Stand: 25.10.2017 19:03 Uhr

Vor 120 Jahren: Hamburg bekommt ein neues Rathaus

von Dirk Hempel, NDR.de

Der 26. Oktober 1897 ist ein Dienstag, aber ein Festtag in Hamburg. Öffentliche Gebäude und die Schiffe im Hafen sind beflaggt. Die Kinder haben schulfrei und seit neun Uhr morgens werden von den Türmen der fünf Hauptkirchen Choräle gesungen.

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In diesem Gemälde hat Hugo Vogel 1897 den Einzug des Senats festgehalten. Es hängt heute im Bürgermeistersaal.

Eine Stunde später erklingt auf dem Rathausmarkt festliche Orchestermusik und gegen elf Uhr ziehen die Senatoren im vollen Ornat in den großen Festsaal ein, in dem bereits 650 geladene Gäste versammelt sind: hohe Beamte und Offiziere in Uniform, Diplomaten im buntgestickten Frack, Geistliche im Talar, Mitglieder bedeutender Hamburger Familien und die Bürgermeister benachbarter Städte mit ihren schweren goldenen Amtsketten.

Wahrzeichen seit 1897: Das Hamburger Rathaus

Sie alle sind gekommen, um der Einweihung eines wichtigen Gebäudes beizuwohnen. Nach vielen Jahren des Streites und der Diskussionen wird das neue Rathaus eingeweiht. Elf Jahre sind seit der Grundsteinlegung vergangen. Die auf rund 4,5 Millionen Goldmark veranschlagten Baukosten haben sich auf 11 Millionen mehr als verdoppelt, heute wären das etwa 80 Millionen Euro. Dafür ist der Neubau aber auch besonders prunkvoll. "Wir werden uns an die Eleganz und die vielen großen Räume erst gewöhnen müssen", bekennt Bürgermeister Mönckeberg.

55 Jahre hat Hamburg kein Rathaus

55 Jahre lang waren Senat und Bürgerschaft heimatlos, nur notdürftig in Ausweichquartieren wie dem Waisenhaus an der Admiralitätsstraße untergebracht, nachdem das alte Rathaus an der Trostbrücke im Mai 1842 während des "Großen Brandes" gesprengt werden musste, um eine Ausbreitung des verheerenden Feuers zu verhindern. Seitdem sind zahlreiche Architektenwettbewerbe veranstaltet, fast 200 Entwürfe vorgelegt und abgelehnt worden.

Erst als Martin Haller, der Sohn eines Hamburger Senators, die Initiative übernimmt, kommt Bewegung in die Sache. Der studierte Architekt macht den Rathausbau zu seinem Lebenswerk und gründet 1880 den Rathausbaumeisterbund. Die Vereinigung von neun Hamburger Architekten kann mit ihrem opulenten Entwurf überzeugen und sich ab 1886 ans Werk machen.

Auf Tausenden Eichenpfählen gebaut

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Das neue Rathaus ist ein imposanter Bau, der alle anderen Gebäude der Umgebung überragt.

Rund 4.000 Eichenpfähle von zwölf Metern Länge müssen in den sumpfigen Boden am neuen Standort an der Kleinen Alster gerammt werden. Darüber gießen die Bauarbeiter ein meterdickes Betonfundament, auf dem später der massive Sockel aus Bornholmer Granit errichtet wird. Die 111 Meter lange Sandsteinfassade im Stil der deutschen Renaissance und das Dach verzieren zahlreiche Kupferfiguren deutscher Kaiser, Schutzpatrone der sieben Hamburger Kirchspiele wie St. Petrus oder St. Paulus sowie Abbildungen verdienter Persönlichkeiten und Wappen wichtiger Hansestädte wie Lübeck, Königsberg und Amsterdam.

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Der Neubau entsteht in der Nähe der Alsterarkaden, die ebenfalls nach dem "Großen Brand" errichtet wurden.

Ein 112 Meter hoher Turm überragt als Zeichen der Macht alle Gebäude der Innenstadt, die nach dem großen Brand neu errichtet wurden. An dieses Aufbauwerk erinnert unter der großen Uhr der legendäre Vogel Phönix, der aus der Asche steigt, und ein Relief des alten Rathauses mit der Jahreszahl 1842.

Niedrige Flügelbauten verbinden das Hauptgebäude mit der Börse, die Nähe symbolisiert die enge Verbindung zwischen den Politikern und den Kaufleuten der Stadtrepublik. Der Brunnen im Rathaushof ist Hygieia, der griechischen Göttin der Gesundheit gewidmet, als Mahnung an die Cholera-Epidemie, der nur fünf Jahre zuvor 8.605 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Der Brunnen als Klimaanlage

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Der Bildhauer Joseph von Kramer schuf den Hygieia-Brunnen. Die sechs Figuren am Fuße der Göttin zeigen die Nutzung von Wasser.

Der Brunnen ist ein technisches Wunderwerk: Er fungiert als Eingang einer Klimaanlage, die das Rathaus mit Frischluft versorgt. In seinem Sockel sind Öffnungen angebracht, durch die frische, vom ständig fließenden Brunnenwasser gekühlte Luft angesaugt und mithilfe von elektrisch betriebenen Ventilatoren in die einzelnen Amtsstuben und Säle geleitet wird. Die auf gleiche Weise abgezogene Abluft wird zum Turm geleitet, wo sie durch Öffnungen im Helm austritt.

Im Winter wird mit Fernwärme geheizt - mit Dampf, der in den Kesseln der elektrischen Zentrale in der Poststraße erzeugt und durch unterirdische Rohrleitungen ins Gebäude geführt wird.

Sitz von Regierung, Parlament und Behörden

In dem neuen Gebäude arbeiten Senat, Bürgerschaft, Finanz-Deputation, das Staatsarchiv und weitere Behörden fortan unter einem Dach. Schon bald nach seiner Eröffnung kann die Bevölkerung das Rathaus besichtigen. Noch bis 1901 wird weitergebaut, am ursprünglichen Entwurf angeblich so viel geändert, dass Martin Haller mit seinem Lebenswerk bricht. Bis zu seinem Tod 1925 soll er das Gebäude nicht mehr betreten haben.

647 Räume befinden sich im Inneren des Rathauses, darunter zahlreiche große und kleine Säle und Sitzungsräume. Das Herzstück bilden der Senatssaal, in dem die Stadtregierung bis heute ihre Beratungen abhält, und der Sitzungssaal der Bürgerschaft, die Volksvertretung der Hansestadt. Im März 1919 wird sie erstmals demokratisch von allen volljährigen Hamburgerinnen und Hamburgern gewählt.

Der Rathausmarkt ist Platz für Demonstrationen

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Der Platz vor dem Rathaus wird auch heute noch regelmäßig für Demonstrationen genutzt, hier 2017 für ein starkes Europa.

Immer wieder wird das Rathaus zum Ziel politischer Proteste: 1906 demonstrieren Tausende aufgebrachte Arbeiter gegen eine geplante Verschärfung des Wahlrechts, in der Revolution im November 1918 übernimmt der sozialistische Arbeiter- und Soldatenrat die Macht, bei der Kundgebung "Kampf dem Atomtod" warnt Bürgermeister Max Brauer im April 1958 die mehr als 120.000 Demonstranten vor einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr. Und im Oktober 1983 versammeln sich hier Zehntausende Demonstranten gegen den NATO-Doppelbeschluss.

Immer wieder kommen Staatsgäste

Zahlreiche hohe Gäste haben die Ersten Bürgermeister im Rathaus schon empfangen, darunter gab es auch einige denkwürdige Begebenheiten. Haile Selassie etwa, der Kaiser von Äthiopien, lässt 1954 zwei Elefantenzähne und zwei Speere als Gastgeschenk überreichen, den Schah von Persien empfangen 1967 protestierende Studenten. Nach altem Brauch erwartet der Bürgermeister die Gäste am oberen Ende der Rathaustreppe. Nur Paul Nevermann geht 1965 der Queen einige Stufen entgegen.

Heute ist das Rathaus noch immer Regierungssitz, Verwaltungszentrale und Parlamentsgebäude sowie eine der Top-Sehenswürdigkeiten der Stadt. Es ist täglich für Besucher geöffnet, in der Diele laden Bänke zum Verweilen ein. Und wie vor 120 Jahren sprudelt noch immer frisches Trinkwasser in das metallene Becken neben der mächtigen Eingangstür.

Grafik mit dem Schriftzug "Heimatkunde - alles über Hamburg: Rathäuser"

Heimatkunde: Rathäuser

Hamburg Journal

Hamburgs Rathaus gilt neben dem Michel als Wahrzeichen der Stadt. Das Rathaus hatte sechs Vorgänger. Daneben gibt es noch Rathäuser aus früher eigenständigen Orten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 24.10.2017 | 10:20 Uhr

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