noch immer an dessen politischen und medialen Stil an. Aber als er dann Außenminister in der Großen Koalition wird, erreicht er damit die junge Generation nicht mehr.

Brandt entwickelt nur langsam Verständnis für die junge Generation

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Ihre Idole heißen Ho Tschi Minh und Che Guevara: Studentenproteste in Berlin gegen den Vietnamkrieg, Februar 1968.

Mit der Amerikanisierung seines öffentlichen Auftretens ist Brandt zwar modern, seiner Zeit weit voraus, aber gerade die kritische Jugend wendet sich in diesen Jahren wegen des Vietnamkriegs von den USA und ihrer Politik ab. Demonstrationen enden jetzt in Straßenschlachten. Massiver Polizeieinsatz und die Eskalation der Gewalt führen zu einer tiefen Vertrauenskrise der Jugend gegenüber dem Staat und seinen Institutionen. Als Politiker verteidigt Willy Brandt diesen Staat mit Härte, steht als Außenminister, dann als Bundeskanzler an führender Stelle, wird selbst bei einer Veranstaltung attackiert.

Aber als Privatmann entwickelt er allmählich Verständnis für das Aufbegehren der Jugend, ihre Gedanken und Emotionen. Als sein Sohn Peter, der den Studentenführer Rudi Dutschke für eine Schülerzeitung interviewt hat, 1968 wegen Teilnahme an einer nicht genehmigten Vietnam-Kundgebung verhaftet wird, verbittet Brandt sich jegliche Kommentare und Angriffe als Einmischung in Familienangelegenheiten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 04.12.2013 | 21:05 Uhr

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