Stand: 07.04.2008 14:58 Uhr

Johann Hinrich Wichern - Der Menschenretter

von Nils Zurawski
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Johann Hinrich Wichern war Theologe und davon beseelt, anderen Menschen zu helfen.

Er hat nicht nur das Rauhe Haus in Hamburg gegründet, sondern gilt auch als bedeutender Kirchenrefomer des 19. Jahrhunderts, Begründer der Diakonie und des Konzeptes der Inneren Mission: Als ältestes von sieben Kindern wurde Johann Hinrich Wichern am 21. April 1808 in Hamburg in einfache bürgerliche Verhältnisse hineingeboren. Er besuchte eine Privatschule und später die Gelehrten-Schule Johanneum, musste aber nach dem Tod seines Vaters bereits mit 15 Jahren als Privatlehrer mit für den Unterhalt der Familie sorgen. Das Abitur holte er später nach. Mithilfe eines Stipendiums konnte er bald ein Theologiestudium in Göttingen und Berlin absolvieren.

Während seiner Studienzeit machte er Bekanntschaften mit Menschen, die viele Ideen und Unternehmungen in seinem späteren Leben und Wirken beeinflussten, unter anderem die Theologen Schleiermacher und Neander sowie der Arzt Nikolaus Heinrich Julius. Letzterer hatte vor allem Einfluss auf Wicherns Engagement in der preußischen Gefängnisreform.

"Retten wollen" als innerer Antrieb

Auch als Erneuerer des Strafvollzugs engagierte sich der junge Hamburger Theologe, allerdings war ihm hier kein so großer Erfolg beschieden wie auf den anderen Gebieten. Wichern war ein umtriebiger Mensch, der - so Dietrich Sattler, derzeitiger Vorsteher des Rauhen Hauses - von der Idee beseelt war, Menschen retten zu wollen. Aus dieser einfachen Motivation sind bis heute bedeutsame Institutionen und Bewegungen entstanden.

Ein missionarischer Pathos trieb Wichern an. Seine frühen Begegnungen mit christlichen Erweckungsbewegungen - konservativen protestantischen Strömungen, die sich gegen einen aufklärerischen Rationalismus wendeten - prägten ihn zeit seines Lebens. Aber auch die Unfähigkeit der Kirche und des Staates, auf die Armut und die katastrophalen Zustände in Deutschland zu reagieren, können seine Unternehmungen erklären. Er wollte eben nicht disziplinieren und korrigieren, sondern Lebensraum für Kinder schaffen, in dem sie zu guten Bürgern und Christen heranwachsen können.

Anfänge: Die Jungs vom Rauhen Hause

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1833 gründete Wichern das Rauhe Haus. Heute ist das Gebäude Tagungsstätte und Museum.

In Hamburg leitete er als Theologe und Lehrer eine Sonntagsschule in St. Georg und begegnete so dem Leben in den Armutsvierteln der Hansestadt. Um den Kindern zu helfen - sie zu retten -, gründete er 1833, 25-jährig, das Rauhe Haus zur "Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder". In einer alten Bauernkate in Hamm nahm Wicherns Idee Gestalt an. Dabei war sein "Heim" alles andere als eine damals übliche Besserungsanstalt.

Das Rauhe Haus war kein Arbeits- oder Waisenhaus, sondern eine Einrichtung, in der die "Zöglinge" in familienähnlichen Verhältnissen aufwachsen sollten ("freie Kinder in einer freien Familie"). Unterwiesen wurden sie dabei von den "Brüdern" - von Wichern ausgebildete Männer, zumeist Handwerker -, die mit ihnen zusammenlebten. Beeinflusst war diese Pädagogik von Pestalozzis Prinzip einer ganzheitlich orientierten Lebenserziehung. Die Einrichtung hatte von Anfang an großen Zulauf und entwickelte sich auch über die Grenzen Hamburgs hinaus zu einem Vorbild moderner Jugendfürsorge.

Wichern erfindet den Adventskranz

Weitere Informationen

Wer hat den Adventskranz erfunden?

"Wann ist endlich Weihnachten?", fragten die Kinder ihren Lehrer Johann Hinrich Wichern immer wieder. Der Hamburger bastelte daraufhin 1839 einen großen Kranz mit 23 Kerzen. mehr

Die Arbeit mit den Kindern im Rauhen Haus war es auch, die Wichern 1839 dazu brachte, etwas zu erfinden, das es heute in aller Welt gibt - den Adventskranz. Geboren wurde er aus einer "Notsituation": Die Kinder fragten in der Adventszeit ständig nach, wann endlich Weihnachten sei. Schließlich nahm Wichern ein großes Wagenrad, steckte 19 kleine und vier große Kerzen darauf und entzündete jeden Tag eine.

Diakonie und Innere Mission

Mit der Professionalisierung des Dienstes am Nächsten legte Wichern den Grundstein für das Diakoniewesen und eine moderne Sozialpädagogik insgesamt. Die im Rauhen Haus ausgebildeten Gehilfen oder "Brüder" arbeiteten bald in ganz Deutschland und verbreiteten so auch Wicherns Ideen. Eine Fachhochschule lehrt bis heute die Grundideen Wicherns von einer soliden Ausbildung für professionelle Helfer.

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Die Hamburger Wichernschule ist heute Norddeutschlands größte evangelische Privatschule.

Doch Wicherns Ideen gingen über den begrenzten Bereich der Jugendhilfe hinaus. Er wollte die Kirche insgesamt reformieren. Auf dem ersten evangelischen Kirchentag in Wittenberg im Revolutionsjahr 1848 hielt er eine über fünfstündige Stegreifrede, in der er die Notwendigkeit einer Inneren Mission für die Kirche begründete. Grund waren auch die von ihm wahrgenommenen Auswirkungen der wirtschaftlichen und sozialen Folgen gesellschaftlicher Umwandlungsprozesse - Industrialisierung und Verstädterung -, die weiten Teilen der Bevölkerung vor allem Armut und Verelendung brachten. 1849 wurde der "Centralausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche" auf seine Initative hin gegründet. Dieser Centralausschuss ist der direkte Vorläufer des heutigen Diakonischen Werkes.

Begünstigt wurden diese Reformen durch das damals ausgeprägte Vereinswesen, das Wichern zur Umsetzung seiner Ideen nutzte. Der Centralausschuss bündelte die vielen Initiativen, die von ihm und anderen angestoßen worden waren, und bot eine kommunikative Plattform. Die Kirche beargwöhnte anfangs diese Aktivitäten teilweise, nutzte sie aber am Ende und entwickelte sie bis heute weiter.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.04.2008 | 19:30 Uhr