Stand: 07.05.2012 12:18 Uhr  | Archiv

Heinrich Wöhlk - Leiden für die Linse

von Cornelius Kob

Viele Erfinder ließen sich von äußeren Ereignissen oder Gegebenheiten inspirieren - wie zum Beispiel der Konstrukteur des ersten Echolots, Alexander Behm, durch den Untergang der "Titanic". Bei der Erfindung der Kontaktlinse spielte die körperliche Einschränkung eines Einzelnen die entscheidende Rolle. Der Kieler Heinrich Wöhlk war sehr stark weitsichtig. Die Gläser seiner dicken Brille hatten mehr als acht Dioptrien. Die Brille war aber nicht nur dick, sondern auch sehr schwer, denn in den Zwanzigerjahren gab noch keine leichten Kunststoffgläser. Ohne Brille konnte Wöhlk vor allem Gegenstände in der Nähe nur unscharf wahrnehmen, Schwimmen und andere Sportarten waren für ihn schon als Kind nur schwer möglich.

Aus der Not wird eine Idee

Die ersten Kontaktlinsen produzierte Heinrich Wöhlk in seiner Wohnung in Kiel.

Zwar gab es in den Zwanzigerjahren schon Linsen. Sie waren aus Glas oder aus Zelluloid und bedeckten das gesamte Auge. Aber länger als eine halbe Stunde konnte man sie nicht tragen. 1936 probierte Heinrich Wöhlk mit 23 Jahren diese sogenannten Sklerallinsen aus. Viel besser sehen konnte er mit ihnen nicht und musste sie schon nach kurzer Zeit wieder herausnehmen, weil sie starke Schmerzen verursachten. Aber die Idee an sich begeisterte ihn. Von diesem Moment an widmete er sich der Weiterentwicklung der Kontaktlinse.

Mit Selbstversuchen zum Ziel

Zu jener Zeit arbeitete Wöhlk als Maschinen-Konstrukteur in der Kieler Firma Anschütz, die Kreiselkompasse produzierte. Seine Kollegen sahen ihn morgens oft mit blutunterlaufenen Augen an der Werkbank stehen. Was sie nicht wussten: Heinrich Wöhlk nutzte seine Kenntnisse der Feinmechanik, um in Eigenarbeit Linsen herzustellen, die speziell an seine Augen angepasst waren. Dafür benötigte er genaue Abdrücke seiner Augen. Was heute möglich ist - Augen berührungslos, einfach und äußerst genau zu vermessen - war damals undenkbar. Wie konnte er also die Linsenform seiner exakten Augenform anpassen? Heinrich Wöhlk hatte eine Idee: Er rollte sehr dünne Wachsplättchen aus, die er dann auf seinen Augapfel legte. Dann erwärmte er die Augen mit einer Wärmelampe, das Wachs wurde weich und passte sich der Augenform an. Um es dann schnell auszuhärten, tauchte er seinen Kopf gleich darauf in Eiswasser. Die Wachsplättchen wurden sofort hart und er hatte einen Abdruck. Allerdings zerbrachen sie häufig beim Herausnehmen, sodass Wöhlk den mühsamen Vorgang mehrmals wiederholen musste, um brauchbare Vorlagen zu bekommen. Endlich hatte er gute Abdrücke beisammen und fertigte die ersten eigenen Kontaktlinsen an, die aber immer noch genauso aussahen wie die bis dahin bekannten.

 

Lebensdaten Heinrich Wöhlks

9. April 1913: Heinrich Wöhlk wird in Kiel geboren
1936: Wöhlk bekommt erste Kontaktlinsen aus Glas, sie sind kaum im Auge zu ertragen
1940: Wöhlk stellt die erste selbst gefertigte Haftschale aus Plexiglas her
1947: die erste kleine Kontaktlinse entsteht.
1949: das erste Ladengeschäft öffnet
1961 - 1966: die Fertigung wird ausgebaut
1970: das neue Werk in Schönkirchen bei Kiel entsteht
1978: Heinrich Wöhlk erhält das Bundesverdienstkreuz
23. Dezember 1991: im Alter von 78 Jahren stirbt Heinrich Wöhlk

Die entscheidende Idee: Weniger ist mehr

Für seine Kontaktlinsen verwendete Wöhlk Plexiglas. Seine Linsen waren zwar besser als die bisherigen, aber auch sie konnte man nicht lange auf dem Auge behalten. Um dieses Problem zu lösen, kam Heinrich Wöhlk darauf, den mittleren Teil, der auf der Iris sitzt, herauszuschneiden. Denn nur dieser Teil war ja für die Verbesserung des Sehens notwendig. Aber würde eine so viel kleinere Linse auch auf dem Auge halten? Wöhlk schliff die Ränder dieser kleinen Linse sorgfältig, rundete sie ab, setzte sie ins Auge und merkte sofort: Das war die entscheidende Idee. Er konnte diese  Linse stundenlang tragen und gut damit sehen. Über zehn Jahre hatte Heinrich Wöhlk an dieser Erfindung gearbeitet. Nun war es soweit - endlich konnte er zum Beispiel Sport treiben wie jeder andere. Man konnte ihn auf dem Platz hinter seinem Wohnhaus an einer Reckstange beobachten, wie er eine Riesenwelle nach der anderen machte.

Vom Wohnzimmerlabor zur Weltfirma

Außerdem sah Wöhlk nun die Möglichkeit, mit seiner Erfindung Geld zu verdienen. 1948 gründete er die Firma Wöhlk Corneal-Linsen. In seiner Wohnung entstand die erste kleine Fertigung. Die ersten Fertigungsmaschinen baute Wöhlk selbst und verkaufte die neuartigen Linsen an Optiker. Die Eintragung eines Patents scheiterte an dem notwendigen Geld für den Anwalt - in der Nachkriegszeit waren die Einkünfte noch gering -, aber Heinrich Wöhlk kam auch ohne Patent klar. In den Sechzigerjahren entstand ein großes Ladengeschäft in der Kieler Innenstadt, ab den Siebzigerjahren fand die Fertigung in einer neuen Fabrik außerhalb von Kiel statt.

Von nun an eroberten die modernen Kontaktlinsen die Welt. Weitere Verbesserungen folgten. In den Siebzigerjahren entstanden bei Wöhlk die ersten weichen Kontaktlinsen aus speziellen flexiblen Kunststoffen. Inzwischen gibt es sogar Linsen, die wie Gleitsichtgläser in Brillen funktionieren und die Nah- und die Fernsicht gleichzeitig verbessern. Kontaktlinsen können das sogar noch besser als Brillengläser, weil sie direkt auf dem Auge sitzen.

Heute tragen Millionen Menschen Kontaktlinsen. Ihr Erfinder ist Heinrich Wöhlk, der Junge mit der dicken Brille und einem Traum: Einmal auch ohne Brille gut sehen zu können.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 30.01.2008 | 19:30 Uhr

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