Stand: 11.03.2016 00:00 Uhr  | Archiv

"Er hat das Schwein von Auschwitz geschnappt"

Höß: "Unsere Welt war untergegangen"

Viele prominente Nazis fliehen damals vor den Alliierten Richtung Südamerika. Andere setzen sich auf der "Rattenlinie Nord" ab. So wie Rudolf Höß samt Ehefrau und fünf Kindern. Sie gehören einem ganzen Treck aus ehemaligen Kollegen an. Höß bringt seine Familie nach St. Michaelisdonn, wo der Bruder seiner Frau lebt. Dann zieht er weiter. Höß hofft noch auf den "Endsieg". In der Nähe von Flensburg trifft er Himmler wieder, seinen großen Förderer. Höß ist entsetzt, als Himmler erklärt, der Krieg sei verloren und sie sollten alle untertauchen. Himmler sei bester Laune gewesen, schreibt Höß später: "Dabei war die Welt untergegangen, unsere Welt." Höß erhält den Ausweis eines verstorbenen Matrosen - Franz Lang.

Auschwitz-Kommandant kommt als Landwirt unter

Er marschiert weiter nach Sylt und meldet sich unter dem falschen Namen bei der dortigen Marineschule. Am 8. Mai kapituliert Deutschland. Ein paar Tage später erfährt Höß aus dem Radio von Himmlers Tod. Dieser war bei Lüneburg den Briten in die Hände gefallen und nahm sich mit einer Zyankali-Kapsel das Leben. Höß wird als "Franz Lang" interniert. Doch weil er angibt, dass er Erfahrung als Landwirt hat, darf er bald gehen. Das Arbeitsamt weist ihm eine Stelle zu. Am 5. Juli 1945 kommt Höß auf dem Hansen-Hof in Gottrupel an.

Erster Coup von Nazi-Jäger Alexander

Alexander feiert Ende 1945 seinen ersten großen Erfolg als Nazi-Jäger. Nach wochenlangen Ermittlungen und einer Hatz kreuz und quer durch Niedersachsen und halb Deutschland nimmt er am 10. Dezember den früheren NS-Verwalter von Luxemburg, Gustav Simon, fest. Simon hatte sich damit gebrüstet, dass er das gesamte Großherzogtum "judenfrei" machte. Bei einem Empfang im Palast in Luxemburg bedankt sich die Großherzogin persönlich bei Alexander für dessen Einsatz. Der 28-Jährige gilt jetzt als Top-Ermittler der War Crimes Group. Anfang 1946 wird Alexander auf Höß angesetzt. Aus Verhören wissen Amerikaner und Briten bereits, dass sich viele frühere KZ-Verwalter nach Norddeutschland in Richtung dänischer Grenze absetzten. Alexander fährt nach Flensburg und beginnt mit den Ermittlungen.

Hedwig Höß - kennt sie das Versteck ihres Mannes?

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Aus einem abgefangenen Brief an Hedwig Höß geht hervor, dass sie wahrscheinlich den Aufenthaltsort ihres Mannes kennt. Militärpolizisten nehmen die Frau des früheren Auschwitz-Kommandanten in St. Michaelisdonn fest und bringen sie nach Heide, wo Alexander sie verhört. Sie schweigt. Daraufhin fährt Alexander nach St. Michaelisdonn, um ihre Kinder zu vernehmen. Diese sagen, sie wüssten nicht, wo ihr Vater ist. Alexander schnappt sich den ältesten Sohn Klaus und bringt ihn nach Heide ins Gefängnis zu seiner Mutter. Hedwig Höß ist entsetzt. Aber sie verrät ihren Mann nicht. Und auch Klaus bleibt dabei, dass er den Aufenthaltsort nicht kenne. Aus Protest gegen die Haft tritt Hedwig Höß mit ihrem Sohn in Hungerstreik. Alexander befragt sie immer wieder. Nun sagt sie: "Mein Mann ist tot." Alexander beschließt, sie noch stärker unter Druck zu setzen: Als eine Lokomotive mit lautem Dampfen an dem Gebäude vorbeifährt, stürmt er in ihre Zelle. Er erklärt, wenn sie jetzt nicht aussage, werde er ihren Sohn in den Zug setzen und nach Sibirien deportieren lassen. Sie habe zehn Minuten. Er lässt ihr Stift und Zettel da und geht. Hedwig Höß bricht ein - als Alexander zurückkommt, hat sie Adresse und Tarnnamen ihres Mannes aufgeschrieben.

Nach dem Zugriff feiern die Jäger ihren Fang

Noch am gleichen Tag braust Alexander mit 25 bewaffneten Männern nach Gottrupel. Um 23 Uhr treffen sie ein. Nach der Identifizierung und Festnahme von Höß in der Scheune ist Alexander klar, dass seine Kameraden Rache an dem Massenmörder nehmen wollen. Er lässt es zu, dass die Männer Höß verprügeln. Nach einigen Minuten meint der Militärarzt: "Sag ihnen, sie sollen aufhören, sonst müsst ihr eine Leiche mitnehmen." Sie fahren Höß nach Heide. Doch bevor sie dort im Gefängnis ankommen, lässt Alexander an einer Kneipe Halt machen. Dort erwartet ihn sein Bruder Paul. Dieser schreibt einen Tag später einen Brief an ihre Eltern in London: "Hanns hat eine erfolgreiche Zeit hier verbracht. Er hat das Schwein von Auschwitz geschnappt. Wir stießen mit Champagner und Whiskey an. Muss die Darstellung der Geschichte mit all ihren Einzelheiten Hanns überlassen. Er ist ein prima Kerl. Aber sagt ihm das nicht, sonst wird er noch eingebildet."

Epilog: "Macht mich krank zu sehen, wie viele Mörder ich gehen lassen musste"

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Der Galgen, an dem Höß 1947 hingerichtet wurde, steht heute noch in der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz.

Rudolf Höß legt später ein umfangreiches Geständnis ab. Er sagt als Zeuge in den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen aus. Er selbst muss sich in Polen vor Gericht verantworten. Am 16. April 1947 wird Höß hingerichtet - an einem Galgen im früheren KZ Auschwitz.

Hanns Alexander verlässt Deutschland wenige Wochen nach der Festnahme von Höß. Er schwört sich, das Land nie wieder zu betreten. Dem bleibt er treu, auch als er Jahrzehnte später von der Gedenkstätte Bergen-Belsen eingeladen wird. Im Mai 1946 heiratet er in London seine Verlobte Ann Graetz. Sie bekommen zwei Kinder. Alexander arbeitet bei einer Bank. Er verbringt viel Zeit in der Synagoge. Thomas Harding berichtet, dass sein Onkel nach wie vor gerne Leuten Streiche spielte und den Kindern "unangemessene Witze" erzählte. Der Krieg dagegen sei für Alexander nie wieder ein Gesprächsthema gewesen: "Ich wollte nicht mit den Kindern darüber sprechen, weil sie nicht hasserfüllt aufwachsen sollen. Ich bin aber hasserfüllt. Es macht mich krank zu sehen, wie viele Mörder ich gehen lassen musste." Im Dezember 2006 stirbt Alexander im Alter von 89 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

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Schleswig-Holstein Magazin | 07.06.2015 | 19:30 Uhr

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